Mannheim RHEINPFALZ Plus Artikel Verletzte Polizisten und Festnahmen bei Corona-Protesten

Zunächst stoppt die Polizei den Zug auf den Planken.
Zunächst stoppt die Polizei den Zug auf den Planken.

Beim zweiten großen Corona-Protest innerhalb von acht Tagen sind am Montagabend in Mannheim erneut „Spaziergänger“ und ein Großaufgebot der Polizei aufeinandergetroffen. 13 Beamte wurden verletzt. Es gab Festnahmen. Ein Stimmungsbild aus den Quadraten.

Um 18.30 Uhr herrscht am Montag noch besinnliche Adventsstimmung auf den Planken. Passanten schlendern mit vollen Einkaufstaschen durch die gut besuchte Fußgängerzone. Vor manchen Kleidergeschäften bilden sich Warteschlangen, ein Cello ertönt – und vor einem Kino findet eine junge Frau mit souliger Stimme einige Zuhörer. Am Wasserturm sind da schon viele Polizeibusse positioniert. Doch die Beamten laufen zunächst ziemlich allein über den dunklen Platz. Kurz vor 19 Uhr aber herrscht am Plankenkopf dann plötzlich Getümmel. Immer mehr „Spaziergänger“ versammeln sich. Erneut protestieren Menschen – wie in sozialen Netzwerken angekündigt – gegen die Corona-Politik.

Die Stadt hat Veranstaltungen dieser Art im Vorfeld untersagt. Dennoch sind es am Ende 800 Teilnehmer, die laut Polizei an mehreren Stellen durch die Innenstadt ziehen. Vor einer Woche waren es ungefähr 2000. Die Stimmung diesmal ist nach Beobachtung der Polizei aggressiver. Beim Versuch, die verbotenen Versammlungen aufzulösen, werden 13 Beamte verletzt. Einer von ihnen muss in einem Krankenhaus behandelt werden. Wegen Verstößen gegen das Versammlungsgesetz kommt es bis am späten Abend zu 131 Anzeigen.

Sorgen einer Mutter

Die Menschen, die sich dem Zug anschließen, sind bunt gemischt. Es gibt einige Männergruppen, denen man nachts lieber nicht über den Weg laufen will. Sie sind es dann auch, die der Polizei die größten Schwierigkeiten machen. Ansonsten unterscheidet sich die Ansammlung nicht von den Leuten, die zu einem Weihnachtsbummel in die Stadt gekommen sind. Frauencliquen stehen da, Rentner, Jugendliche, viele 30- bis 50-Jährige, auch manche Familien mit Kindern. Warum? „Ich will nicht, dass mein Sohn in der Grundschule eine Maske tragen muss“, sagt eine Mutter. Nun habe sie Angst vor einer Impfpflicht für Kinder. Dass auch Personen aus dem rechten Milieu mitmarschieren, nimmt sie in Kauf. „Anders geht es nicht, wir müssen gesehen werden. Im großen TV gibt es uns nicht“, findet sie.

Als die Polizei ihre erste Durchsage durchs Megafon spricht, dass ein „Montagsspaziergang“ und andere Versammlungen laut städtischer Verordnung verboten sind und in der Fußgängerzone die Maskenpflicht einzuhalten ist, folgen die ersten Sprechchöre. „Wir sind das Volk und das Grundgesetz. Ihr müsst uns beschützen, nicht die Politiker“, rufen manche mit spürbarer Wut. Dann setzt sich der Aufzug in Gang. „Friede, Freiheit, keine Diktatur“ schallt es über die Planken. Knapp 250 Meter lässt die Polizei den Protestmarsch gewähren. Doch an der ersten Kreuzung versperrt eine Kette aus Einsatzkräften den Weg. „Widerstand“, rufen manche, andere erschrecken sich. Zumal sich auch hinter ihnen die Polizeikette schließt. „Ich will nur noch raus hier“, sagt ein junger Mann mit Maske, der sich eingekesselt fühlt.

Mulmiges Gefühl beim Stadtbummel

Die meisten weichen zurück, manche aber versuchen die Polizeiwand zu durchbrechen und werden von den Beamten niedergerungen. Krankenwagen treffen ein. Hinter der Kette trauen zwei Passantinnen ihren Augen nicht. „Wir waren shoppen und danach etwas essen. Um ehrlich zu sein, hatten wir echt Schiss bekommen“, sagen sie, als sich die unübersichtliche Lage zunächst wieder beruhigt.

Eine ältere Dame aber steht immer noch wie erstarrt auf einer Sitzbank. „Lügenpresse, ihr schreibt ja doch, was ihr wollt“, sagt eine Freundin der Mannheimerin. Nur wenige Protestierende wollen sich einem Gespräch stellen. Die Seniorin aber lässt sich darauf ein. „Ich will das Virus nicht kleinreden, aber mir ist das zu viel Angstmache und Druck“, sagt sie. Das Vertrauen in die Politik habe sie verloren, die Zahlen und Statistiken rund um Corona empfinde sie nicht als ehrlich. Vom Protestmarsch hat die aufgewühlte Rentnerin nun ebenfalls genug. Erschöpft zieht sie von dannen.

Katz- und Mausspiel

Die Versammlung verstreut sich, um an anderer Stelle neue Knäuel zu bilden. Via Smartphone verabreden sich manche Teilnehmer immer wieder an anderen Hotspots, die meisten aber laufen einfach dem größten Pulk hinterher. „Die Lage ist dynamisch, die Aufzüge werden geteilt und immer wieder neue Wege gesucht“, erklärt ein Polizeisprecher. Das typische Katz- und Mausspiel beginnt, zwischen Paradeplatz und Rathaus werden Feuerwerkskörper gezündet. Im Quadrat C2 schließlich wird eine Demo-Gruppe festgesetzt. Die Polizei erfasst die Personalien von über hundert Menschen.

Auch kleine Gegenproteste gibt es. „Das B in Querdenken steht für Bildung“, haben zwei junge Frauen mit gefärbten Haaren, die am Kaufhof am Paradeplatz sitzen, auf ein Pappschild geschrieben.

Die Polizei hat mit Einsatzkräften im dreistelligen Bereich bis etwa 21.30 Uhr alle Hände voll zu tun. 13 Personen werden wegen Widerstandshandlungen und tätlicher Angriffe festgenommen. Der zweite große Protest geht in Mannheim langsam zu Ende. Obwohl die Stadt per Allgemeinverfügung ein Versammlungsverbot erlassen hat, muss mit weiteren unangemeldeten Protestzügen gerechnet werden.

Im Laufe des Abends gibt es mehrere Festnahmen.
Im Laufe des Abends gibt es mehrere Festnahmen.
Mehr zum Thema
x