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Montag, 24. September 2018 Drucken

Kultur

Die Seele im Darm

In Frankfurt-Höchst wird Fleisch „als Ursprung aller Kunstthemen“ gefeiert

Von Falk Reimer

„Seelenweihnacht“ heißt diese in der Ausstellung zu sehende Arbeit.

„Seelenweihnacht“ heißt diese in der Ausstellung zu sehende Arbeit. ( Foto: Künstlergruppe Gotensieben)

Da wird die Bärchenwurst noch breiter grinsen: Die Kunsthalle Ludwig, die Künstlergruppe Gotensieben und die Fleischer-Innung Frankfurt-Darmstadt-Offenbach veranstalten eine gemeinsame Ausstellung in Frankfurt-Höchst. Titel: „Metzgerei Seele & Söhne“. Doch, das passt: Laut Ankündigung ist „Fleisch der Ursprung aller Kunstthemen“. Also werden alle Exponate konsequent aus Fleisch sein. Es kommt wieder zusammen, was zusammen gehört. Wie groß war das Entzücken, als Lady Gaga mit dem Fleischkleid in Los Angeles für den künstlerischen Höhepunkt der modernen Popmusik gesorgt hat! Wie groß war die Freude der Metzger in Arles, als Vincent van Gogh sich sein Ohr zur Herstellung eines Potts der legendären südfranzösischen Knorpelsuppe abgeschnitten hat!

„Das Material der Künstler kommt aus unseren Schlachthäusern“, teilt die Innung stolz mit. Mal schnell die handliche Haxe in Mett dippen, das Ganze mit Hühnerherzen garnieren und über Kunst sinnieren. Statt einem nasalen „Der Expression des Artisten mangelt es an Subtilität“ wird ein vernuschelt-kauendes „Da muss noch Pfeffer ran! Wo is’n der Senf?“ erklingen. Eine Ausstellung für jedermann also. Das Land der Grillweltmeister wird nun endlich wieder zur Kulturnation. Hartz-Fernsehen und Hetz-Netz werden durch Hack-Kunst ersetzt.

Die Künstler Klaus Reichert, nach eigenen Bekunden „aufgewachsenen in einer Metzgerei“, und Thomas Balzer (Gotensieben) erklären, sie hätten als Kinder fest daran geglaubt, dass die Seele eines Menschen ein Organ sei, irgendwo im Körper verborgen. Sie hätten sich nun auf die Suche gemacht und seien fündig geworden. Haben sie auch beim Menschen gesucht? Oder war das nur metaphorisch gemeint? „Angst essen Seele auf“ – endlich wird der Titel verständlich. Auf jeden Fall müssen die Feuilletons neu gestaltet werden. Nicht nur die Blutorgien von Hermann Nitsch können nun als Seelen- und somit auch als Sinnsuche begriffen werden. Auch cineastische Meisterwerke wie „Das Blutgericht von Texas“ (Original: „The Texas Chainsaw Massacre“) erhalten völlig neue Bedeutungsebenen.

Spannend sind auch die neuen didaktischen Möglichkeiten in der Schule: „Kinder, ich habe euch eine Kuh mitgebracht. Wer zuerst die Seele findet, darf in warmem Blut baden!“ Praxisnah wird er sein, der neue gemeinsame Reli-Bio-Kunstunterricht.

Den Möglichkeiten der Ausstellung jedenfalls sind keine Grenzen gesetzt, der Ansatz ist genial. Rodins Plastik „Der Denker“ könnte aus Leber modelliert werden. Das Geheimnis von Warhols Tomatensuppe wird gelüftet: Es sind Köttbullar drin! Ein Mona-Lisa-Replikat, gemalt auf Schweinedarm. Und vieles mehr. Guten Hunger!

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Details zur Schau: www.gotensieben.de

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