Homburg RHEINPFALZ Plus Artikel Homburger Firma Fahrzeugbau Jung spielt beim weltweiten Rennzirkus ganz vorne mit

Die interne Bezeichnung im Racing-Team Mercedes AMG für Lewis Hamiltons Formel-1-Transportanhänger lautet RT4.
Die interne Bezeichnung im Racing-Team Mercedes AMG für Lewis Hamiltons Formel-1-Transportanhänger lautet RT4.

Tonnenschwere Spezial- und Sonderfahrzeuge sind das Metier der Homburger Firma A 6 Jung Fahrzeugbau. Unter anderem hat die saarpfälzische Spezialschmiede den riesigen Sattelzug-Transportanhänger gefertigt, mit dem das Formel-1-Team Mercedes AMG um Weltmeister Lewis Hamilton und Valtteri Bottas von Rennstrecke zu Rennstrecke jettet.

Den Lastzug-Anhänger, in der Fachsprache Trailer genannt, hat das saarpfälzische Unternehmen eigens auf den Transport der beiden Formel-1-Rennboliden von Hamilton und Bottas zugeschnitten. „In wenigen Jahren haben wir es geschafft, dass wir beim weltweiten Motorsport heute in der allerersten Reihe mitspielen. Immerhin betreuen wir das Weltmeister-Team“, sagt Axel Jung, Geschäftsführer des Unternehmens aus dem Industriegebiet in Homburg-Erbach. Dort ist Fahrzeugbau Jung in direkter Nachbarschaft zu Industriefirmen wie Michelin, Bosch, Schaeffler und Moehwald ansässig.

Seinen ersten Auftritt hatte Hamiltons und Bottas’ neuer Mercedes-Renntrailer Anfang August, kurz nach Saisonstart der Formel 1, beim Doppelrennen im britischen Silverstone. Wie die anderen Anhänger, die die Homburger Firma für Teams aus diversen Rennserien gefertigt hat, dient der Mercedes-Trailer nicht nur zum Transport von Fahrzeugen und Ausrüstung, sondern im Fahrerlager auch als Aufenthalts- und Ruheraum, Ingenieurbüro, Besprechungszentrum und Küche. „Seit das Team das Fahrzeug im Einsatz hat“, sagt Jung, „hat es schon zwei weitere nachbestellt.“

Spezialist für Marktnischen

In dritter Generation führt Axel Jung das saarpfälzische Unternehmen, das sein Großvater, der Huf- und Wagenschmied Robert Jung, 1925 im nahen Schönenberg im heutigen Kreis Kusel gegründet hatte – damals zum Bau von Anhängern für die Landwirtschaft. „1962 kam der Umzug nach Homburg-Bruchhof. In den 60er-Jahren übernahm mein Vater Richard Jung den Betrieb. Seit 1981 sind wir am heutigen Standort in der Michelinstraße in Erbach ansässig“, erzählt der Chef aus der Firmengeschichte. Heute betreibe die A 6 Jung Nutzfahrzeuge GmbH & Co. KG die größte Nutzfahrzeug-Werkstatt im Saarland und in der Westpfalz. Und die hausinterne Schwesterfirma am gleichen Standort, die A 6 Jung Fahrzeugbau, konstruiere schwere Spezialfahrzeuge. „Unsere Anhänger sind europaweit im Einsatz“, weiß Jung. Von Anfang an habe man danach gestrebt, technisch ausgefallene Marktnischen zu besetzen, die bei großen Fahrzeug-Ausrüstern wie Kässbohrer und Kögel nicht so recht ins Portfolio passen.

Und da gehören die futuristisch anmutenden Sattelzug-Anhänger für den internationalen Rennsport offenbar dazu. „Es handelt sich hier um ein außergewöhnliches Produkt, das vom Auftraggeber extrem wertgeschätzt wird“, erläutert der Geschäftsführer stolz. „Und wer so etwas für mehrere Hunderttausend Euro kauft, der braucht dafür auch Wartung, Inspektion und Service. Das erfolgt bei uns am Standort Homburg, aber auch vor Ort an den Rennstrecken.“

Auftrag vom Rennfahrer Timo Bernhard

Aber wie ist der mittelständische Betrieb aus der Saarpfalz an die elitäre Glitzerwelt des internationalen Rennzirkus geraten? „Angefangen hatte alles mit einem Telefonat“, erinnert sich Axel Jung. An der Strippe war der Rennfahrer Timo Bernhard: Der gebürtige Homburger, der heute in Bruchmühlbach wohnt, gewann 2015 und 2017 die FIA-Langstrecken-Weltmeisterschaft. Unvergessen sind seine Siege bei den legendären 24 Stunden von Le Mans. „Im Jahr 2014 war Timo Bernhard bei uns schon Service-Kunde. Da rief er mich an und fragte, ob wir auch Race-Trailer bauen können.“ Axel Jung: „Ich fragte erstmal zurück, was so ein Trailer denn so alles können muss.“ Der Rennfahrer erklärte ihm seine Vorstellungen, und so wurde in Homburg nach Bernhards Ideen ein erster Rennsport-Anhänger entwickelt. Diesen brachte Timo Bernhard im Mai 2015, beim DTM-Rennen in Hockenheim, erstmals zum Einsatz.

Doch bei der Firma Jung zeigten sie sich mit dem Prototypen noch nicht restlos zufrieden. Daher entschloss man sich noch im gleichen Jahr, ein selbst konzipiertes Produkt nach eigenen Ideen und im eigenen Design zu entwickeln. „Im Herbst waren wir dann permanent auf den Rennstrecken Europas unterwegs“; schildert der Geschäftsführer. Dort habe man den neuen Trailer an fünf Teams „vom Papier weg“ verkauft, darunter an Manthey-Racing und Abt Kempten. In den Jahren 2016 bis 2020 verließen dann noch gut 70 weitere solche Trailer die Homburger Schmiede – für Rennserien wie DTM, GT Masters, Moto GP und die Formeln 4 bis 1.

„Für nächstes Jahr stellt Mercedes ein eigenes Team für die Formel E zusammen“, berichtet Axel Jung, dass die Saarpfälzer ihren renommierten Partner auch bei dem zukunftsträchtigen Wettbewerb für Elektro-Boliden entsprechend beliefern werden. „Unsere Abteilung Race-Trailer ist 2015 mit vier Mitarbeitern gestartet. Sie hat sich zu einem Unternehmensteil mit mehr als 50 Mitarbeitern entwickelt.“ Die Technik, die man sich dabei erarbeitet habe, werde inzwischen auch in Trucks aus anderen Sparten verbaut – etwa für Roadshows und in Werbe-Lastzügen.

Neue Produktionshalle bauen

„Die Nachfrage steigt“, stellt Axel Jung fest. „Wir haben uns deshalb entschieden, unsere Produktionsflächen in Homburg deutlich zu erweitern und eine weitere Produktionshalle zu errichten. Ab Sommer 2021 wollen wir dort die Bereiche Stahlbau, Rohbau und Endmontage unterbringen.“ Hierfür werde Fahrzeugbau Jung in den nächsten beiden Jahren gut drei Millionen Euro in den Homburger Standort investieren.

Inzwischen beschäftigt die Jung-Gruppe 100 Mitarbeiter. „Wir leiden aber enorm unter Fachkräftemangel“, spricht der Geschäftsführer von 15 offenen Stellen. „Von jeder Art Handwerker bis zum Controller könnten wir sofort Leute einstellen“, habe man dringenden Bedarf an zusätzlichen Mitarbeitern. „In praktisch allen Bereichen bei uns im Unternehmen.“

Der Trailer für die Formel-E-Saison 2021 ist fertig. Auch er wird an eine zweiachsige Sattelzugmaschine angehängt.
Der Trailer für die Formel-E-Saison 2021 ist fertig. Auch er wird an eine zweiachsige Sattelzugmaschine angehängt.
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