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Samstag, 20. April 2019 Drucken

Kultur

Robert Smith von The Cure: Rechtzeitig aus der Gruft geklettert

Wie es Robert Smith von der Kultband The Cure schaffte, sonntags seinen 60. Geburtstag zu erleben

Von Oliver Wehner

Robert Smith Ende März in New York bei der Einführung von The Cure in die Rock’n Roll Hall of Fame: lächelnd – oder so etwas ähnliches.

Robert Smith Ende März in New York bei der Einführung von The Cure in die Rock’n Roll Hall of Fame: lächelnd – oder so etwas ähnliches. ( Foto: REUTERS)

Ob Robert Smith einst als 20-jähriger aufstrebender Star der englischen Post-Punk- und New-Wave-Szene sich hätte vorstellen können, seinen 60. Geburtstag überhaupt zu erleben? Immer wieder hat der Sänger der Kultband The Cure in seinen Texten mit dem Tod kokettiert. Ein flüchtiges Zusammentreffen mit einer anderen Ikone der Szene dürfte ihm aber deutlich gemacht haben, dass es um seine Seelenlage so übel gar nicht bestellt war. Sein Talent wäre an den Strick auch verschwendet gewesen.

„Ich dachte, mir gehe es schlecht. Aber der war wirklich fertig“, soll Smith damals über Ian Curtis gesagt haben, dem er einst irgendwo hinter der Bühne begegnete. Robert Smith und The Cure hingegen machten trotz beschworener Todessehnsucht die Karriere, die Curtis, der sich erhängte, mit Joy Division verheißen schien. Die bleich geschminkte Stilikone mit dem Vogelnest auf dem Kopf wird am Sonntag wohl mit seiner Frau Mary, einigen Kumpanen sowie ein paar Bierchen in seinem Haus an der englischen Kanalküste auf den runden Geburtstag anstoßen. Eine bizarre Karriere nachfolgend im Schnelldurchgang, beleuchtet mittels einer persönlichen Top Ten stilprägender Cure-Titel. Ausdrücklich kein „Best of“!

„10.15 Saturday Night“

Eine Stehlampe, ein Kühlschrank, ein Staubsauger – das Stillleben auf dem Cover des Debütalbums 1979. Smith, Laurence Tolhurst und Michael Dempsey orchestrieren mit dem Handwerkszeug einer Schülerband – Roberts Gitarre kostete 20 Pfund bei Woolworth – Londoner Vorstadttristesse mit flackernden Neonröhren und tropfenden Wasserhähnen. Geprobt wird im Haus seiner freigeistigen Eltern Rita und Alex. Rockstar werden oder wie vorbestimmt in einer Chemiefabrik von Crawley arbeiten? Robert Smith hat seine Wahl getroffen. Und verfolgt den Plan alles andere als (alp)träumerisch: zielstrebig und geschäftstüchtig.

„Killing an Arab“

Das erste Missverständnis. Irrlichternde rechte Skins grölen bei den Auftritten in Musikpubs den Song berauscht mit, weswegen Smith auch mal von der Bühne springt und mit den ungebetenen Gästen diskutiert – per Faust. „Existentialisten-Pop“ titelt dagegen die längst auf The Cure neugierige Musikpresse über die neuen Darlings. Der ernste junge Mann am Mikro hat seinen Camus gelesen, „Der Fremde“: „Staring at the sky, staring at the sun.“

„A Forest“

Der Indie-Klassiker – obwohl The Cure niemals independent waren: Fiction Records gehörte zu Polydor. Labyrinthisches Waldbaden. Wer das schlichte Video kennt und die früheren epischen Liveversionen samt Lightshow, kann hier schräge Musik in Farbe hören: fahles Grün und Nebelgrau.

„The Holy Hour“

Gothic – eine Etikette der frühen 80er hängt The Cure längst an. Auf ihrem dritten Album 1981 wird’s sakral. Es geht um den Tod (Ian Curtis lebt nicht mehr) und den Glauben. Simon Gallups Basslinien und Smiths Heulbojen-Gesang erreichen Abgründe. Optisch ist die Stilikone für Millionen Teenager der 80er geboren: Kajal um die Augen, verschmierter Lippenstift, toupierte Haare.

„The Figurehead“

1982, willkommen in der Gruft. Drogen, Alkohol, Tourstress – „das ganze Paket“, sagt Smith. Finsterer, selbstanklagender, niederschmetternder geht’s nicht. Das Album „Pornography“ ist erster Höhepunkt und Sackgasse zugleich. In Straßburg prügeln sich die Jugendfreunde Smith und Gallup. Der Bassist geht, die Band ist tot, zumal Drummer Tolhurst sich dem Suff hin- und ergibt.

„The Walk“

Robert Smith macht dann doch ein bisschen weiter, für sich, im Studio. Er singt, spielt Gitarre und die Keyboards, und wenn Tolhurst wieder mal nicht trommeln kann, tut’s der Drumcomputer. Es entstehen die ersten Pop-Perlen („The Lovecats“) – charttauglich. Dabei wollte Smith die Band mit dem neuen, pseudoheiteren Sound eigentlich endgültig zerstören, wie er später zugibt. Doch was ihm anfangs an Songmaterial lächerlich erscheint, ist gut, öffnet neue Horizonte. Und erschließt neue Märkte.

Shake Dog Shake“

Der beste Konzert-Opener der Band von der psychedelisch anmutenden Platte „The Top“ (1984). Smith experimentiert erneut mit arabischen Einflüssen und ist angewidert von seiner dem Cocktail aus Alkohol und Drogen geschuldeten Aufgedunsenheit („Piggy In The Mirror“). Cure sind zwar noch nicht wieder eine Band, aber ein Studioprojekt.

„How Beautiful You Are“

1997, Simon Gallup ist längst zurück, The Cure füllen nun Stadien. Das Doppelalbum „Kiss me, Kiss me, Kiss me“ ist das kreativste, energiegeladenste Werk von Robert Smith. Ein wilder Ritt: Alptraumhafte Psychopathenfantasien („The Kiss“) wechseln sich mit bittersüßer Zuckerwatte („Just like Heaven“) ab. „Wie schön du bist“, heißt es so harmlos. Doch Baudelaire lauert. Der erste Vers zerstört das Idyll – very british, by the way: „Du willst wissen, warum ich dich hasse? Nun gut, ich werde mich an einer Erklärung versuchen.“

„Disintegration“

Das gleichnamige 89er-Plattenepos schwelgt mit mächtig Hall in musikalischer Schwüle, Hitzegewittern, reinigendem Starkregen. The Cure auf dem Höhepunkt ihrer Macht im Reich des ausklingenden Wave-Zeitalters. 30 Jahre später, also jetzt im Mai, wird Robert Smith den Meilenstein an vier Abenden im Sydney Opera House zelebrieren. Das vorerst letzte bedeutsame Cure-Album „Bloodflowers“ (2000) schließt atmosphärisch an „Disintegration“ an.

„Quicksand“

Kein Cure-Song, sondern David Bowie. Das Idol Smiths. Der es aber geschafft hat, dass sich selbst sein Vorbild vor ihm verneigt. Bei Bowies Gala zu dessen 50. Geburtstag im Madison Square Garden kündigt der Meister seinen Duettpartner so an: „Ein Freund aus England. Von einer der besten, exzentrischsten britischen Bands, deren großer Fan ich seit Jahren bin.“ Der Ritterschlag für Robert Smith, den der „New Musical Express“ 2009 selbst zum „Godlike Genius“ erhebt. Seitdem gibt’s keine neue Platte, aber ein paar Touren und Festivals. Er, der so oft das abrupte Ende besang, schleicht sich eher von dannen ...

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