Umfrage: Die Eisernen – so werden die Kicker von Bundesligist Union Berlin genannt. Und sie überraschen die Republik derzeit mit erfolgreichem Fußball und grüßen die Konkurrenz derzeit von Tabellenplatz eins. 23 Punkte haben die Berliner nach elf Partien auf der Habenseite. Einen mehr als Bayern München. Kann denn Union tatsächlich Meister werden? Wir fragten mal bei sechs Trainern aus der Südwestpfalz nach.
„Es ist alles möglich“, sagt Steffen Sprau, der Spielertrainer des FK Petersberg (A-Klasse). Der Ex-Verbandsligafußballer schätzt die Berliner als sehr „ballsicher und mit viel Tempo im Spiel, wenn es nach vorne geht“, ein. Da sei die Handschrift von Trainer Urs Fischer bemerkbar. „Er hat einige Spieler, die es woanders gar nicht gepackt haben. Aber in Berlin bringen sie Höchstleistungen. Sie spüren das Vertrauen ihres Trainers“, mutmaßt Sprau. Ein Stolperstein auf dem Weg zum Titel könnte nach Spraus Einschätzung die „Dreifachbelastung“ in Meisterschaft, DFB-Pokal und Europa League werden. „Union muss Mittwoch, Sonntag, Mittwoch, Sonntag spielen. Da ist die Belastung eine ganz andere als bisher“, stellt Sprau fest. Als großes Plus bewertet er die Fans der Eisernen: „Das baut auf. Die werden doch in den Spielen getragen von ihren Fans.“
„Auf jeden Fall kann Union Meister werden“, sagt Daniel Preuß, beim Landesligisten SG Rieschweiler Sportvorstand und Spielertrainer der zweiten Mannschaft in der A-Klasse. Beispiele für Überraschungsmeister gebe es genug. Der frühere Oberligastürmer erinnert an Wolfsburg, den VfB Stuttgart, den 1. FC Kaiserslautern und vor allem an Leicester City, das mit einer Mannschaft ohne große Stars 2016 in der englischen Premier League triumphierte. Doch um die Schale in die Hauptstadt zu holen, müssten nicht nur die Eisernen sehr gut, sondern auch die Bayern eher unterdurchschnittlich spielen. Union sei „ekelhaft zu bespielen, weil die hingehen, wo es brennt, zweikampfstark sind und mit einem schnellen Umschaltspiel ihre Offensive brandgefährlich einsetzen“. Dieses Berliner System habe sich „über die Jahre entwickelt“, analysiert Preuß. Ein Handicap für Union sei indes die Dreifachbelastung: „Die machen das zum ersten Mal mit, sind das nicht gewohnt, verfügen nicht über die Erfahrung wie die Bayern.“ Zu Hause seien die Eisernen einfach eine Macht. Dazu trage „das gewisse Flair“ in dem altehrwürdigen Stadion bei. „Ich war schon mal da, als Union gegen Ahlen gespielt hat. Die Stimmung ist da super. Da ist alles on fire“, erzählt Preuß und ergänzt: „Es muss nur ein Jahr lang alles passen.“
„Die werden nicht Meister“, meint dagegen Felix Brunner, der Trainer des in der A-Klasse spielenden TuS Maßweiler. Der 31-Jährige ist sich „sicher, dass die noch einbrechen werden.“ Die Dreifachbelastung werde Union mehr zusetzen als der Konkurrenz. Brunner: „Deren Qualität reicht nicht aus.“ Zudem tue sich Union schwer, „mal das Spiel machen zu müssen“. Brunner vergleicht Union in der Spielanlage mit Atlético Madrid. Die Berliner stünden extrem kompakt und agierten „sehr körperbetont und zweikampfstark“, was vielen Mannschaften nicht schmecke. Gegen die Eisernen drei Punkte einzufahren, sei extrem schwierig geworden. Insbesondere im heimischen, eher kleinen Stadion, das Brunner als „Hexenkessel“ bezeichnet, sei dies problematisch. Dennoch: „Die Bayern haben ihre Schwächephase schon gehabt und Union Berlin wird sie noch kriegen.“
„Es wäre schön, wenn die Berliner es packen würden, aber ich glaube nicht daran“, befindet Andreas Langner, einer der erfolgreichsten Trainer im südwestpfälzischen Amateurfußball und derzeit in seinem Heimatverein, dem TuS Leimen (B-Klasse), als Coach aktiv. Langner: „Der Bundesliga würde Union als Meister bestimmt guttun. Berlin macht zurzeit ebenso wie Freiburg ganz viel richtig.“ Zudem seien die Kicker aus der Hauptstadt bislang von Verletzungssorgen verschont geblieben. Doch sollten mal einige Stammkräfte ausfallen, bleibe abzuwarten, ob der Kader in der Breite über genügend Qualität verfügt. Auch Langner ist angetan von der „massiven Unterstützung“ für die Eisernen in „jedem Heimspiel“. Für Union spreche zudem seine „einfach unbequeme Spielweise“.
„Da muss schon einiges zusammenkommen, wenn Berlin Meister werden soll“, sagt Marco Lang, Spielertrainer der SG Wallhalben/Mittelbrunn in der C-Klasse West. „Irgendwann werden die Punkte abgeben.“ Ob Union oder Freiburg: „Irgendwann kommt der Punkt, an dem es nicht mehr läuft“, ist sich Lang sicher. Eine Statistik vom letzten Match gegen Borussia Dortmund habe gezeigt: Union gewann, obwohl es weniger Sprints machte, weniger Ballbesitz hatte und mehr Fehlpässe fabrizierte. „Diese Serie wird nicht über eine gesamte Saison halten“, mutmaßt Lang. Union sei „defensiv sehr stark“, lasse ganz wenig zu. „Die haben den Willen und bislang auch das Spielglück“, nennt Lang Gründe für Platz eins nach zehn Spielen. Obwohl er den Eisernen den Titel wünsche, so „machen am Ende wieder die Bayern das Rennen, wenn sie ihr Potenzial ausschöpfen“. Doch: Nichts ist unmöglich.
„Obwohl ich Bayern-Fan bin, wünsche ich mir, dass Berlin den Titel holt. Ich kann es mir aber nicht vorstellen“, äußert sich Andreas Hergert, der Trainer von A-Klasse-Spitzenreiter SVN Zweibrücken. Eine Abwechslung in der Reihe der Meister würde der Bundesliga bestimmt guttun, ist Hergert überzeugt. Es sei indes alles andere als ein Zufall, dass die Eisernen ihre Goldposition einnehmen: „Die elf Spieler, die beginnen, zerreißen sich das Hemd, zeigen absoluten Willen. Und wenn dann ein No-Name-Spieler von der Bank kommt, merkt man keinen Qualitätsunterschied.“ Und dafür macht Hergert Trainer Urs Fischer verantwortlich. „Er stellt die Spieler optimal ein, findet wohl in der Kabine immer die richtigen Worte“, mutmaßt der 35-Jährige. Union komme zudem „direkt sympathisch rüber“. Mit dem Verein könne er sich identifizieren. Aber unterm Strich werde Geld den Titel holen. Weil Union keine Spieler schonen könne und die Mehrbelastung sich in Verletzungen bemerkbar machen könne, seien die Bayern im Vorteil.