Speyer
Landwirte fürchten um ihre Zukunft
„Wir sind uns sehr einig, dass wir strikt dagegen sind“, sagt Sebastian Fischer im RHEINPFALZ-Gespräch. Er ist Vorstandsmitglied und Sprecher des Vereins, er hat sich für diesen auch in Diskussionen bei Facebook eingeschaltet. Es gebe mehrere Gründe für diese Haltung. Sie münden immer wieder in einem Problem: dem weiteren Verlust landwirtschaftlicher Nutzflächen.
Rund zwei Drittel dieser Flächen seien seit 1950 „verloren“ gegangen, berichtet Fischer. Damals seien 1671 der 4271 Hektar in Speyer agrarisch genutzt gewesen, heute nur noch rund 550 Hektar. Der Verein sieht die Landesgartenschau in engem Zusammenhang mit dem geplanten Wohn- und Gewerbegebiet Pionier-Quartier zwischen Speyer und Otterstadt – dieses werde viel Versiegelung bedeuten. Stadt-Wunsch in der Vergangenheit war, dass es rund 40 Hektar umfassen könnte. Fischer gibt die Meinung der Speyerer und Otterstadter Bauernschaft wieder, die sie auch im Slogan „Stoppt Landfraß“ auf den Punkt bringt: „Irgendwann muss damit Schluss sein.“
„Beruhigter Bereich“
Er habe Verständnis für das mit Landesgartenschauen verbundene Konzept, sagt der 38-jährige Agrarwissenschaftler: Die finanzielle Unterstützung erleichtere etwa die Umwandlung ehemaliger militärischer Flächen. Aber: Das verfügbare Kurpfalzkasernen-Areal ist nicht groß genug. Im ersten Konzept sind auch Korridore über die Äcker zwischen den ASV-Fußballplätzen und der Waldseer Straße, über Wammsee und Steinhäuserwühlsee erwähnt, über die sich Landesgartenschau-Gäste zum anderen Pol an der Klipfelsau bewegen könnten. Fischer stellt die agrarische Qualität der Flächen an der Waldseer Straße heraus und sagt über das Umfeld der Seen: „Das ist ein beruhigter Bereich mit viel Biodiversität, ich weiß nicht, wie man auf die Idee kommen kann, dort weitere Wege zu schaffen.“
Die Stadt ist an der Meinung des Fuhr- und Ackerbauvereins interessiert. Fischer war zu einer Expertenrunde zur Landesgartenschau eingeladen. Er sei darin der Einzige mit klarem Votum gegen die Speyerer Bewerbung gewesen, sagt er. Und das, obwohl auch Umweltverbände sowie die Speyerer „Fridays for Future“-Gruppe beteiligt gewesen seien. „Ich war schon ein bisschen enttäuscht“, sagt er. Den Teilnehmern, die in der Runde von einer Landesgartenschau mit neutraler oder gar positiver CO2-Bilanz geträumt hätten, habe er den positiven Beitrag der Landwirtschaft entgegengehalten, der wegfiele, wenn – auch im Zusammenhang mit dem geplanten Pionier-Quartier – Dutzende Hektar bisheriger Kartoffel- oder Roggen-Anbaufläche versiegelt würden.
Ein Beitrag der Speyerer und Otterstadter Landwirte zum Klimaschutz bestehe darin, mit dem Anbau ihrer Kulturen jährlich 235 Tonnen Kohlendioxid zu binden und 210 Tonnen Sauerstoff freizusetzen. Und: Eigentlich müsste dem Ganzen auch die Raumordnung einen Riegel vorschieben, so die Vereinsvertreter, denn es gehe um den Zugriff auf von dieser festgelegten landwirtschaftliche Vorrangflächen.
Ungünstiger Zeitpunkt
Die städtischen Pläne kämen für die Speyerer Bauern zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt, sagt Sebastian Fischer, der Junior-Chef vom Thomashof. „Die Anforderungen an die Landwirtschaft werden immer höher. Es ist ein komplexes System, das vor großen Umbrüchen steht.“ Neue Regeln forderten und förderten ein nachhaltiges Wirtschaften, und dafür würden Flächen „aus der Produktion“ genommen, erklärt er einen Zusammenhang etwa mit der Düngemittelverordnung. Der Platz in Speyer werde aber immer knapper, die Pachtkosten stiegen in kritische Höhen. „Die Stadt muss nicht komplett bis vor die Tore von Dudenhofen, Berghausen oder Otterstadt wachsen“, sagt Fischer. Für seine Branche – eigentlich wegen des Trends zu regionalen Lebensmitteln gefragt – werde die Luft dünn in Speyer. Als Defizit sieht er auch, dass sie keinen Vertreter mehr im Stadtrat habe. 13 Haupt- und Nebenerwerbsbetriebe seien noch Mitglied im Fuhr- und Ackerbauverein. „Und ältere Betriebsinhaber überlegen sich, ob sie sich überhaupt noch um eine Nachfolge kümmern müssen.“
RHEINPFALZ-Kommentar von Patrick Seiler
Gut zuhören
Stimmen aus der Landwirtschaft gegen die Landesgartenschau sollten sehr erst genommen werden.
Die Sorgen der Speyerer und Otterstadter Landwirte sind nachvollziehbar. Sie sehen ihre Geschäftsgrundlage durch die immer noch zunehmende Be- und Versiegelung in der boomenden Vorderpfalz wegbröckeln. Sie haben jedoch keine breite gesellschaftliche Lobby mehr. Deshalb ist es wichtig, dass die Politik ihnen gut zuhört – und den Dialog sucht. So könnte vielleicht auch die aktuelle Sorge abgemildert werden, dass Landesgartenschau und Pionier-Quartier untrennbar verbunden seien: Es könnte – anders als beim Pionier-Quartier – eine Landesgartenschau geben, die landwirtschaftliche Flächen (ver-)schont. Das würde allerdings nochmals deutliches Nachbessern am Konzept erfordern.