Mutterstadt RHEINPFALZ Plus Artikel Festival des Vereins Hof.Kultur schließt kulturelle Lücke

Stefan Hornbach bei der Lesung aus seinem Roman auf dem Alten Friedhof in Mutterstadt.
Stefan Hornbach bei der Lesung aus seinem Roman auf dem Alten Friedhof in Mutterstadt.

Höfe und Gärten sollen zu kulturellen Orten werden, das ist Ziel des Vereins Hof.Kultur. Ein Festival hat 500 Besucher zu drei Orten geführt und vom Programm überzeugt.

„Sie haben da eine Geschwulst.“ Mit dieser Krebsdiagnose wird der erst 24 Jahre alte Sebastian von seinem Radiologen konfrontiert. Der Student ist der Protagonist in dem Debütroman „Den Hund überleben“ von Stefan Hornbach, den Hof.Kultur für eine Lesung auf dem Alten Friedhof gewinnen konnte.

Der in Speyer aufgewachsene Autor ging in die IGS zur Schule, und Mutterstadt ist auch der Ort, in dem das Elternhaus seines Romanhelden steht. Hierhin kehrt Sebastian, dessen Studentenleben in Gießen durch die neue Realität erst einmal beendet ist, für seinen langen Weg der Therapie zurück. Zurück in sein altes Kinderzimmer mit Fuchs und Gespenst an der Wand. Zum Vater, der ihn ganz ungewohnt mal richtig in die Arme schließt, und zur Mutter, die wie bei jedem seiner Besuche erst einmal Spaghetti mit Tomatensoße kocht. Und zurück zu einem Hund, den es schon in seiner Kindheit gab und der für ihn einfach nur Hund heißt.

Kuss beim Waldfest

Das Tier zu überleben wird nun für Sebastian zum alleinigen Ziel. „Sie können davon ausgehen, dass wir das nächste halbe Jahr miteinander verheiratet sein werden“, lautet die nüchterne Ansage der behandelnden Ärztin, denn neben zwei faustgroßen Tumoren in Sebastians Lendenbereich wird ein dritter diagnostiziert. „Ihr seid groß genug, ihr könnt jetzt gehen“, sagt er zu den Geschwülsten und legt eine gewisse Selbstironie an den Tag. Und dann ist da noch seine Schulfreundin Jasra, die er mit 14 Jahren beim Waldfest der SPD Mutterstadt zum ersten Mal geküsst hat und die ihn nun mit ihrer nicht ganz unaufdringlichen Energie und mit originellen Ideen aus der Krankheit herausführen will.

Hornbach liest gerade auf Seite 154, als er seinen Vortrag unterbricht. „Da läuft eine interessante grüne Spinne über meine Hand“, lässt er das Publikum wissen und lacht. Bis hierhin hatte das seinen Worten gespannt gelauscht, die ohne Gefühlsduselei auskommen und doch betroffen machen. Dunkle Wolken und erste Regentropfen beendeten die knapp einstündige Lesung, die zwar autobiografische Elemente enthält, aber dennoch einen „frei erfundenen“ Roman vorstellte. „Mir war wichtig, dass ich das von meiner eigenen Geschichte entferne“, sagte der 36-Jährige, der für „Den Hund überleben“ mit dem Literaturpreis der Jürgen-Ponto-Stiftung ausgezeichnet wurde.

Bei der anschließenden Führung über den Alten Friedhof mit Volker Schläfer vom Historischen Verein hatten sich die Regenwolken bereits wieder verzogen, bei der Open-Air-Kinovorstellung „This rain will never stop“ im romantischen Garten der Familie Weinacht am Abend tauchten sie nur noch im Filmtitel auf. Hauptdarsteller des Dokumentarfilms der ukrainischen Regisseurin Alina Horlowa aus dem Jahr 2020 ist der junge Andriy Suleyman, der mit seinem kurdischen Vater und seiner ukrainischen Mutter 2012 vor dem Bürgerkrieg in Syrien nach Lyssytschansk in die Ostukraine flieht, dort vom Krieg eingeholt wird, sich aber dennoch als Freiwilliger für das Rote Kreuz und die Menschen einsetzt. Es wird ein Kreislauf beschrieben von Freude und Leid, Zerstörung und Wiederaufbau in Zeiten von Krieg und Frieden.

Leute sollen wiederkommen

Mit diesem und dem am Vortag gezeigten Film „Alles ist erleuchtet“, der die Reise des amerikanischen Juden Jonathan in die Ukraine zeigt, wollten die Veranstalter dem diesjährigen Motto des Kultursommers Rheinland-Pfalz „Kompass Europa Ostwind“ gerecht werden. Bereits der an Christi Himmelfahrt in der Scheune der Familie Kaiser gezeigte tschechische Kinderfilm „Der kleine Maulwurf“ lenkte den Blick nach Osten. Musik rundete das Programm ab.

Elias Weinacht und seine beiden Vorstandskolleginnen Melanie Wieser und Karin Dyk wollten mit den Veranstaltungen bei freiem Eintritt Kultur für jeden ermöglichen. „Es war ein Experiment“, sagt Weinacht. Es habe sehr viel positive Rückmeldung gegeben und es sei gesagt worden: „Das hat hier bislang gefehlt.“ Zwar mit einem Lächeln, aber nicht satt, sollten die Leute nach Hause gehen. Man möchte, dass das Erlebte weitererzählt wird, die Leute wiederkommen und Freunde mitbringen. Neue Mitglieder und Spenden sind willkommen.

Im Netz

www.hof-kultur-mutterstadt.de

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