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Dienstag, 19. März 2019 Drucken

Kultur

Raubkunst im Mainzer Luftschutzkeller

Die Kuratorin der Ethnografischen Sammlung der Universität möchte eine Bronze aus Benin zurückgeben – Aber das ist nicht einfach

Von Karin Dauscher

Nach der Plünderung eines Königspalastes im heutigen Nigeria kam der Gedenkkopf nach Deutschland. Als Raubkunst identifiziert hat ihn die Wissenschaftlerin der Universität Mainz, Anna-Maria Brandstetter.

Nach der Plünderung eines Königspalastes im heutigen Nigeria kam der Gedenkkopf nach Deutschland. Als Raubkunst identifiziert hat ihn die Wissenschaftlerin der Universität Mainz, Anna-Maria Brandstetter. ( Foto: Kristina Schaefer)

In der Ethnografischen Studiensammlung der Mainzer Universität hat Kuratorin Anna-Maria Brandstetter einen Gedenkkopf aus dem Königreich Benin im heutigen Nigeria als Raubkunst identifiziert. Der rheinland-pfälzische Kulturminister Konrad Wolf (SPD) strebt ebenso wie die promovierte Ethnologin eine Rückgabe der Bronze an. Das gestaltet sich jedoch schwierig. Eine nigerianisch-europäische Dialoggruppe beschäftigt sich derzeit mit der Zukunft von rund 4000 Messing- und Elfenbeinarbeiten aus Benin. Doch deren Planung ist umstritten.

«»Für eine Plastik, die noch vor 122 Jahren auf einem Altar im Königspalast von Benin an einen verstorbenen Herrscher erinnerte, ist der aktuelle Aufbewahrungsort äußerst ungewöhnlich: ein Keller im Forum der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz. Er zeichnet sich durch gedrungen wirkende Räume und massive Türen aus – es ist ein ehemaliger Luftschutzkeller, der die Ethnografische Sammlung der Universität beherbergt. Sie ist zweckmäßig eingerichtet und sorgsam belüftet, um Studierenden am Institut für Ethnologie und Afrikastudien Kultur und Geschichte authentisch vermitteln zu können. Wie lange die 30 Kilogramm schwere Bronze aber noch Teil der Sammlung sein wird, ist ungewiss.

Ihre Vergangenheit dagegen kann Anna-Maria Brandstetter inzwischen nachzeichnen. Vermutlich Mitte des 19. Jahrhunderts wurde sie von Bronzegießern im Glockengussverfahren gefertigt. Ursprünglich steckte in der Öffnung des Kopfes ein beschnitzter Stoßzahn. Es war üblich, dass ein König einen solchen Gedenkkopf als Andenken an einen verstorbenen Vorgänger in Auftrag gegeben hat. Im Februar 1897 dann haben britische Kolonialtruppen den Königspalast von Benin erobert und geplündert. Rund 4000 Bronze- und Elfenbeinarbeiten raubten die Soldaten. Einen Teil veräußerte das British Museum offiziell als Kriegsbeute, andere Gegenstände wurden als Belohnung an die Teilnehmer des Feldzuges verteilt, die sie ihrerseits an Händler, Reisende oder Kolonialbeamte verkauften. So gelangte der Afrikareisende Max Schoeller in den Besitz des frisch geraubten Gedenkkopfes. Ein Jahr später, 1898, tauschte er ihn im Stuttgarter Linden-Museum gegen ein Ritterkreuz 1. Klasse des Friedrichsordens ein. Nach Mainz in die Ethnografische Sammlung kam das Kunstwerk 1971 als Teil eines mehr als 600 Objekte umfassenden Bestandes von Kunst- und Kulturgegenständen vorwiegend aus Afrika, daneben aus Australien und Neuguinea. Im Gegenzug übergab Mainz mehr als 700 Objekte aus Afghanistan und Pakistan an das Linden-Museum.

Schon 2014 machte Brandstetter in einem Vortrag im Mainzer Landesmuseum auf die problematische Herkunft des Gedenkkopfes aufmerksam, aber die öffentliche Resonanz blieb aus. Die Wissenschaftswelt war zu dieser Zeit aber bereits sensibilisiert. Spätestens 2007 war in Wien bei einer großen Ausstellung die Geschichte des Königreichs Benin und des Benin-Schatzes aufgearbeitet worden. In Deutschland diskutierten Politik und Öffentlichkeit das Thema Raubkunst vor allem im Kontext des Nationalsozialismus’. Die Kolonialzeit rückte erst später in der Debatte um das Berliner Humboldt-Forum in den Blickpunkt.

Inzwischen wächst der Druck auf Deutschland, die aus Kolonien, nicht nur aus deutschen, stammende und meist unrechtmäßig von dort mitgenommene Kunst zurückzugeben, nachdem Frankreich einen solchen Schritt im vergangenen Jahr angekündigt hat. Ginge es nach der Kuratorin der Ethnografischen Sammlung in Mainz, stünde einer baldigen Rückgabe des Gedenkkopfes aus Benin nichts im Weg. Auch weitere knapp 50 Objekte der 2900 Gegenstände umfassenden Sammlung, die bereits als Raubgut identifiziert sind, würde sie gern zurückgeben.

Der rheinland-pfälzische Kulturminister Konrad Wolf (SPD) ist auf Brandstetters Seite: „Ich unterstütze die Rückgabebemühungen der Johannes Gutenberg-Universität Mainz ausdrücklich! Das ist ein wichtiger Schritt der Versöhnung und der Aufarbeitung unserer Geschichte.“

In den Landesmuseen gibt es nach Angaben des Kulturministeriums keine Raubkunst aus der Kolonialzeit, aber in einigen wissenschaftlichen Einrichtungen wie eben jener der Uni Mainz. An einigen „sensiblen Objekten“ sei noch eine intensive Provenienzrecherche nötig, heißt es aus dem Ministerium. Die neue Kulturministerkonferenz hat sich des Themas bei ihrer ersten Sitzung vergangenen Woche angenommen. Geprüft werde, so ein Ergebnis, eine Anlaufstelle einzurichten, um schnelle Rückgaben möglich zu machen.

Doch im Fall des Gedenkkopfes wird es wohl nicht schnell gehen. Einen Alleingang schließt Anna-Maria Brandstetter aus. Sie plädiert dafür, die weiteren Vorschläge der Benin-Dialoggruppe abzuwarten. Diese Gruppe wurde eingerichtet, um über die Zukunft der rund 4000 Beutestücke aus dem Königspalast in Benin, die heute in diversen Museen Europas Sammlungsstars sind, zu entscheiden. Ihr gehören Vertreter des Königshauses Benin an, das noch immer eine hohe symbolische und kulturelle Funktion hat, Vertreter des Bundesstaates Edo und des Staates Nigeria sowie Repräsentanten europäischer Museen. Vergangenes Jahr verständigte sich die Gruppe auf einen Museumsbau in Benin City. Heftig kritisiert ist Brandstetter zufolge jedoch, dass die Kunstwerke Nigeria nicht zurückgegeben, sondern lediglich als Leihgaben zur Verfügung gestellt werden sollen.

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