Dudenhofen / Harthausen RHEINPFALZ Plus Artikel Gottesdienstleiterin Hedwig Kögel: Plötzlich stand sie am Altar

Bereitet sich mit viel Liebe auf die Gottesdienste vor: Hedwig Kögel.
Bereitet sich mit viel Liebe auf die Gottesdienste vor: Hedwig Kögel.

„Die Sache Jesu braucht Begeisterte.“ So heißt ein 1972 entstandener Sacro-Pop-Hit. Begeistert vom Lied und der Sache ist Hedwig Kögel. „Ich liebe es, meinen Glauben zu verkünden“, sagt sie. Das darf sie inzwischen sogar auch sonntags mit ihren Predigten.

„Dass ich sowas mal machen dürfte, hätte ich nie gedacht“, sagt die 70-jährige verheiratete Mutter von drei inzwischen erwachsenen Kindern und Oma von fünf Enkeln ganz begeistert im Gespräch mit der RHEINPFALZ. Aktuell ist „die Hedwig“, wie sie die in Berghausen geborene Harthausenerin in der Tabakgemeinde alle rufen, eine von zehn Gottesdienstleiterinnen und vier -leitern, die mit kirchlichem Segen in der Pfarrei Hl. Hildegard am Altar ihren Dienst versehen dürfen.

Gottesdiensthelferin ist Kögel schon seit vielen Jahren. Als solche darf sie Andachten gestalten, Texte und Gebete aussuchen und vortragen. Ihren „Aufstieg“ in der katholischen Männer-Hierarchie habe der Leitende Pfarrer Jens Henning befördert. Sofort mit seinem Amtsantritt vor drei Jahren habe er die Laien mehr eingesetzt – mit Erlaubnis von Bischof Karl-Heinz Wiesemann, wie Kögel weiß. Die Vielzahl der Aufgaben in den sechs Gemeinden sowie in zahlreichen Gremien ließen letztlich gar keine andere Wahl mehr, sagt sie. Beide Kirchenmänner hält sie für ebenso der offiziell-katholischen Zeit voraus wie damals Pfarrer Alois Zorn, der sie als Kind und Jugendliche im Heimatort an den Glauben heranführt. „Er hat damals schon ein Zeltlager allein für die Mädchen erlaubt“, erinnert sie.

Erster Einsatz kam unerwartet

Seit 2022 bekleidet sie nun ihr neues Amt. Der erste Einsatz kommt plötzlich und unerwartet. Ihre Schulungen hat Kögel zwar schon erfolgreich absolviert, in ihrer Bibliothek steht ausreichend Fachliteratur, ein weißes Gewand – die „Dienstkleidung“ – hängt im Schrank, aber vor der Gemeinde gepredigt hat sie noch nie. Dann kommt der zweite Weihnachtsfeiertag. Um 7.30 Uhr läutet ihr Telefon. Pfarrer Henning ist dran. „Ihr Einsatz, bitte. Ja, nachher um 9 Uhr.“ Bei Kögel steigt der Blutdruck. Noch knapp eineinhalb Stunden. Premiere. Am Feiertag. Bei einem Stoßgebet bleibt es nicht, während sie Texte zusammensucht, Gedanken skizziert, einen Text entwirft. „Herr, es ist Deine Kirche. Jetzt musst Du mir helfen“. So oder so ähnlich habe sie damals gebetet, erinnert sie sich heute noch. Früh geht sie an dem Tag zur Kirche. Immerhin ist eine Schola – ein Sängerensemble vom Kirchenchor – anwesend. „Ihr müsst mich unterstützen“, bittet sie. Dann gilt es auch schon. Alles geht gut. Hinterher gibt es nur Lob von der – zunächst – überraschten Gemeinde. Bei Kögel fällt eine Last ab. Sie schickt ein Dankgebet zum Himmel.

Die bestandene Feuertaufe ermutigt sie. „Ich habe bis jetzt schon in allen Orten der Pfarrei sonntags gepredigt, außer in meiner Geburtsgemeinde in Berghausen“, zieht sie eine Zwischenbilanz. Die Gottesdienste seien immer eine große Herausforderung. „Die größte ist die Karfreitagsliturgie mit dem Enthüllen des Kreuzes“, hat Kögel gemerkt. In wenigen Tagen ist wieder Ostern. Kögel darf am Ostermontag in Harthausen ran. Die Gläubigen schätzen sie und ihre Arbeit.

Komplexe Vorarbeiten für Predigten

Etwa zwei Wochen beschäftigt sie sich vor dem Einsatz mit der Vorbereitung: meist mehrfaches Lesen der liturgischen Texte, Suchen nach dem zentralen Satz, dann nach persönlichen Erfahrungen zum Einbauen, möglichst anschaulichem Ausformulieren der Predigt in lebendiger Sprache. Sie brauche den kompletten Text, sei eher Vortragende als freie Rednerin. „Immer habe ich jedoch einen roten Faden, der sich durch die Lieder, Gebete, Texte und natürlich Predigt zieht. Das ist mein Rezept.“

Kögels Art passt. Das weiß auch ihr „Chef“, Pfarrer Henning. „Frau Kögel feiert hervorragend Gottesdienste. Mit viel Liebe und Enthusiasmus bereitet sie sie vor. Sie ist eine große Bereicherung für die Menschen hier. Sie ist ein Plus für unsere Gemeinde“, urteilt er auf Anfrage. Das wiederum freut die so Gelobte, die daneben täglich in einem ihrer zahlreichen Kirchenämter – von der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschland bis hin zur Sakristanin – im Einsatz ist.

Miteinander und Frieden im Fokus

Hedwig Kögel ist und bleibt überzeugte Katholikin. Ihr Glaube hat sie durch zwei schwere Krankheiten getragen. Sie hadert aber immer wieder aufs Neue mit der Institution Kirche, dem Vatikan und der Abgehobenheit dessen Mitgliedern von der Welt, der (zu kleinen) Rolle der Frauen, den Missbrauchsskandalen und dem Umgang damit sowie den Bremsern aus Rom auf dem synodalen Weg. Sie glaubt daran, dass es nur einen Gott gibt, der sich in den verschiedenen Religionen, Glaubenspraktiken und in jedem Menschen zeigt. Sie macht nach eigenen Angaben keinen Unterschied zwischen Alt und Jung, regelmäßigen Kirchgängern, Selten- oder Nie-Besuchern. Sie hat weder was gegen queere Menschen noch gegen Traditionalisten. „Ich bin schon immer offen und gesprächsbereit. Es geht um ein Miteinander, möglichst im Frieden auf der Welt“, umreißt sie ihren Ansatz.

Richtig große Hoffnung, dass sich in der Katholischen Kirche schnell Grundlegendes ändert, hat sie indes (derzeit) noch nicht. Dass Pfarrer heiraten dürfen, Pfarrerinnen und Bischöfinnen am Altar stehen und mal ein jüngerer und weniger konservative Papst ins Amt kommt, glaubt sie nicht mehr zu erleben. „Dabei kenne ich so viele Frauen und Männer, die gut eine Kirchengemeinde leiten könnten“, seufzt sie. Umso mehr geht sie die vielen kleinen Schritte, die ihr heute in ihrer Kirche möglich sind.

Zur Sache

Die verbindliche Ausbildung ist der Kurs zum Gottesdienstleiter/innen im Bistum Speyer (www.bistum-speyer.de) im Bereich Pastorale Grunddienste/Liturgie. Jede/jeder Gottesdienstleiter/in wird vom Pastoralteam begleitet. Das Bistum bietet Aufbaukurse an. Der Einsatz der Laien sei eine enorme Bereicherung für die Gemeinde. „Das ist der erste und wichtigste Punkt. Der zweite Aspekt ist, dass wir bis 2030 40 Prozent weniger Hauptamtliche haben und die Gemeinden immer mehr selbstverantwortlich für Gottesdienste werden müssen“, sagt Pfarrer Jens Henning. Er hat jüngst um Interessenten als Laien bei Beerdigungen geworben.

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