Interview
„Ein neuer Zärtlichkeitsbund mit der Welt“
Herr Steinhofer, Sie sind vor sechs Jahren nach Lateinamerika aufgebrochen, um Ihren Debütroman „Das Terrain“ zu schreiben. Nehmen Sie uns doch ein Stückchen mit auf Ihre Reise. Wie läuft so ein Entstehungsprozess?
Am Anfang stand bei mir die Liebe zur lateinamerikanischen Literatur und die Idee eines eigenen Romans, der eine Brücke zwischen Kulturen schlagen sollte. Ich wollte keine Welt vom Schreibtisch aus entwerfen, sondern vor Ort in die Erfahrung gehen. Ich bin von Brasilien losgezogen, über Nicaragua nach Mexiko, habe mich mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser gehalten, deutschen Zeitungen Artikel vorgelegt und mit einer lebensfrohen Großmutter in Mexiko City eine Wohnung geteilt. Alles eine gute Schule der Sensibilität, und ein Anlass, die eigene Prägung zu hinterfragen.
In Ihren sehr detailreichen Beschreibungen ist ganz klar Ihr besonderes Verhältnis zu Mexiko zu erkennen. Was zeichnet dieses doch sehr durch Gewalt und Korruption in die Negativschlagzeilen geratene Land in Ihren Augen aus?
In Mexiko werden über 60 Sprachen gesprochen, seit Jahrtausenden sind hier diverse kulturelle Einflüsse am Werk. Die Landschaft ist geprägt von Küsten, Bergen, Regenwäldern und Wüsten, und dann der Reichtum an Arten und Lebensweisen. In Mexiko gedeiht Vielfalt. Das kommt in den Medien hierzulande selten zur Sprache. Stattdessen dominieren Beiträge zu Gewalt und Drogenkriminalität, die nicht aus der Luft gegriffen sind, aber einseitig auf die Lebenswirklichkeit eingehen. In meinen Roman habe ich versucht, ein ausgewogeneres Bild zu zeichnen. Nicht die Augen zu verschließen, aber doch den Blick nach allen Seiten zu wenden.
Sie lebten in den letzten Jahren in Mexiko City, sind aber auch regelmäßig zurück in Ihrer beschaulichen Heimatstadt Dahn. Welche Bedeutung haben diese zwei Fixpunkte für Sie?
Mexico City ist wie ein urbaner Garten, wild, wuchernd, kaum zu zähmen. Die Straßen sind voll mit Autos, Cafés und heiterem Gelächter. Armut und Reichtum prallen aufeinander, herzliche Lebensfreude und zäher Wille. Der Boden unter den Füßen kann jederzeit beben, Vulkane ragen am Horizont auf. Der existenzielle Modus der Stadt schärft den Sinn für das Jetzt. Das Wasgauer Felsenland hat auch seine Eigenheit. Der Wald, der Sandstein, die gemütliche Mentalität, dass etwas Generationen überdauern darf. Das bindet mich an die Region.
Wie hat die Pandemie Einfluss auf Ihre Arbeit genommen? Und wie schwierig ist es als Autor, momentan auf dem Buchmarkt Fuß zu fassen?
Schwierig ist es gerade für alle. Ich versuche, auf das Menschliche zu schauen. Einen Großteil der Pandemie war ich in Dahn und habe Zeit mit meiner Großmutter verbracht. Wir haben sie im Kreis der Familie gepflegt und beim Sterben begleitet – ein ganz bewusster Prozess. Was bedeuten mehr Tage des Lebens, als ein Tag, an dem man mehr Leben schenken kann? Die Pandemie offenbart, wie verletzlich wir sind und bietet die Chance, anders miteinander umzugehen.
In dem Roman wird ein deutscher Architekt damit beauftragt, ein neuartiges Museum in den mexikanischen Dschungel einzubetten. Warum dort, welche Idee steckt dahinter?
Große Bauvorhaben lösen Debatten aus. Sie materialisieren streitbare Ideen. Für die mexikanische Museumsgründerin in meinem Roman ist die Klimakrise eine Krise der sinnlichen Wahrnehmung. Einer Weltanschauung, die Mensch und Natur in ihrer Gegensätzlichkeit begreift, anstatt sie in eine fruchtbare Beziehung zueinander zu bringen. Sie stellt sich die Frage: Wie können wir nicht mehr gegen unsere Erde leben, sondern mit ihr? Wie kann die Kunst dabei helfen, ein ökologisches Bewusstsein zu entwickeln? Um den Fragen auf den Grund zu gehen, wählt sie ein Terrain aus, das Bindung zur Natur verspricht, den tropischen Regenwald in Mexiko. Und einen deutschen Architekten, der naturnah baut: mit Lehm anstatt Beton. Die Handlung entfaltet sich vor dem Hintergrund politischer Gewalt und Machtinteressen.
Sie behandeln Themenfelder wie Kunst, Philosophie, Architektur, Wissenschaft und Natur. Wie sollten diese Ihrer Meinung nach miteinander in Beziehung stehen?
In dem Buch klingt die Perspektive eines erdverbundenen Weltbilds an. Was heißt das? Das abendländische Denken hat Gegensatzpaare wie Natur und Kultur, Körper und Geist hervorgebracht. Es verleitet dazu, sich getrennt von der Welt zu sehen, statt sich verbunden mit ihr zu fühlen. Also, ein abstraktes Verhältnis zur Wirklichkeit auszubilden, statt ein sinnliches, mitfühlendes. Betrachte die Welt als ein Ding und gewinne Herrschaft über sie, darin wurzelt westliche Metaphysik. Doch wie viel Leid und Zerstörung hat diese Sichtweise verursacht? Die Weisheitstraditionen indigener, lokaler Gemeinschaften hingegen sind mit dem Fortbestand des Lebens auf der Erde verwoben, sind Teil ihres Bewusstseins. Jedes Lebewesen existiert, weil alle anderen existieren. Was wäre möglich, wenn sich Kunst, Architektur und Wissenschaft noch mehr der Erhaltung unserer Lebensgrundlagen verschreiben?
Sie schreiben an einer Stelle von der Bedeutung der Dekonstruktion zur Rekonstruktion. Was meinen Sie damit?
Ein Teil des Romans handelt von dem Versuch einer Freisetzung. Der Architekt will sich von einer patriarchalen Art, wie er zu denken, lieben und zu dominieren hat, lösen. Er dekonstruiert sich und eine Vorstellung von Männlichkeit, die sich auf Stärke beruft, um einen neuen Zärtlichkeitsbund mit der Welt einzugehen.
Welche Botschaft möchten Sie mit Ihrem Roman den Lesern vermitteln?
Der mexikanische Schriftsteller Octavio Paz hat davon gesprochen, dass der Monolog den anderen negiert. Der Dialog hingegen schaffe einen Ort, in dem Unterschiede nicht aufgehoben werden, aber das Andersartige existiert und sich miteinander verwebt. Ich wünsche mir, dass mein Roman dazu beiträgt, sich an diesem Ort zu treffen.