Zweibrücken
Klimaschutz: Bürger werden Energiegenossen
Was bundesweit schon Schule macht, haben einige engagierte Zweibrücker nach etwa zweijähriger ehrenamtlicher Vorarbeit auch für die Menschen hier auf die Beine gestellt: eine von Bürgern für Bürger aufgestellte Genossenschaft, die den Umstieg auf nachhaltige Energiegewinnung von Zweibrücken über Pirmasens und Homburg bis in den Bliesgau vorantreiben soll. Sie unterscheidet sich vor allem in der Gesellschaftsstruktur sowie in der Zielrichtung, was mit den Gewinnen geschehen soll, von jener Gesellschaft Bürgerlichen Rechts, die in 2009 Bürger-Photovoltaikanlagen in Zweibrücken installierte.
„Es geht uns in allererster Linie um den Klimaschutz, nicht um finanziellen Ertrag. Wir alle machen das im Ehrenamt“, erklären Ina Stenger, Jens Kuhn und Stefan Paul unisono im Gespräch mit der RHEINPFALZ. Kuhn und Paul bilden zusammen mit Thomas-Erno Weidner den Vorstand der seit 15. Juni ins amtliche Register eingetragenen Bürger-Energie-Genossenschaft (BEG), Stenger ist eines von insgesamt sechs Mitgliedern des Aufsichtsrates. Genau darin sehen sie die Stärke des Projektes, an dem jeder gleichberechtigt teilhaben kann, das neben seiner Regionalität insbesondere von seiner Nachhaltigkeit, dem Solidaritätsprinzip und basisdemokratischer Strukturen getragen wird. „Unabhängig davon, wie viele Genossenschaftsanteile zu je 200 Euro jemand zeichnet, ist jedes Genossenschaftsmitglied mit genau einer Stimme stimmberechtigt“, betont Stefan Paul.
In kleinen Schritten und nicht dogmatisch
„Wir möchten einen kleinen Beitrag leisten, möchten für erneuerbare Energien kämpfen, um das hier auch in kleineren Gemeinden auf den Weg zu bringen“, erklärt Jens Kuhn und betont, dass es niemals um dogmatisch verbohrtes Handeln gehe, sondern darum, mit Spaß und Freude ein klein wenig dazu beizutragen, dass das Klima geschützt wird.
Das Genossenschaftsmodell, so legt Paul dar, ermögliche Menschen mit ähnlichen Interessen und viel Eigeninitiative, einen gemeinschaftlich finanzierten Geschäftsbetrieb auf die Beine zu stellen. Der diene zwar zuallererst der Selbsthilfe und Selbstversorgung, könne aber zugleich mit erwirtschafteten Gewinnen soziale, ökologische und kulturelle Ziele fördern. Zugleich profitiere natürlich auch die Allgemeinheit davon, dass mehr erneuerbare Energie produziert und der Co2-Ausstoß reduziert werde.
BEG möchte Dächer anmieten
Wie genau soll das funktionieren? Die Genossenschaft geht im ersten Schritt zunächst einmal auf Unternehmen zu, die über etwas größere bis große Dachflächen verfügen – von kleinem Autohaus bis große Werkshallen. Gemeinsam werde individuell ein Konzept entwickelt, wie die ungenutzten Dachflächen zum gegenseitigen Vorteil genutzt werden können. „Wir verfügen über jede Menge Hintergrundwissen rund um das Thema Photovoltaik und Fördermöglichkeiten, das wir den Unternehmen zur Verfügung stellen können.“
Verschiedene Geschäftsmodelle sind denkbar, von denen viele für die Besitzer der Flächen keine Investitionen erfordern. Das einfachste Modell läuft so: Der Immobilienbesitzer verpachtet ein geeignetes Dach für 20 Jahre an die BEG. Diese finanziert, baut und betreibt darauf eine Photovoltaikanlage. Den gewonnenen Strom kann der Immobilienbesitzer deutlich unter dem jeweiligen Marktpreis von der BEG beziehen, Überschüsse werden ins Netz der Energieversorger eingespeist. Aus den erwirtschafteten Einnahmen finanziert die BEG zum Beispiel weitere Dachanlagen, eventuell Freiflächenanlagen und zusätzliche Projekte wie E-Carsharing, Nah- und Fernwärme oder bidirektionales Laden.
Investition muss sich nicht schnell bezahlt machen
Die BEG sei – anders als viele Wirtschaftsunternehmen – nicht darauf angewiesen, dass sich ihre Investitionen schnell amortisieren. So sei die Genossenschaft in der Lage, Projekte anzugehen, die ansonsten niemals umgesetzt worden wären, weil sie betriebswirtschaftlich gesehen nicht zügig genug Gewinne erzielten. „Aber man darf doch auch nicht alles nur danach beurteilen, ob man damit schnell viel Geld verdient“, sagt Ina Stenger und verweist auf den ökologischen und gesellschaftlichen Nutzen solcher Investitionen. Außerdem, so betont Paul, färbe eine Zusammenarbeit mit der BEG auch auf die jeweiligen Unternehmen ab und sorge so für einen Imagegewinn.
„Nach 20 Jahren können die Unternehmen die Anlagen dann entweder zu einem symbolischen Preis übernehmen, oder wir bauen sie, wenn gewünscht, ab“, sagt Paul. „Photovoltaikpaneele können heute 30 Jahre und länger effizient genutzt werden, auch wenn über die Laufzeit hinweg natürlich ein wenig an Leistung verloren geht“, ergänzt Kuhn, weshalb der Weiterbetrieb durchaus lohne. Auch seien ausgediente Paneele entgegen verbreiteter Gerüchte kein Sondermüll, und man müsse sich auch nicht sorgen, dass die Feuerwehr ein Gebäude mit Photovoltaikanlage nicht lösche. Überhaupt: Die Anlagen würden selbstverständlich nicht nur professionell installiert und gewartet, sondern auch vollumfänglich versichert.
Bereits jetzt große Resonanz
Mehr als 50 Mitglieder aus der ganzen Region hat die Genossenschaft inzwischen und viele Mitstreiter, die noch nicht formell eingetreten sind. Aber jeder kann mitmachen, auch ohne Anteile zu zeichnen. Denn der BEG gehe es ja explizit darum, die Bürger zur Eigeninitiative zu bewegen. Da könne jeder, der sein Talent ehrenamtlich in den Ring wirft, zum Gelingen beitragen: vom Schüler, der in Webdesign oder Social Media fit ist, bis hin zum Steuerberater, der die BEG vor Fallstricken warnen kann. Wie auch immer: Die BEG rechnet damit, dass zum Jahreswechsel die ersten Anlagen in Betrieb gehen können – selbstverständlich vorrangig installiert von regionalen Betrieben, so Kuhn.