Serie RHEINPFALZ Plus Artikel Warum sich der frühere Torjäger Jürgen Schieck gerne an das Ludwigshafener Südwest-Stadion erinnert

Jürgen Schieck scheitert in dieser Szene am Völklinger Torhüter Horst Zingraf, der auch für die Sportfreunde Saarbrücken und den
Jürgen Schieck scheitert in dieser Szene am Völklinger Torhüter Horst Zingraf, der auch für die Sportfreunde Saarbrücken und den 1. FC Saarbrücken spielte.

Beim damaligen Fußball-Regionalligisten SV Alsenborn wurde Jürgen Schieck nach einer durchwachsenen ersten Saison im Jahr danach Torschützenkönig. Das Südwest-Stadion spielte eine spezielle Rolle in seiner Karriere. Dort erzielte der Mittelstürmer ein ganz besonderes Tor.

An sein erstes Tor in einem Pflichtspiel als Profi hat Jürgen Schieck keine Erinnerung mehr. Und die Aufzeichnungen aus jenen Tagen vor 54 Jahren sind mit den heutigen wahrlich nicht zu vergleichen. „Ich kann mich an mein erstes Tor für den SV Alsenborn beim besten Willen leider nicht mehr erinnern. Ich finde auch in meinen Unterlagen nichts. Fakt ist: Es waren 19 Einsätze und sechs Tore“, sagt Schieck beim Blick zurück. Heute ist der pensionierte Sport-Journalist 74 Jahre alt und lebt mit seiner Frau in Freiburg. Den SC unterstützt er mit Herz und Verstand in der Bürgerinitiative „Pro Stadion“.

Schieck war 20 Jahre jung, als seine Laufbahn in Gang kam. Er war Sportstudent in Heidelberg, stürmte für den VfB Eberbach, 2. Amateurliga. Ein Stürmer mit Torriecher. Zwei Kommilitonen, der Lauterer Roland „Sherry“ Kirsch und der inzwischen leider schon verstorbene Ludwigshafener Klaus Schmidt, nahmen Schieck auf Verdacht mal mit zum Training nach Alsenborn. Der Regionalligist suchte Stürmer, gewann einen Test gegen die Heidelberger Uni-Elf 4:2. Beide Tore schoss Schieck, ein Schlaks. Eine gewisse Unbeweglichkeit ließ Trainer Otto Render zweifeln, ob der kopfballstarke Draufgänger es denn packen würde. Als Schieck in einem weiteren Test vorspielte – in der Halbzeit für Kapitän Lorenz Horr eingewechselt – und zweimal traf, sagte Render Ja zu dem jungen Langen aus dem Odenwald. „Im Haus von Fritz Walter hab’ ich den Vertrag unterschrieben“, erinnert sich Schieck an den besonderen Moment. 80 Mark gab es im Monat, 50 pro Punkt und 1500 Mark Handgeld für die Unterschrift unter dem Zweijahreskontrakt. Geld, das half den VW Käfer zu finanzieren, um aus Heidelberg zum Training nach Alsenborn zu fahren. „Ich hab’ zu meinem Vater gesagt, um unter Fritz Walter trainieren zu dürfen, hätte ich auch für nichts gespielt“, sagt Schieck, den die Aura des Ehrenspielführers, damals Berater der Alsenborner, faszinierte und motivierte.

Mit 31 Treffern in 30 Spielen Torschützenkönig

Das erste Profijahr – aus Schiecks Sicht durchwachsen. Sechs Tore in 19 Spielen, elfmal nur auf der Bank. Selbstzweifel keimten. Aufgeben? Zurück nach Eberbach. Otto Render überredete Schieck zum zweiten Anlauf, versetzte Fritz Fuchs aus dem Sturm in die Abwehr – und Schieck traf schon in der Vorbereitung am laufenden Band. Dann erlebte Schieck die beste Saison seiner Karriere, wurde Torschützenkönig und klopfte mit dem SV Alsenborn ans Tor zur Bundesliga. So grau die Erinnerung ans erste Profijahr ist, so lebendig sind die Bilder aus seinem zweiten Jahr beim SVA. „In der Saison 67/68 habe ich in 30 Spielen 31 Treffer erzielt. Den ersten am vierten Spieltag beim 3:2-Sieg beim FK Pirmasens. Zwischen dem siebten und zehnten Spieltag habe ich in vier Spielen 14 Tore erzielt, dabei allein fünf beim 7:0-Sieg über den FC Homburg am 2. Oktober 1967“, erzählt Schieck, der in dem aus Oggersheim stammenden Lorenz Horr seinen kongenialen Partner wusste. Zusammen erzielten sie 1967/68 sage und schreibe 58 Tore. „Der ,Lenz’ war der beste, der perfekteste Fußballer, mit dem ich in meiner Karriere zusammenspielte“, schwärmt Schieck noch heute von Mannschaftskamerad Horr, der acht goldene Jahre bei Hertha BSC erlebte, in 240 Bundesligaspielen 80 Tore schoss.

Ein Hattrick in vier Minuten

Der Sprung ins Oberhaus blieb Schieck versagt, der als Torschützenkönig Bundesliga-Angebote ausschlug, um sein Studium zu forcieren und stattdessen vom SVA zu den Stuttgarter Kickers wechselte. Müßig darüber zu grübeln, was gewesen wäre wenn. Denn Schieck stand für besondere Momente, beim 6:0 (0:0) beim Ludwigshafener SC in der Spielzeit 67/68 gelang ihm binnen vier Minuten ein Hattrick. „Ich hatte in der Woche nicht trainiert, weil ich meinen Trainer-B-Schein in der Sportschule Schöneck machte. Otto Render sagte vor dem Spiel, Jürgen, du warst ja gut in Form, du fängst an, auch wenn du nicht trainiert hast und wir schauen wie es läuft“, erzählt Schieck: „Zur Halbzeit stand es 0:0. Otto sagte, geh’ noch zehn Minuten rein, gib Gas, dann hol’ ich dich raus.“ Schieck gab Gas – Vollgas. Nach 49 Minuten hieß es 3:0 für die Alsenborner – Schieck traf binnen vier Minuten dreimal. „Da bin ich an der Bank an Otto vorbei gelaufen, hab’ nur gesagt, heute geht gar nichts, Otto, ich glaub’ du holst mich besser raus“, schildert Schieck lachend: „Otto sagte nur grinsend, schaff’ dich ab …“

„Das dritte Tor würde heute vielleicht gar nicht mehr anerkannt – wegen Unsportlichkeit. Es war ein Alleingang, ich war am Torwart vorbei und bin mit dem Ball auf der Torlinie stehen geblieben bis einer vom LSC kam, dann hab’ ich den Ball über die Linie gespitzelt. Klar, das war unsportlich, die haben sich furchtbar aufgeregt. Das würd’ ich heute sicher auch nicht mehr machen. Aber ich war jung und übermütig …“

Schönstes Tor im Aufstiegsspiel gegen Göttingen

So wenig sich Schieck an sein erstes Profi-Tor erinnern kann, so genau hat er seinen schönstes in Erinnerung. „Mein schönstes Tor erzielte ich am 12. Juni 1968 im Südwest-Stadion im Aufstiegsspiel zur Bundesliga gegen Göttingen 05 beim 3:2-Erfolg. Das Tor – es war ein Flugkopfball in der 4. Minute nach einer Linksflanke unseres Mittelfeldspielers Wolfgang Röhring. Ich dachte, dass ich nie an diesen Ball herankomme. Und plötzlich lag er im Netz. Die Basis zum Sieg.“ 19.000 Zuschauer sahen das Spiel, auch Horr und Fuchs trafen. Kirsch und Schmidt, die Schieck zwei Jahre zuvor nach Alsenborn lotsten, standen in der Abwehr. Später schoss er den VfR Mannheim in die Zweite Liga, schrieb mit dem VfB Eppingen Pokalgeschichte. Er wurde Sportredakteur beim „Heidelberger Tagblatt“, erlebte beim Ersten Privaten Fernsehen (EPF) in Ludwigshafen wieder aufregende Stunden mit Klaus Schlappner und den Waldhof-Buben. 1987 ging Schieck zum Süddeutschen Rundfunk, moderierte lange Jahre „Sport im Dritten“ und war für die ARD-Sportschau als Interviewer und Assistent von Jens-Jörg Rieck im Einsatz. Jürgen Schieck – ein lebendiges Archiv. Aber nicht alle Tore kann man sich merken …

DIE SERIE

Mein erstes Tor

Mein erstes Tor: Wer erinnert sich nicht an den Jubel, die Freude, den ersten Treffer erzielt zu haben. Momente, die viele Sportler nie vergessen. In unserer Serie erzählen ehemalige Fußballer, die in der Region spielen oder groß wurden, die Geschichte ihres ersten Treffers.

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