Ludwigshafener Geschichte(n) RHEINPFALZ Plus Artikel Wer steckt hinter den großen Bauwerken der Stadt?

Die Walzmühle präsentiert sich damals wie heute als bauliches Gegenüber zum Mannheimer Schloss.
Die Walzmühle präsentiert sich damals wie heute als bauliches Gegenüber zum Mannheimer Schloss.

Einige große Baumeister haben in Ludwigshafen ihre Spuren hinterlassen. Sie schufen nicht nur viele Gebäude, sondern auch den bekanntesten Park der Stadt.

Mit dem in Gent geborenen Belgier Peter Anton von Verschaffelt (1710-1793) begann vor rund 250 Jahren die Ludwigshafener Baugeschichte. Sie ist kurioserweise damit älter als die erst hundert Jahre später entstandene Stadt. Der ab 1752 an Rhein und Neckar sesshaft gewordene belgische Baumeister, der als Nachfolger von Hofbildhauer Paul Egell

(1691-1752) an den Mannheimer Hof verpflichtet wurde, hat allerdings seine Hauptwerke rechts des Rheins geschaffen: die bereits im Bau befindliche Jesuitenkirche (1738-1760), das Zeughaus (1777-1779) und das Palais Bretzenheim (1782-1788) in Mannheim sowie den noch heute bewunderten Schlosspark in Schwetzingen. Doch auch in Ludwigshafen sind nach wie vor Ergebnisse seiner Planungen sichtbar: die zwischen 1774 und 1777 entstandene Wallfahrtskirche Mariä Himmelfahrt in Oggersheim und das wohl bereits 1770 von ihm modernisierte Herrenhaus des Zedtwitz-Hofguts in Mundenheim.

Fast hundert Jahre dauerte es dann, bis wieder talentierte Baumeister in Ludwigshafen Zeugnisse ihrer Kunst und ihres Handwerks schaffen konnten. Von 1858 bis 1862 baute Heinrich Hübsch (1795-1863) die katholische Ludwigskirche, deren beide heute stadtbildprägende 55 Meter hohen Türme erst 1883 fertiggestellt wurden. Zuvor hatte der gebürtige Weinheimer im Auftrag von Bayern-König Ludwig I. von 1854 bis 1858 die Wiederrichtung des Westbaus des Speyerer Doms geleitet. Als Hübsch mit dem Bau der Ludwigskirche weitgehend fertig war, begann nicht weit davon entfernt Baumeister August von Voit (1801-1870) mit der Errichtung der protestantischen Lutherkirche, für die er eine Bauzeit von sechs Jahren bis 1864 benötigte. Der aus Wassertrüdingen/Bayern stammende Baumeister hatte zuvor die katholische Kirche St. Martin in Waldsee (1842/43) und die Fruchthalle in Kaiserslautern (1843-1846) geplant und hochgezogen.

Bürgerhäuser im Jugendstil

Gebaut wurde damals in der prosperierenden jungen Industriestadt auch von anderen Baumeistern. 1885/86 gestaltete der Bezirksbaumeister Adolf Lipps die Ostfront der neu entstandenen Walzmühle, wie sie sich noch heute als bauliches Gegenüber zum Mannheimer Schloss präsentiert. Otto Schittenhelm gab bereits vor dem Ersten Weltkrieg zwischen 1909 und 1913 dem heutigen Stadtteil Süd zum Beispiel in der Bayern- und Lisztstraße ein architektonisches Gesicht mit beeindruckenden Bürgerhäusern im ausgehenden Jugendstil, die noch heute einen Blick wert sind.

Schittenhelm war auch noch dabei, als zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Säulen-Front des Pfalzwerke-Verwaltungszentrums (1921/23) und die Erlöserkirche (1930/31) in der Gartenstadt geplant wurden.

In diesen Jahren war auch längst Markus Sternlieb (1879-1934) auf vielen Baustellen der Stadt unterwegs. Sternlieb war seit 1911 Stadtbaumeister und verantwortlich für Großprojekte wie das Kurhaus Trifels in Annweiler (1909), das Straßenbahn-Depot (1910), das Stadthaus Nord (1913) und die Rheinschule (1914). Für die Bauvorhaben „Roter Hof“ und „Grüner Hof“ in der Gartenstadt schuf er die Leitlinien und erntete dafür den Dank der Verwaltungsspitze, die ihn 1920 zum städtischen Oberbaudirektor ernannte. Und Chef der gerade gegründeten GAG wurde er 1920 obendrein. Da legte er erst richtig los, schuf 1925 für eine große Gartenbauausstellung den Ebertpark, entwickelte zwischen 1927 und 1930 die Planung für die Ebertpark-Siedlung und zeitgleich 1929/30 für die Westend-Siedlung. Auch die Planung für die Christian-Weiß-Siedlung an der Kurfürstenstraße entstand 1931 an seinem Reißbrett.

Denkmalzone in der Gartenstadt

Ein anderer Baumeister hatte sich damals bereits als Einzelkämpfer einen Namen gemacht und stets auch Partner „ins Boot geholt“: Der Frankfurter Karl Latteyer (1884-1959) kam 1912 nach Ludwigshafen, wo er mit seinen wechselnden Partnern Karl Schuler, Hans Schneider und Alfred Koch Baugeschichte schrieb. Das begann am 14. April 1914, als er mit Schuler den Architektenwettbewerb für einen Bebauungsplan für die im Entstehen begriffene Gartenstadt gewann: Sein Projekt „Sonnige Au“ rund um die Wachenheimer Straße kann sich noch heute sehen lassen. Eine von ihm und Schneider 1922/23 konzipierte Wohnsiedlung um die Max-Reger-Straße ist heute eine Denkmalzone. Mit seinem Kollegen Schittenhelm plante er 1930/31 die Erlöserkirche in der Gartenstadt, die er nach dem Zweiten Weltkrieg mit Partner Alfred Koch von 1954 bis 1956 nach schweren Kriegsschäden auch wieder aufbaute.

Doch sein Meisterstück machte er 1930/31 mit Partner Hans Schneider mit der Planung der Friedenskirche: Die am 17. Juli 1932 eingeweihte Kirche beeindruckte mit der ungewöhnlichen Turm-Konstruktion in der Mitte eines runden Bauwerks, das allerdings samt dem Slevogt-Gemälde „Golgatha“ in den letzten Kriegsmonaten zerstört wurde. Nach Kriegsende setzte Latteyer weitere Maßstäbe: 1952 baute er das freireligiöse Johannes-Ronge-Haus und zwei Jahre später die protestantische Kirche in Waldsee. In Ludwigshafen entstanden der Ankerhof und der (alte) Pfalzbau mit Kino und Festsaal, an der Saarlandstraße die beiden jeweils 16 Stockwerke hohen Hochhäuser „Hannes“ und „Peter“ und in Oggersheim an der Mannheimer Straße eine originelle freistehende Gasolin-Tankstelle. Angeblich wurden zwei Drittel aller Häuser der wiederaufgebauten Innenstadt von Latteyer und seinen Mitarbeitern geplant.

Der Mann für die Kirchen

Ein anderer Architekt machte sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts in zweierlei Hinsicht einen Namen: Der Frankenthaler Albert Boßlet (1880-1957) baute in seinem Berufsleben nahezu hundert katholische Kirchen – darunter die St. Josephskirche in Rheingönheim (1914/15), die Bonifaziuskirche in der Gartenstadt (1929/30) und die Marienkirche. Sein größtes Projekt war jedoch der aufwendige Bau des Marienkrankenhauses „auf der grünen Wiese“ in der Gartenstadt (1926-1928). Auch das Geschwister-Scholl-Gymnasium wurde zum Teil von Boßlet geplant. Einer seiner Partner war der Ludwigshafener Oberbaudirektor Karl Lochner, mit dem er unter anderem die Herz-Jesu- und Marienkirche sowie die Mundenheimer Kirche St. Sebastian wieder für die Katholiken nutzbar machte. Auch für das Reicherthaus und die Stadtbibliothek war Lochner planerisch aktiv.

Den Begriff „Architekt“ dürfen die Männer vom Bau offiziell eigentlich erst seit genau hundert Jahren nutzen: Am 23. Juni 1923 verabschiedete das Parlament in Italien ein Gesetz, wonach erstmals in Europa diese Berufsbezeichnung gesetzlich geschützt wurde. Baugrößen wie der Ägypter Imhotep (3. Jahrtausend vor Christus), der griechische Parthenon-Erbauer Kallikrates (470 bis 420 v. Chr.), Fischer von Erlach (1656-1723) als Erbauer der Wiener Karlskirche, Balthasar Neumann (1687-1753) als Schöpfer der Würzburger Residenz oder Karl Friedrich Schinkel (1781-1841), der die Nikolaikirche in Potsdam plante, gingen allerdings ohnehin als Baumeister in die Geschichte ein.

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