Zweibrücken
Gewalt am ZOB? Eine Spurensuche
In einem Kölner Altersheim sind 14 Senioren gegen Corona geimpft worden. Am nächsten Tag waren sie alle tot. Das hat mir neulich der Fahrer des Rollstuhltaxis erzählt – auf dem Weg zum Impfzentrum, wo ich meinen Vater gleichwohl gegen Corona impfen ließ.
Ich fragte den Taxi-Fahrer, wo er die Geschichte denn her hat. Ob er das in der Zeitung gelesen oder im Fernsehen gesehen hat. „Um Gottes Willen nein. Die Zeitungen, Radio und Fernsehen, die dürfen so was doch nicht berichten. Die Merkel sagt denen ganz genau, was sie schreiben und senden sollen.“ – „Soso“, dachte ich und erzählte dem Taxi-Fahrer, dass ich als Redakteur bei der RHEINPFALZ arbeite. „Mir hat die Merkel noch nie gesagt, was ich schreiben soll und auch sonst noch keiner“, sagte ich.
Darauf schaute mich der Taxi-Fahrer lange an, dann sagte er: „Naja, dann ist der Merkel die RHEINPFALZ halt nicht wichtig genug.“ Ich hakte nach. Ich bestand darauf, dass mir der Chauffeur sagt, wo er seine Köln-Geschichte her hat. „Aus dem Internet.“ Natürlich, Facebook lässt grüßen. Da kann man jeden Unsinn verzapfen, ohne dafür gerade stehen zu müssen.
An unseren Taxi-Fahrer musste ich sofort denken, als ich vergangene Woche diese „Nachricht“ in einer großen Zweibrücker Facebook-Gruppe las:
„Hallo. Heute Abend war mein Opa am ZOB, zirka um 7, halb 8. Er wurde von fünf ausländischen Jugendlichen zusammengeschlagen und mit einer Glasflasche geschlagen. Falls ihr das zufällig lesen solltet: ihr solltet euch schämen, sowas Respektloses und Asoziales wie euch hab ich noch nie gesehen. Falls jemand was gesehen hat, wäre es lieb, wenn ihr mir eine Nachricht senden würdet. Danke.“
Es folgte der Name der Verfasserin.
Über hundert Facebook-Nutzer reagierten auf diese Bekanntmachung bei Facebook. Keiner hatte etwas gesehen, die meisten schimpften auf Ausländer. Die Vorschläge, was mit den jugendlichen Schlägern zu machen sei, gipfelten in der Forderung: „Ins Flugzeug mit denen und ab nach Hause!“ Ein paar wenige rieten der Enkelin des Opfers, den Vorfall der Polizei zu melden.
Merkwürdige Geschichte, denkt die Redaktion – und ruft bei der Polizei an, um zu erfahren, ob die etwas von der Straftat vom Rosenmontag weiß. Das ist nicht der Fall. Also versucht die Redaktion, mit der Verfasserin des Facebook-Textes zu telefonieren. Ein Telefonat kommt nicht zustande. Also macht sich die Redaktion auf die Suche nach ihrem Opa. Die Adresse im Hornbachtal ist schnell ermittelt, doch niemand will seine Telefonnummer kennen, auch der Nachbar nicht.
Das Opfer: alles halb so wild
„Dann fahr’ ich halt mal bei dem Opfer vorbei“, sage ich zu dem Nachbarn. Keine fünf Minuten später ruft mich das Opfer an. Er sagt, er wolle kein großes Aufhebens um die Sache machen, alles halb so wild. Die Beule tue ihm schon gar nicht mehr weh. Außerdem habe seine Enkelin ohne sein Wissen die Sache in Facebook gestellt. Er habe sie gebeten, es wieder zu löschen. Er werde keine Anzeige gegen die Jugendlichen erstatten.
Merkwürdig, da verprügeln fünf junge Ausländer grundlos einen älteren Mann, der auf seinen Bus nach Hause wartet, und ziehen ihm eine Glasflasche über – und das Opfer will damit nicht zur Polizei gehen? Woher wusste die Enkelin, dass es sich bei den Tätern um Ausländer handelt? Hat sich der Opa die Ausweise zeigen lassen?
Keiner hat etwas beobachtet
Fragen über Fragen. Das Opfer äußert sich kleinlaut, die Enkelin taucht ab. Bei Facebook hat sich niemand gemeldet, der den Vorfall beobachtet hätte, obwohl an Rosenmontag zwischen 19 und 19.30 Uhr der Busbahnhof nicht menschenleer war. Hat ein Busfahrer etwas bemerkt? Die Stadtbus GmbH befragt ihre Fahrer, die zu der Uhrzeit den Busbahnhof passierten. Ja, zu der Zeit hätten sich mehrere Personen am Busbahnhof aufgehalten. Nein, eine Prügelei sei nicht aufgefallen. Die DB Regio Bus Mitte GmbH müsste das Opfer an Rosenmontag um 19.20 Uhr vom Busbahnhof heim ins Hornbachtal gefahren haben. Die RHEINPFALZ fragt, ob es da einen Vorfall vor oder während der Fahrt gab. Bisher hat die Regio Bus GmbH nichts gemeldet.
Bis zu zehn Jahre Gefängnis
Noch mal Rückfrage bei der Polizei. Weiß die nach einer Woche mehr? Die Beamten haben inzwischen mit dem Großvater gesprochen. Er habe keine Angaben machen wollen. Das müsse er auch nicht. Die Polizei greift den Fall trotzdem von Amts wegen auf und leitet den Sachverhalt an die Staatsanwaltschaft weiter. Schließlich handelt es sich um eine gemeinschaftlich begangene Körperverletzung – eine Straftat, die mit bis zu zehn Jahren Haft geahndet werden kann. Voraussetzung: Es verhielt sich so wie von der Enkelin in Facebook beschrieben.
Doch was in Facebook geschrieben steht, ist manchmal nur die halbe Wahrheit. Es könnte also sein, dass gar keine fünf Ausländer am Rosenmontag keinen Opa am Busbahnhof nicht ganz zusammengeschlagen haben. Vielleicht hat die Enkelin etwas aufgeblasen, um gegen Ausländer stänkern zu können.
Das tapfere Schneiderlein wurde berühmt, weil es „sieben auf einen Streich“ erlegt hatte. Nicht das Schneiderlein selbst, sondern andere machten schließlich aus sieben Mücken sieben Unholde.