Neustadt RHEINPFALZ Plus Artikel Den frühen Astronomen auf der Spur

Otto Schmid deutet die Pfälzer Schalensteine als Hilfsmittel, mit denen die Menschen der Jungstein- und Bronzezeit Sterne und Pl
Otto Schmid deutet die Pfälzer Schalensteine als Hilfsmittel, mit denen die Menschen der Jungstein- und Bronzezeit Sterne und Planeten beobachteten, und sieht einen Zusammenhang mit den berühmten Goldhüten.

„Anfangen ist leicht, Beharren eine Kunst“, besagt ein Sprichwort. Nach 27 Jahren Erforschung der sogenannten „Schalensteine“ auf den Gipfeln des Pfälzerwaldes kann man den Neustadter Heimatforscher Otto Schmid einen wahren Meister im Beharren nennen.

Dabei fing alles recht unspektakulär an, mit dem Staunen eines Gastes aus Wernigerode über die Heidenlöcher nahe Deidesheim im Jahr 1994: „Das müsste man doch mal genauer erforschen!“, fand der Mann, und Otto Schmid, von Haus aus Maschinenbauer, nahm ihn beim Wort, bestieg in der Folge fast alle Berge des Pfälzerwaldes und entdeckte dabei unzählige Steine mit auffälligen Markierungen, Mulden und Löchern. Insgesamt sollen in der Region an die 700 solcher Steine gefunden worden sein. Schließlich kam Schmid durch Anregungen des Schifferstadters Lorenz Eckrich zu der Ansicht, die Schalensteine seien nicht wie allgemein angenommen natürlichen Ursprungs, sondern das Werk frühzeitlicher Astronomen und eine Verbindung zu den spektakulären bronzezeitlichen Goldhüten, von denen einer 1835 ganz in der Nähe, in Schifferstadt, gefunden wurde.

Natürlich ist nicht jede Mulde von Menschenhand gemacht

Otto Schmid begann also seine Tätigkeit als Heimatforscher erst gegen Ende seines Berufslebens. 1932 in Neustadt geboren, absolvierte er ab 1946 eine Schlosserlehre in der internationalen Baumaschinenfabrik IBAG. Später wurde er hier wie auch in einer weiteren Maschinenbaufirma als aktiver Gewerkschaftler der IG Metall lange Jahre in den Betriebsrat gewählt. Nach der Hochzeit 1959 engagierten sich seine Frau und er zudem viele Jahre bei den „Woisträsslern“, die überregional für Neustadt und den Pfälzer Weinbau werben.

Schon bald verband Schmid bei seinen Erkundungen auffällige Markierungen der Steine und entdeckte Winkel, die oft bestimmte bedeutsame Auf- und Untergänge von Sonne, Mond und Venus anzeigten. „Sicher ist nicht jede Mulde, die man findet, von Menschenhand gemacht, und einige Zeichen stammen auch aus anderen Epochen, aber bei einigen Steinen wie denen auf dem Scheibenberg bei Rothbach in den Nordvogesen ist die Bearbeitung durch Menschen offensichtlich, und die vielen übereinstimmenden Winkel lassen dann doch wenig Zweifel aufkommen, dass dies Spuren von Winkelmessungen sind.“ So deutet er auch hufeisenförmige Mulden und Zeichen wie die berühmte „Rosstrappe“ bei Thale im Hazr als Bahnen von Himmelskörpern, möglicherweise nehme hier sowohl der sagenhafte Pferdefuß des Teufels wie das glücksbringende Hufeisen seinen Anfang.

Die Zauberhüte aus „Harry Potter“ haben uralte Vorbilder

Auf die Frage, wieso er über so viele Jahre Schalensteine vermaß, antwortet Schmid: „Ich wollte den Nachweis erbringen, dass die etwa 3000 bis 3300 Jahre alten Goldhüte westeuropäischen Ursprungs sind und nicht Voraussetzung, sondern Ergebnis einer Jahrtausende währenden Himmelsbeobachtung.“ Schmid ist mit dieser Ansicht nicht alleine: Für den früheren Leiters des Berliner Museums für Vor- und Frühgeschichte, Wilfried Menghin, bergen die Goldhüte einen Code, der besagt, dass 19 Jahre genau 235 Mondzyklen entspreche, womit sich die Kalender von Sonne und Mond zusammenführen ließen. Menghin betrachtete die Goldenen Hüte als Vorbilder für die volkstümlichen Zauberhüte, die es heute bis in die „Harry Potter“- und „Herr der Ringe“-Filme geschafft haben. Die bronzezeitlichen Priester konnten mit ihren Hüten den besten Zeitpunkt für Saat oder Ernte bestimmen. Voraussetzung war die Beobachtung des Himmels von Berggipfeln aus. „Durch die Forschungen an den Schalensteinen werden die Mengenrechnungen der Bronzezeit erfahrbar, über die immer noch sehr wenig bekannt ist“, glaubt Schmid.

Oft seien Winkelgrade markiert, die die Tage zwei Monate vor und nach den Sonnenwenden anzeigten, so seine Beobachtung. Tage, Monde, Venuszyklen und Sonnenjahre wurden gezählt, bestimmte Zahlen, die sich aus dem Horizontkreis ergeben, kehren immer wieder. Besonders gehe es um den gleichzeitigen Sonnenaufgang und Monduntergang, der nur alle 19 Jahre stattfindet. Schmid hat nicht nur eine schlüssige Erklärung für die Zeichen auf den Goldhüten, die Zyklen zählen, sondern eine Reihe von weiteren eigenwilligen Ideen zur astronomischen Archäologie: So werde etwa die Himmelscheibe von Nebra verkehrt herum gelesen, abgebildet sei keine Barke, sondern ein Horizontwinkel, so seine These. Der Bau der etwa 4500 Jahre alten Stonehenge-Steinanlage in England, die nach Winter- und Sommersonnenwende ausgerichtet ist, lasse sich über die Mondzyklen entschlüsseln.

Liegt der Ursprung der Astronomie in der Pfalz?

Schmid ärgert, dass den Zeugnissen der frühen Himmelsbeobachter in der Pfalz nicht genügend Aufmerksamkeit geschenkt wird: „Möglicherweise liegt hier und in den Vogesen der Ursprung der Astronomie.“ Den allerersten Anfang der Sternbeobachtungen schätzt er nämlich auf ungefähr 35.000 Jahre, als die Menschen begannen, mit Punkten und Strichen die Zeit zu messen. Dies wäre lange, bevor etwa vor 9000 Jahren in Europa die Landwirtschaft einsetzte, mit der die Himmelsbeobachtung dann gleichsam überlebensnotwendig wurde. Ein Beleg könnte eine Elfenbeintafel aus einer Höhle auf der Schwäbischen Alb sein, die von den Prähistorikern als erster lunisolarer Kalender gedeutet und auf 32.000 Jahre vor Christus datiert wird.

Schmid suchte bei seiner Forschung von Anfang den Kontakt zu Fachleuten und wissenschaftlichen Institutionen, war jedoch froh, wenn er überhaupt eine Antwort erhielt. Es sei zu oft eine „Nicht-Kommunikation“ gewesen, bedauert er. Ganz ohne Resonanz blieben seine Forschungsarbeiten aber dann doch nicht: Sowohl aus dem Historischen Verein der Pfalz wie auch aus der Umweltorganisation Pollichia heraus gab es Interesse, auch RHEINPFALZ-Mitarbeiter Rainer Rausch berichtete 2010 und 2011 mehrmals in der RHEINPFALZ. Mit Professor Wolfhard Schlosser vom Astronomischen Institut der Ruhr-Universität Bochum, der die Himmelscheibe von Nebra untersuchte und als Experte die Weltraummissionen der Europäischen Union begleitete, stand Schmid lange in Kontakt. Dieser bescheinigte ihm 2012 sogar schriftlich die Richtigkeit seiner astronomischen Messungen.

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