Kenia RHEINPFALZ Plus Artikel Warum sich Hunderte Anhänger einer Sekte zu Tode gehungert haben

Sektenführer Paul Mackenzie sitzt inzwischen im Gefängnis.
Sektenführer Paul Mackenzie sitzt inzwischen im Gefängnis.

Seit Wochen sorgt der Fall einer evangelikalen Sekte in Kenia für Schlagzeilen. Der mittlerweile inhaftierte Sektenführer soll seine Anhänger dazu aufgerufen haben, sich zu Tode zu hungern. Das ganze Ausmaß ist nicht absehbar.

Ein Team polizeilicher Ermittler arbeitet sich in weißen Schutzanzügen langsam durch ein über 300 Hektar großes Waldstück, knapp zwei Autostunden vom kenianischen Küstenstädtchen Malindi entfernt. Immer wieder bleiben die Detektive stehen, um mit ihren Spaten den Boden aufzuwühlen. Dort stoßen sie regelmäßig auf notdürftig begrabene Leichen. An 65 verschiedenen Stellen haben sie bereits 200 Leichname entdeckt – vor allem Kinder, viele Frauen, auch Männer.

Die Totengräber werden nachts von Alpträumen geplagt. Trotzdem müssen sie weitermachen, womöglich noch mehrere Wochen lang. Noch immer werden in der Gegend von Malindi 600 Menschen vermisst – alles spricht dafür, dass auch sie tot sind.

Hin und wieder treffen die Detektive auch auf noch lebende Skelette, die im Busch kauern – und beim Anblick ihrer Retter alles andere als beglückt reagieren. „Hau ab“, habe ihn eine sterbende Frau angefahren, berichtet Menschenrechtler Victor Kaudo der New York Times: „Du bist ein Feind Jesu.“

Tragödie von apokalyptischem Ausmaß

Religiös ist auf dem afrikanischen Kontinent fast jeder; viele gehören den wie Pilze aus dem Boden sprießenden charismatischen Kirchen an; manche schließen sich auch zweifelhaften Sekten an. Doch was in dem „Shakahola“ genannten Waldstück vor sich ging, übersteigt alles bisher selbst aus Afrika Bekannte: ein religiös ausgelöster und kommerziell kaltblütig ausgeschlachteter Massenselbstmord durch Verhungern, zu dem sich Hunderte Erwachsene bereiterklärten beziehungsweise Kinder gezwungen wurden. Eine Tragödie von apokalyptischem Ausmaß.

Sektenführer Paul Mackenzie begann das Predigen schon vor vielen Jahren, zunächst im Hinterhof von Ruth Kahindis Gehöft, einer Glaubensschwester aus der Baptistengemeinde. Der 30-jährige Taxifahrer habe sich als mächtiger Redner erwiesen, erzählte Kahindi der „New York Times“. Die Inhalte seiner Predigten hätten sich zunächst noch im in Afrika gewohnten Rahmen bewegt. Mit der Zeit sei Mackenzie jedoch immer „apokalyptischer“ und radikaler geworden. Er forderte seine Gläubigen auf, keinen Arzt mehr aufzusuchen und ihre Kinder nicht mehr zur Schule zu schicken, weil die Wiederkehr Christi unmittelbar bevorstehe. Kahindi trennte sich von dem „Propheten“ – auch weil er regelmäßig in den Opferstock gegriffen habe.

Mackenzies Karriere nahm damals erst so richtig Fahrt auf. Er mietete sich einen Fernsehkanal, um als TV-Evangelist mehr Leute zu erreichen, und baute ein großes gemauertes Gotteshaus für seine „Good News International Church“. Später erwarb er die Farm Shakahola und zog sich mit dem Kern seiner Gemeinde dorthin zurück, um sich auf die für den 15. April vorhergesagte Wiederkehr Christi vorzubereiten. Durch Fasten.

Babys der prallen Sonne ausgesetzt

Wer dem Gottessohn besonders nahe sein wollte, sollte sich zu Tode hungern. Auf diese Weise habe man einen entscheidenden Vorsprung vor dem Rest der Menschheit. „Er hat diese merkwürdige Macht über Menschen“, sucht die abtrünnige Elizabeth Syombua zu erklären: „Man wird regelrecht süchtig nach seinen Worten.“

Anfang dieses Jahres wurde es ernst. Zuerst sollten die Kinder durch Verhungern zum Heiland gebracht werden, dann die Unverheirateten, schließlich die Mütter und Väter. Mackenzie und sein Mitarbeiterkreis waren war natürlich zuletzt dran. Die Kinder wurden nahrungslos in Hütten eingeschlossen und Babys der prallen Sonne ausgesetzt: „Damit sie schneller sterben“, erzählt der ehemalige Hilfsprediger Titus Katana den Ermittlern.

Im März wurde Mackenzie verhaftet, nachdem Gerüchte über verschwundene Kinder die Runde gemacht hatten. Aus Mangel an Beweisen wurde er jedoch bald wieder freigelassen. Erst als im April die Existenz der Hungerfarm Shakahola, des „Heiligen Landes“, bekannt wird, bricht Mackenzies Endzeitgebäude zusammen. Inzwischen sitzt er mit 26 Mitangeklagten im Gefängnis. Ende dieses Monats soll der Prozess beginnen. Mackenzie leugnet alle Anschuldigungen – auch dass er sich am Besitz seiner verhungerten Opfer bereichert habe.

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