Neustadt RHEINPFALZ Plus Artikel Radsport: Immer weniger Vereine bieten Radtourenfahrten (RTF) an

Bei einer RTF stehen den Radfahrern verschieden lange Strecken zur Auswahl. Das Tempo spielt keine Rolle.
Bei einer RTF stehen den Radfahrern verschieden lange Strecken zur Auswahl. Das Tempo spielt keine Rolle.

Seit Beginn der Corona-Pandemie boomt das Radfahren. In den Fahrradwerkstätten der Region kommen die Mechaniker kaum mit der Arbeit nach. Wer ein neues Fahrrad kaufen will, muss sich auf eine Wartezeit einstellen. Doch nur noch wenige Vereine in der Pfalz bieten an Wochenenden und Feiertagen für jedermann Radtourenfahrten an.

Vor Corona hatten viele Vereine in der Pfalz ab März Radtourenfahrten (RTF) im Programm. Wie fast alle anderen Amateursportveranstaltungen sind aber auch diese Angebote für jedermann 2020 ausgefallen. Franz Hieber, seit sieben Jahren RTF-Fachwart im Pfälzischen Radfahrerbund, hofft nun, dass „wir vielleicht die Chance haben, dieses Jahr die eine oder andere Veranstaltung fahren zu können“. Doch schon jetzt steht fest, dass der RSC Zweibrücken am Sonntag nicht die Saisoneröffnung für die Westpfalz anbietet.

Die RTF des RV Edelweiß Lustadt wird es ebenfalls nicht geben. Hieber ist im RV Edelweiß der Vorsitzende. „Wir bieten eine Sternfahrt an“, sagt der in Neustadt wohnende Radsportler. „Wir werden die Corona-Regeln beachten mit Abstand und Masken.“ Die neuen Wertungskarten würden bereitgehalten. „Eine Tasse Kaffee wird es draußen auch geben“, verspricht Hieber.

Touren in den Herbst verlegt

Nach Gesprächen mit Vertretern anderer Vereine weiß er, dass viele überlegen, ihre Frühjahrs-RTF in den Herbst zu verlegen. Beispielsweise biete der RV Rodenbach stets am 1. Mai eine RTF „Rund um das Leininger Land“ an. Jetzt sei diese auf den 5. September verschoben worden. Hieber: „Der RV Göllheim will auch in den Herbst, hat aber noch keinen Termin.“ Ursprünglich waren die Touren „Zwischen Wald und Reben“ am 18. April vorgesehen. Der RV Lustadt will seinen Südpfalz-Marathon am 12. September anbieten. Die Verantwortlichen des RV Dudenhofen, die traditionell die erste („Vom Spargeldorf in die Weinberge“) und letzte RTF („Federweißer-Tour“) einer Saison in der Vorderpfalz ausrichten, „entscheiden kurzfristig, ob sie die Tour am 28. März wegen Corona ausfallen lassen oder verlegen“, sagt Franz Hieber.

Es sind nur noch zehn Vereine in der Pfalz, die Radtourenfahrten für jedermann anbieten. „Ich bin noch glücklich mit dieser Zahl“, gesteht der RTF-Fachwart. „Viele haben schon vor Corona gesagt, dass sie kein Personal mehr haben.“ Laut Hieber sind für eine RTF etwa 15 Helfer nötig. „Wir haben das auch schon mit zehn gemacht, das war aber knapp“, erzählt er. „Wenn man am Vereinsheim einen Ausschank mit Essen und Getränken hat, braucht man noch mal zehn Leute.“ Auf einer 100-Kilometer-Tour gebe es in der Regel drei Verpflegungspunkte mit je zwei Helfern. Hieber: „Zum Schluss müssen alle Strecken noch mal abgefahren werden.“ Um Müll einzusammeln, um die Hinweisschilder abzumontieren.

Haßloch hofft auf Kriterium

Die Radsportvereine in Haßloch, Neustadt und Deidesheim bieten keine RTF mehr an. Und befinden sich damit in bester Gesellschaft. Auch die RTF in Hochstadt, Grünstadt, Kerzenheim, Hatzenbühl, Rheinzabern, Rodenbach in der Westpfalz, Mehlingen, Niederauerbach, Böhl-Iggelheim, Speyer und auf der Dannstadter Höhe sind längst Vergangenheit. Schon seit 2008 richtet der ARC Pfeil Haßloch keine Radtouristikfahrten mehr aus. Im Verein fehlen die Helfer. „Es sind ja nicht nur die Betreuung an Start und Ziel sowie die Bewirtung. Auch die Kontrollstellen müssen mit Helfern besetzt werden“, sagt Vereinschef Oliver Franke. „Wenn wir genügend Helfer hätten, würden wir die RTF wieder ausrichten.“ Zumindest hofft er, dass nach einem Jahr Pause am 19. September wieder das Radkriterium im Großdorf gestartet wird.

Nicht anders ist die Situation beim RV Edelweiß Deidesheim: Nachdem sich die bisherigen Verantwortlichen im Vorstand zurückgezogen haben, fehlen die Helfer für die RTF. Ohnehin stand die Sportveranstaltung seit Jahren auf des Messers Schneide. Immer wieder waren es dieselben Mitglieder, die die RTF am Leben gehalten hatten, bis das Angebot ganz eingestellt worden ist. Der neue Vorsitzende Lukas Dommert möchte in diesem Jahr aufgrund der Corona-Lage noch keinen Neustart wagen. Ob der RV Edelweiß wieder eine RTF ausrichten wird, lässt er offen.

100 bis 400 Starter

„Ich habe morgens um 5.30 Uhr angefangen und abends um 20 Uhr aufgehört“, erinnert sich Roswitha Mann, Ehrenvorsitzende des RSC Neustadt, an ihre Einsätze bei der früheren RTF von Neustadt nach Straßburg und zurück. Insgesamt fünf Verpflegungsstellen hätten mit Helfern besetzt werden müssen. „Niemand wollte die Arbeit mehr machen“, blickt Mann zurück. „Es war ein enormer Arbeitsaufwand, und der Landesverband hat vorgeschrieben, wir dürfen nur drei Euro Startgebühr nehmen.“ Es habe sich nicht gelohnt.

2019 hat Franz Hieber in seinen Statistiken „abhängig vom Wetter“ zwischen 100 und 200 Teilnehmer pro RTF notiert. „Wir hatten auch schon 400 Starter.“ Es sei das Interesse da, in Gruppen zu fahren, „aber nicht im Verein zu sein“, erzählt der Fachwart.

Anmelden an Kontrollpunkten

Bei den RTF ist vorgesehen, dass alle beim ausrichtenden Verein starten. Nicht zur gleichen Zeit, aber in einem bestimmten Zeitraum. Viele Sportler reisen auf dem Rad an und steigen oft unterwegs in die Tour ein. Ein Anmelden an einem Kontrollpunkt war bislang nicht möglich. Der Lustadter Vorsitzende will dem Wunsch der Sportler entgegenkommen: „Wir haben schon vor zwei Jahren gesagt, ihr könnt einsteigen, wo ihr wollt. Wenn ihr zu unserem Start und Ziel kommt, zahlt eure Startgebühr.“ Beim Marathon im September machen es die Lustadter möglich, unterwegs an den Verpflegungsstationen einzusteigen und dort die Startgebühr zu zahlen.

Hieber nutzt seine Kontakte, damit Radfahrer zu den Touren kommen. „Man muss wirklich jeden ansprechen.“ Sein Gedanke, vier Breitensport-Stützpunkte in der Pfalz zu kreieren, sei nicht vom Tisch. Hieber: „Wir sollten uns mehr auf die Bezirke West-, Vorder-, Nord- und Südpfalz konzentrieren und uns gegenseitig helfen.“ In vielen Clubs hinge es von einzelnen Menschen ab, ob eine RTF organisiert werde. Als einen Weg in die richtige Richtung bezeichnet es der Fachwart, dass nur noch RTF-Strecken bis 100 Kilometer ausgeschildert würden, die Langstrecken nicht. „Die Langstreckenfahrer haben alle ein Navi auf dem Rad“, weiß der passionierte Radfahrer aus Erfahrung. Der von seinem RV Lustadt geplante Marathon werde allerdings noch mal ausgeschildert, „weil wir Helfer das als Gelegenheit nehmen, die Strecke mit dem Rad abzufahren“.

Verpflegungspakete

Um den Corona-Regeln gerecht zu werden, gibt es Überlegungen, an Kontrollstellen „Verpflegungspaketchen“ abzulegen. „Jeder kann sich das dort wegnehmen“, sagt Hieber. Ein Helfer passe auf, dass kein Müll zurückgelassen werde. Zudem werde so verhindert, dass sich Gruppen bildeten. Bisher herrschte an diesen Stationen Selbstbedienung. Oft standen Fahrer kauend und trinkend zusammen, um zu erzählen.

Organisierte Touren ohne Zeitnahme

RTF, also Radtourenfahrten, ist Radsport für jedermann ohne Zeitnahme. Es sind keine Wettkämpfe. Ein Verein bietet an einem Samstag oder Sonntag Radtouren über verschiedene Distanzen an, meist zwischen 40 und 170 Kilometern. Ehrenamtliche Helfer schildern die Strecken aus. Heute gibt es auch GPS-Daten. Viele Radsportler nutzen GPS-taugliche Geräte auf dem Rad. Jeder entscheidet für sich selbst, welche Strecke er wie schnell fährt. In einer Gruppe oder alleine. Unterwegs gibt es Verpflegungspunkte. Hier werden den Sportlern Getränke und kleine Snacks angeboten. Jeder zahlt für seine Teilnahme eine Startgebühr.

Laut Bund Deutscher Radfahrer werden in Deutschland von über 1000 Mitgliedsvereinen Radtourenfahrten organisiert. Wer mitfahren möchte, braucht nur ein verkehrstaugliches Fahrrad.

Kontakt

RTF-Termine für Rheinland-Pfalz stehen im Breitensportkalender des Bundes Deutscher Radfahrer im Internet: https://bit.ly/3q8gDtv . Dort stehen auch Termine aus anderen Bundesländern.

x