Speyer RHEINPFALZ Plus Artikel Foodsharing-Botschafterin im Interview: „Wir verstehen uns als Lebensmittelretter“

Lebensmittelschrank an der Quartiersmensa: Hier darf alles rein, was nicht schnell verdirbt.  Foto: Lenz
Lebensmittelschrank an der Quartiersmensa: Hier darf alles rein, was nicht schnell verdirbt.

Meinung am Montag: Anfang Dezember hat der erste Speyerer Nahrungsmittel-Schrank seine Türen vor der Quartiersmensa Q+H geöffnet. Anna Krämer ist seit wenigen Tagen eine von zwei Speyerer Foodsharing-Botschafterinnen. Ellen Korelus-Bruder hat sie gefragt, wie sich das gemeinsame Projekt von „Klima West“, Pflegeteam Handermann & Schäfer, Gewo Leben und Foodsharing entwickelt hat.

Frau Krämer, der Schrank ist fast leer. Liegt es an den derzeitigen Temperaturen?
Nein. Eher daran, dass es in Speyer derzeit nur vier Kooperationspartner und wenige Foodsaver an sich gibt. Der Bezirk Speyer steckt noch in den Kinderschuhen und muss aufgebaut werden. Dazu gehören auch die umliegenden Dörfer wie Dudenhofen, Lingenfeld, Böhl-Iggelheim bis Germersheim. Wir holen ab, sortieren und verteilen. Vor allem kleine, Inhaber-geführte Betriebe gehen inzwischen bewusster mit Produkten und ihrer Anschaffung um. Da bleibt dann weniger übrig. Und das ist gut so.

Wäre nicht ein zusätzlicher Kühlschrank eine Option?
Das Geld dafür liegt bereit, aber die Entscheidung steht noch aus. Vorgesehen ist er vom Projekt Klima West. Wir sind auf dem Gelände zu Gast. Gut ist, dass der Schrank mittlerweile rund um die Uhr geöffnet ist.

Wird das Angebot angenommen?
Auf jeden Fall. Wenn wir den Schrank befüllen, ist er zwei Stunden später wieder leer. Wir verstehen uns nicht als Lieferanten, sondern als Lebensmittelretter. Das Speyerer Angebot hat sich in unserer Whatsapp-Gruppe, bei Freunden und in den Familien herumgesprochen. Ebenso bei sozialen Einrichtungen, die uns im Notfall anrufen und unsere geretteten Nahrungsmittel an Bedürftige verteilen.

Was darf nicht, was soll rein in den Schrank?
Im Prinzip alles außer zubereiteten offenen Speisen, Frischfleisch und rohen Eierspeisen. Solange es den Kühlschrank nicht gibt, müssen Kühl-Produkte auch draußen bleiben. Die direkte Übergabe solcher Lebensmittel geht aber. Das funktioniert über die Essenskörbe im Foodsharing-Portal auch sehr gut.

Ist die Nachfrage größer als das Angebot?
Hätten wir mehr Partner, wäre sicher auch alles sofort weg. Unsere Devise: Das Mindesthaltbarkeitsdatum ist kein Sterbedatum für das Lebensmittel. Wir lehnen nur Produkte mit überschrittenem Verbrauchsdatum ab. Viele Kleingärtner und -bauern sowie Privatpersonen bringen überschüssige Ernte aus Feld und Garten vorbei. Schausteller gehören zu unseren Partnern. Wir verteilen aber auch Reste von Festen oder beispielsweise Abifeiern weiter.

Gibt es Missbrauch?
Bisher nicht. Nach 22 Uhr wird der Schrank nicht mehr angefahren. Deshalb gibt es auch keine Beschwerden im Wohngebiet.

Sind weitere Fair-Teiler-Schränke in Speyer geplant?
Von der Stadtgröße her wäre ein zweiter Schrank an einem anderen Standort optimal. Aber das wird sich ergeben.

Steht Foodsharing in Konkurrenz zur Tafel?
Nein. Wir sorgen dafür, dass Lebensmittel nicht in der Tonne landen. Auch in den Tafeln bleibt manches übrig, beispielsweise Waren aus Großbäckereien. Foodsharing kooperiert mit 90 Prozent der Tafeln im Land.

Kontakt

  • Foodsharing Bezirk Speyer und südlicher Rhein-Pfalz-Kreis , E-Mail: speyer.suedl.rhein.pfalz.kreis@foodsharing.network
  • Ansprechpartner: Anna Krämer, Sondra Keller
  • Im Netz: www.foodsharing.de

Zur Person

Anna Krämer ist 34 Jahre alt, verheiratet und Mutter von zwei Kindern. Sie lebt und arbeitet selbständig in Haßloch.

Zur Sache: Der erste Speyerer „Fair-Teiler“

Anfang Dezember des vergangenen Jahres sind die Türen des ersten Speyerer Nahrungsmittel-Schranks vor der Quartiersmensa Q+H in der Heinrich-Heine-Straße 8 aufgegangen. Christa Berlinghoff und Kerstin Ulm vom Projekt „Klima West“ haben das Angebot gegen Lebensmittelverschwendung initiiert. Zunächst konnten die beteiligten Foodsharing-Botschafter den Nahrungsmittel-Schrank an Werktagen von 8 bis 16 Uhr befüllen, Nutzer den Inhalt in der gleichen Zeit entnehmen. Mitarbeiter der benachbarten Firma Handermann & Schäfer stellten den „Fair-Teiler“-Schrank am Morgen vor die Quartiersmensa und holten ihn nach Dienstschluss zurück in ihre Räume. Mittlerweile ist der Schrank fest im Boden verankert. Somit können haltbare Lebensmittel rund um die Uhr entnommen oder hereingestellt werden. Die geplante zusätzliche Kühlmöglichkeit für verderbliche Produkte ist noch nicht realisiert, soll aber nach Angaben der Beteiligten kommen. Auch ein zweiter Fair-Teiler-Schrank an einem anderen Speyerer Standort ist angedacht. kya

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