Speyer
Schuhproduktion in Speyer: Die „Schlabbeflicker“ aus der Vorderpfalz
Speyer wurde in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zum Standort zweier Schuhfabriken. Das hatte vor allem mit der nacheinander unter den Namen Roos, RoVo und Salamander geführten Fabrik auf einem 14.000-Quadratmeter-Terrain westlich des Viadukts zu tun. Das Unternehmen hatte der jüdische Schuhmachermeister Bernhard Roos 1910/11 an der Burgstraße und der späteren Josef-Schmitt-Straße bauen lassen.
Die Schuhfabrik, in der am Schluss 400 Männer und Frauen beschäftigt waren, die täglich zwischen 6000 und 8000 Paar Schuhe anfertigten, hat eine bewegte Geschichte. Auf den 1912 im Alter von 72 Jahren gestorbenen Fabrikgründer Bernhard Roos folgten dessen Söhne August, Karl und Eugen. Ihr Vater hatte im Jahr 1864 in der Wormser Straße eine kleine Schuhschäfte-Fabrik gegründet, die er für sein Großvorhaben aufgab. Nach Auseinandersetzungen mit dem NS-Regime, die zum Suizid von August und zur USA-Emigration von Karl führten, übernahm Alice Roos gemeinsam mit ihren Ehemann Eugen Roos die Geschäfte. Doch 1935 wurden sie enteignet, der nichtjüdische Mitgesellschafter Robert Volz leitete nun das Unternehmen und nannte es „RoVo“.
Der mit den Roos’ befreundete Volz galt als sehr sozial eingestellt. Unter anderem ließ er einen Betriebskindergarten einrichten. 1959 stiegen die Stuttgarter Salamander-Werke in diese Produktion ein, ihr großes Logo längs über der mehrstöckigen Fabrik ist älteren Speyerern in Erinnerung.
Großbetrieb bis in die 70er
Der neue Besitzer teilte das Werk am 1. Januar 1967 in eine Grundstücks- und eine Betriebsgesellschaft auf. Als es zum 31. März 1975 schloss, wurden 400 Werksangehörige arbeitslos. Das Gebäude mit Riesengrundstück wurde an die Gemeinnützige Baugenossenschaft Speyer verkauft. Die ließ es abreißen und für 20 Millionen Mark einen Wohnkomplex mit 150 Eigentums- und Mieteinheiten errichten.
Kleiner als Roos/RoVo/Salamander, aber in der Fabrikation ebenfalls effektiv, war die Schuhfabrik Linn in der Mühlturmstraße. Sie wurde von den 1936 nach Speyer gewechselten Pirmasensern Oskar und Ernst Linn geleitet, nachdem die vorherigen Besitzer Müller & Söhne in Konkurs gegangen waren. Oskar Linn schied 1938 aus, ging nach Pirmasens zurück und betrieb dort einen Schuhgroßhandel. 1944 wurde das Unternehmen ausgebombt. Nach dem Krieg führten Ernst und Albert Linn weiterhin die Schuhfabrik, mussten aber 1954 Konkurs anmelden. Oskar Linn betätigte sich fortan wieder als Schuhhändler mit eigenem Geschäft. Das übergab er 1980 seinem Sohn Armin, der es 2000 seinem Sohn Andreas überschrieb.
In der Vergangenheit stellten auch in Speyer eigenständige Schuhmacher-Meister Fußbekleidung nach Maß her, wie heute noch Fredi Langs „Flotte Sohle“ in der Heydenreichstraße und die Werkstatt „Schusterhandwerk“ in der Kutschergasse. In diesem Metier Meister waren unter anderem auch Johann Georg Hufnagel in den 1920er bis 1940er Jahren oder später Mattias Lidl.
Nils erklärt: Der „Speyerer Schuh“ ist nicht für die Füße
Schuhe kennt und trägt jeder – ist das auch so beim „Speyerer Schuh“? Er ist etwas ganz Besonderes. Ihn anzuziehen, ergibt keinen Sinn: Er ist aus Eisen.
Wer den „Speyerer Schuh“ sucht, wird nicht bei Bödeker oder Linn fündig, sondern am früheren Stadttor Altpörtel. Es handelt sich nämlich um einen Jahrhunderte alten Eisenstab, der auf der linken Seite des Torturms – vom Postplatz aus gesehen – eingebaut ist. Dieser „Schuh“ ist ungefähr 28 Zentimeter lang und galt früher als Maßeinheit. Deshalb heißt er auch „Normalschuh“. Auswärtige Händler konnten an der Markierung ablesen, wie in der Stadt gemessen und gewogen wird. Ein Stück Stoff, das verkauft wurde, war dann zum Beispiel nicht einen Meter, sondern gut drei Schuh lang. Diese Einheit galt in Speyer bis 1802. Erst in jenem Jahr wurde in der Pfalz von den Franzosen das Meter-System eingeführt, das bis heute gilt.
Viele der Stadttürme des Mittelalters gibt es heute nicht mehr. Das Altpörtel jedoch hat die Stadtzerstörung 1689 überstanden. Daher gibt es auch den „Speyerer Schuh“ noch.