Speyer Aus für Tabula-Rasa-Methode am Deich

Sind mit dem Mähen der Wiesen überhaupt nicht zufrieden: Hermann Steegmüller (links) und Jürgen Walter auf dem Rheinhauptdeich s
Sind mit dem Mähen der Wiesen überhaupt nicht zufrieden: Hermann Steegmüller (links) und Jürgen Walter auf dem Rheinhauptdeich südlich des Flugplatzes Speyer.
„Im Juni ist der gesamte Rheindeich zwischen Römerberg und Otterstadt gemäht worden. Auch bei den angrenzenden Wiesen gab es in der Zeit eine Mahd“, erinnert sich der Speyerer an den erschreckenden Anblick. „Da ist der Rückgang der Fluginsekten in den vergangenen Jahren um rund 75 Prozent erwiesen, und dann werden hier die Blühpflanzen fast alle auf einmal gemäht“, formuliert Steegmüller das für ihn schwer Fassbare. Es sei für ihn gleich klar gewesen, dass er den Ursachen für den radikalen Schnitt auf den Grund gehen und versuchen wird, die Tabula-Rasa-Methode künftig zu verhindern. Steegmüller führte Gespräche mit den zuständigen Personen für die Mahd der unterschiedlichen Flächen. Teils unterstützte ihn dabei der Harthausener Jürgen Walter. Er ist ebenfalls BUND-Mitglied und Vorsitzender des städtischen Naturschutzbeirats. Wie die beiden berichten, ist für die Mahd des Rheindeichs Heinz-Peter Wierig von der Deichmeisterei der Struktur- und Genehmigungsdirektion (SGD) Süd verantwortlich. Auf rund 35 Hektar (350.000 Quadratmeter) schätzt Steegmüller die Wiesenfläche im Bereich des circa acht Kilometer langen und bis zu 50 Meter breiten Damms auf Speyerer Gemarkung. „Herr Wierig erklärte uns, dass der Damm aus drei Teilen besteht: die Wasserseite, die Landseite inklusive der Deichkrone und die Berme“, sagt Steegmüller. An einem einzigen Tag im Juni seien die beiden Teile auf dem Damm von einem Lohnunternehmer im Auftrag der Deichmeisterei gemäht worden, erfuhren die Naturschützer. Die Berme ist der landseitige Deichfuß – meist ein befestigter Weg mit Grünstreifen. Gräser und Kräuter dort seien Wochen davor schon geschnitten worden. SGD-Biologe Wierig habe Steegmüller und Walter erklärt, dass ab 2019 möglichst die Wasserseite zuerst gemäht werden soll, circa sechs Wochen später die Landseite mit der Krone und dann im August oder September die Berme sowie nochmals die Wasserseite. „Das wäre ein Riesenfortschritt“, hofft Walter darauf, dass das so klappt. „Dann hätten wir zu jeder Zeit blühende Streifen. Insekten, die durch die Mahd vertrieben werden, können zu diesen Streifen wechseln.“ BUND-Biologe Walter richtet bei einer Begehung Mitte September seinen Blick von der nach monatelanger Trockenheit weitgehend blütenlosen Deichkrone zum Flugplatzgelände rüber. „Dort blüht es noch reich. Ich würde nächstes Jahr gerne die Pflanzen- und Tierarten auf der Fläche untersuchen“, sagt er. Dafür hat Steegmüller bereits die Erlaubnis von Flugplatzchef Roland Kern erhalten, wie er mitteilt. Außerdem habe Kern dem Speyerer Naturschützer zugesagt, dass die Mahd der mehr als zehn Hektar umfassenden Grünfläche auf dem Platz künftig in mehreren Abschnitten erfolgen werde. Details müssten noch mit dem Landwirt, der dort auf einigen Flächen Heu erntet, geklärt werden, informierte Kern auf Anfrage der RHEINPFALZ. Darüber hinaus plane der Geschäftsführer des Flugplatzes die Aufstellung eines „Bienenhotels“. „Dafür benötige ich aber die Unterstützung von Fachleuten“, sagte er. Steegmüller erklärte sich dazu bereit, wie er mitteilte. Weitere besonders bedeutende Standorte für Blühpflanzen sind sogenannte Stromtalwiesen. „Die größten drei sind die Sick’sche Wiese, die Kehlwiese und die Lußheimer Fahrt. Zusammen haben sie eine Fläche von circa 6,5 Hektar“, weiß Steegmüller. Alle drei Wiesen liegen im südlichen Auwald: die Sick’sche Wiese zwischen Dammwachthaus und Berghäuser Altrhein, die Kehlwiese auf Höhe des Daimler-Logistikzentrums und die Lußheimer Fahrt wenige Hundert Meter weiter nördlich, jeweils direkt am Rheindeich. Die Wiesen haben unterschiedliche Landwirte für die Gewinnung von Heu gepachtet, erfuhr Steegmüller von Biotopbetreuerin Petra Jörns. Die Biologin kontrolliert, ob die Pächter die ökologischen Vorgaben, etwa keine Düngung und schonende Mahd, einhalten. Für 2019 habe Jörns nach Gesprächen mit den Landwirten zugesagt, dass auf allen drei Wiesen jeweils Streifen mit einem Flächenanteil von zehn Prozent nicht gemäht werden. Die Römerberger Biologin Susanne Mayrhofer kartierte die Wiesen 2016/17 im Auftrag der Stadt und stellte ihre Ergebnisse im Juni im Umweltausschuss vor. Zu den zahlreichen Gräser- und Kräuterarten, die sie bestimmte, zählt der Weiden-Alant. Die gelb blühende Pflanze gilt nach der Roten Liste von Rheinland-Pfalz als gefährdet (Kategorie 3). Auf der Sick’schen Wiese gibt es „mehrere flächenhafte Bestände des Weiden-Alantes“, stellte Mayrhofer fest. Steegmüller und Walter haben wegen der Pflege mehrerer ökologischer Ausgleichsflächen rund um den geschützten Landschaftsbestandteil Goldgrube, westlich des Flugplatzes, mit der städtischen Umweltabteilungsleiterin Maria-Theresia Kruska gesprochen. Demnach will Kruska für 2019 einen Plan für die Mahd der von Steegmüller auf rund sechs Hektar geschätzten Wiesen erstellen. Die Bewohner des im Frühjahr im Auftrag der Deichmeisterei an der südlichen Stadtgrenze aufgestellten Bienenhotels würden auch dort Nahrung finden.
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