Interview
„Schostakowitsch kann ich nachts um 3 spielen“
Der Kartenvorverkauf für Ihr Konzert in der Pirmasenser Festhalle läuft sehr gut. Das Publikum freut sich auf Sie. Aber können Sie sich so einfach loseisen für Konzerte, Sie haben ja mittlerweile auch zwei kleine Kinder?
Das ist immer eine Frage der Organisation und da wird natürlich jedes Konzertangebot gedreht und gewendet. Vor drei Jahren kam unser erstes Kind zur Welt, zweieinhalb Jahre später das zweite. Dazwischen war Corona. Da sind wir froh – meine Frau ist freischaffende Bratschistin –, wenn wir wieder etwas zu tun haben. Wir haben auch Glück, dass ich die Professur in München habe, weshalb wir wirtschaftlich den Lockdown überlebt haben.
Wie haben Sie die Zeit erlebt, als es nach dem strengen Lockdown wieder losging mit den Konzerten?
Als im November Konzerte wieder möglich wurden, war auf einmal viel los. Doch es wurde mit dem zweiten Lockdown auch schnell wieder still. Deshalb habe ich mich schon sehr gefreut, als wieder einiges möglich war. Es ist ja alles eine Frage des Maßes, und jetzt, da auf einmal wieder so vieles geht, träume ich manchmal davon, dass es ein bisschen weniger wäre. Man pendelt da immer hin und her – das richtige Maß ist wohl schwer zu finden.
In Pirmasens haben sie im März ein Streaming-Konzert aus der Festhalle gegeben. Wie ist das so, vor leeren Plätzen zu spielen?
Das ist nur die halbe Miete. Natürlich war es ein Notnagel, und wir waren froh, dass wir überhaupt spielen durften. In dieser Zeit haben sich einige Veranstalter als sehr ehrenwert erwiesen, haben diese Konzerte durchgezogen und uns so auch zu Honorar verholfen. Ohne sie wäre wirklich gar nichts gelaufen. Aber bei diesen Konzerten fehlt einfach die Stimmung. Natürlich kann es trotzdem ein schönes Konzert sein, aber es fehlt halt das ganze Drumherum. Ich habe ja schon so oft in der Pirmasenser Festhalle gespielt, und wenn man dann die vielen bekannten Gesichter im Publikum sieht, ist das immer aufregend. Und das hat im März einfach gefehlt.
Apropos Publikum: Sie treten weltweit auf den Konzertbühnen auf, unterscheidet sich da das Publikum?
Auf jeden Fall. Man merkt schon gewisse Gewohnheiten des Publikums. Da gibt es zum Beispiel die Langklatscher, bei denen man fünf oder sechs Mal raus muss. Oder in Holland: Da stehen sie sofort auf und man denkt, wenn man dort zum ersten Mal spielt, dass es richtig gut gewesen sein muss, weil es diese Standing Ovations gibt. Aber die machen das dort immer und für jeden. Dafür wird dann aber auch nicht lange geklatscht. Wenn man da noch eine Zugabe spielen will, muss man relativ schnell sein. So gibt es schon einige Unterschiede. Ein anderes Beispiel ist Korea, wo die Besucher extrem enthusiastisch sind. Als ich das erste Mal da war, habe ich gar nicht gedacht, dass das bei einem Klassik-Konzert so überhaupt möglich ist. Ich fand das toll, zumal es ein ganz junges Publikum war.
Was ist das Besondere an der Zusammenstellung des Pirmasenser Konzerts?
Das Programm ist in der Konzeption Corona geschuldet, denn es ging ganz einfach darum, ein Konzert unter Corona-Bedingungen auf die Bühne zu bringen, denn Karlsruhe hat sehr strenge Regeln. So müssen wir im Orchester großen Abstand halten, weshalb es auch keine große Besetzung gibt.
Wie lange proben Sie mit dem Orchester vor dem ersten Konzert?
Ich komme am Donnerstagabend in Karlsruhe an, und am Freitagmorgen machen wir von etwa 11.30 bis 13 Uhr eine Hauptprobe. Ich bin aber schon eine Stunde vorher da, denn ein Schostakowitsch-Konzert mit kalten Fingern zu spielen, ist tödlich – da macht man sich kaputt. Da muss man den Motor vorher gut aufwärmen. Am Samstag ist Generalprobe und am Sonntag haben wir dann um 11 Uhr in Karlsruhe eine Matinee und am Nachmittag noch ein Konzert.
Haben Sie den Schostakowitsch in Ihrem Repertoire oder müssen Sie den noch einmal ein paar Tage zuvor für sich einstudieren?
Ich habe gerade ein paar Tage in München einen Studenten unterrichtet, der das Stück spielt. Dann habe ich Schostakowitsch selbst erst im Mai in Florenz gespielt – das Konzert ist also noch recht aktuell in den Fingern. Außerdem habe ich das Stück schon 1999 gelernt und gespielt – es ist also schon sehr lange in meinem Repertoire, weshalb ich es auch schon sehr oft gespielt habe. Das ist so ein Stück, da kann man mich auch nachts um 3 wecken und ich spiele es. Insoweit muss ich das jetzt nicht jeden Tag zwei Stunden üben. Es ist allerdings schon so, dass es da ein paar Stellen gibt, die sehr schwer sind und die zum Anspruchsvollsten in meinem Repertoire gehören – die schaue ich mir immer mal wieder an, selbst wenn ich das Werk gerade nicht im Konzert spiele.
War es Ihr Wunsch, das Schostakowitsch-Konzert zu spielen?
Ja, es war einer meiner Vorschläge, denn das Stück ist von der Besetzung her nicht so groß angelegt. Ein Schumann- oder Dvorak-Konzert wäre insoweit nicht gegangen.
Sie spielen zusammen mit der Badischen Staatskapelle. Wie kommt ein solches Engagement überhaupt zustande?
Das ist ganz unterschiedlich. In Karlsruhe ist es so, dass ich 2008 und 2015 schon dort gespielt habe, und dann kam nun eben die Anfrage für diese Konzerte jetzt. Das lief alles sehr unbürokratisch ab, da ich den Generalmusikdirektor aus Karlsruhe seit Jahren kenne: Er war früher Chefdirigent in Kiel, wo ich auch schon gespielt habe. Außerdem ist er mein Kollege in München. Und da kam dann eines Tages eine SMS von ihm, ob ich nicht Lust hätte, in Karlsruhe zu spielen und ich sollte doch mal ein paar Programmvorschläge machen.
Infos
- Das Konzert beginnt um 20 Uhr. Tickets kosten zwischen 20 und 30 (ermäßigt zwischen 10 und 15) Euro im Kulturamt, Telefon 06331/842352; E-Mail: kartenverkauf@pirmasens.de .
- Beim Konzert gilt die Regelung 2G+.