BEDROHTE NATURPARADIESE (5) RHEINPFALZ Plus Artikel Den Tod ins Nest geholt

Erwischt: ein Trauerschnäpper mit Futter im Harthausener Wald.
Erwischt: ein Trauerschnäpper mit Futter im Harthausener Wald.

Viele Bürger suchen in der Corona-Zeit die feuchten Wälder von Hanhofen und Harthausen auf. Die Gefahren für dort lebende geschützte Tiere und Pflanzen sind vielfältig: Rücksichtslose Menschen, zu schnell fahrende Autos – und Hundehaare.

Christiane Brell, die Vorsitzende des Natur- und Vogelschutzvereins Dudenhofen, schwärmt von den Sumpf- und Bruchwaldflächen auf den Gemarkungen der Gemeinden Hanhofen und Harthausen. „Diese feuchten Wälder sind deutlich naturnäher als die mehr forstwirtschaftlich genutzten, zurzeit noch von Kiefern dominierten Trockenwaldbereiche. Dort, wo es Tümpel und wasserführende Gräben gibt, ist die Vielfalt an Pflanzen und Tieren besonders hoch“, sagt die Biologin.

Um insbesondere die gefiederten Waldbewohner zu unterstützen, kümmern sich Mitglieder des Vereins der Vogelfreunde Hanhofen und des Natur- und Vogelschutzvereins Harthausen seit einigen Jahrzehnten um mehrere Hundert künstliche Vogelnistkästen sowie um 130 Fledermaushöhlen. Neben dem Anbringen an geeigneten Bäumen zählen dazu die regelmäßige Säuberung und die Reparatur oder der Ersatz beschädigter Kästen.

Seit fast 50 Jahren betreuen Thomas und Otfried Dolich 200 Nisthöhlen im Hanhofener Allmendwald sowie Dieter und Ute Hoffmann 240 Nistkästen im Harthausener Streitäckerwald für ein Höhlenbrüter-Monitoringprojekt. Die Untersuchung des Max-Planck-Instituts für Verhaltensbiologie (ehemals Vogelwarte Radolfzell) bei Konstanz ist eine der am längsten laufenden dieser Art in Deutschland.

Erste Jungvögel

Im Allmendwald ist morgens im April ein vielstimmiges Vogelkonzert zu hören. Es erscheinen vielgestaltige Blüten, an denen Insekten wie Wildbienen und Schmetterlinge Nektar aufnehmen. Den Besucher umströmt sauerstoffreiche, nach Frühling duftende Luft. Beim Öffnen einiger Vogelnistkästen im Dienste der wissenschaftlichen Forschung hat Thomas Dolich überwiegend Grund zur Freude: In fast jeder Nisthöhle ist ein Nest, in den meisten davon liegen Eier. Bei Exkursionen der Vereine erfolgen auch „Kontrollen“ solcher Gehäuse und Fledermauskästen. In diesen Tagen ist mit dem Schlupf der ersten Jungvögel zu rechnen. In Harthausen hat Dieter Hoffmann am 19. April bereits Blaumeisen-Nachwuchs entdeckt.

Im Nest Nummer 39 findet Thomas Dolich sechs Eier vor, die auf Moos gebettet sind. „Hier sind auch einige schwarze Tierhaare. Die könnten von Hunden sein“, sagt der Naturschützer im Allmendwald. Die Entdeckung besorgt ihn ebenso wie seinen Bruder Otfried: „Wenn Vögel ihr Nest mit Haaren von Hunden auspolstern, die mit Floh- oder Zeckenmitteln behandelt wurden, dann könnten sich die Jungvögel durch den Kontakt mit den Haaren vergiften und sterben. In den Niederlanden hat eine Untersuchung diesen Zusammenhang nachgewiesen, nachdem 2019 landesweit vermehrt tote Nestlinge gefunden wurden“, teilt er mit.

„Immer öfter sieht man in den Wäldern der Region große Mengen ausgebürsteter Hundehaare, meist an Wald- oder Wegrändern“, sagt Biologin Christiane Brell. Thomas Dolich informiert: „Solche Haare entdecken wir regelmäßig in Nisthöhlen von Meisen. Diese Arten verwenden solche Haare gerne, weil sie so leicht zu finden und einzusammeln sind. Ansonsten würden sie Haare von Wildtieren wie Reh oder Hase dafür heranziehen.“ Die Naturschützer appellieren an Hundehalter, ausgebürstete Haare in der Restmülltonne, statt in der Landschaft zu entsorgen.

Eine weitere Gefahr für Vögel und darüber hinaus für Amphibien sowie Reptilien sind Autofahrer, die auf den Wegen zum Hundesportverein und zum Sportgelände im Streitäckerwald schneller als die erlaubten 30 Stundenkilometer fahren. „Dadurch sind immer wieder Tiere verletzt oder getötet worden“, teilen Dieter und Ute Hoffmann mit.

Wege nicht verlassen

Der Wald gehört einem EU-Vogelschutzgebiet und einem Fauna-Flora-Habitat an. In ihnen sind Eingriffe, die zu einer Verschlechterung des Lebensraums führen, untersagt. Das gilt insbesondere, aber nicht nur, für den Schutz der Zielarten des Vogelschutzgebiets, Mittel- sowie Schwarzspecht und Neuntöter, sowie des FFH-Gebiets, der Bechsteinfledermaus.

Zudem sind in dem Gebiet seltene Insekten zu Hause wie der Hirschkäfer und der vom Aussterben bedrohte Große Eichenbock, der erst 2020 dort gesichtet wurde. Reinhard Steiger, Vorsitzender des Harthausener Natur- und Vogelschutzvereins, rät ebenso wie die Hoffmanns allen Waldbesuchern, die Wege nicht zu verlassen, da im Gras der Wiesen und im Unterholz des Waldes neben lästigen Stechmücken auch gefährliche Zecken lauern. Denn die müsse man als Krankheitsüberträger fürchten.

Die Serie

Die Gemarkungen der Gemeinden Dudenhofen, Hanhofen und Harthausen werden seit Anfang der 1950er-Jahre intensiv vogelkundlich von Mitgliedern der drei Natur- und Vogelschutzvereine betreut. Dazu zähl(t)en Willi Aures (Dudenhofen), Georg, Otfried und Thomas Dolich (Hanhofen) sowie Richard, Dieter und Ute Hoffmann (Harthausen). Mit Sorge sehen sie zunehmende Schädigungen von Schutzgebieten durch rücksichtslose Freizeitaktivitäten. In einer Serie stellt die RHEINPFALZ diese Flächen vor.

Zugewachsen: Ein Tümpel im Allmendwald von Hanhofen mit vielen Blüten der Wasserfeder.
Zugewachsen: Ein Tümpel im Allmendwald von Hanhofen mit vielen Blüten der Wasserfeder.
Flugkünstler: Ein Hummelschwärmer (eine Falter-Art) labt sich an der Blüte einer Wasserfeder im Allmendwald von Hanhofen.
Flugkünstler: Ein Hummelschwärmer (eine Falter-Art) labt sich an der Blüte einer Wasserfeder im Allmendwald von Hanhofen.
Dichte Vegetation: naturnaher Allmendwald von Hanhofen.
Dichte Vegetation: naturnaher Allmendwald von Hanhofen.
Schlafplatz: Die nachtaktiven Bechsteinfledermäuse verbringe die Tage häufig in Nistkästen im Harthausener Wald.
Schlafplatz: Die nachtaktiven Bechsteinfledermäuse verbringe die Tage häufig in Nistkästen im Harthausener Wald.
Mit lichten Stellen: der Streitäckerwald von Harthausen.
Mit lichten Stellen: der Streitäckerwald von Harthausen.
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