Mannheim
Streik im ÖPNV: Wie Mannheim vorankommt
Mannheim. Kommt es in Folge des 24-stündigen Warnstreiks bei der RNV zum befürchteten Verkehrskollaps, sind die Straßen dicht? Welche kreativen Lösungen finden die Berufspendler? Käfertal, kurz nach 7 Uhr: Auf der B38 kommt es schon mit Sonnenaufgang zum erwartbaren Rückstau, der sich etwas länger zieht als sonst. Schuld hat aber nicht die Bahn, sondern ein Kleinlaster, der an der Fahrbahn-Verengung der BBC-Brücke scheitert. Es wird gehupt, im Schneckentempo geht’s durchs Nadelöhr, dann läuft der Verkehr aber überraschend flüssig. An den leeren Bahn-Haltestellen des Klinikums nutzen Mitarbeiter des Stadtraumservices den Bahn-Streik für große Säuberungsaktionen. Mehr Fahrräder und E-Scooter als sonst scheinen Richtung City unterwegs zu sein.
Am Hauptbahnhof ergibt sich um halb acht ein ungewöhnliches Bild: Keine Bahn, aber viele Fußgänger marschieren wie Ameisen in beide Richtungen. Mit Aktenkoffern, Rollis oder Schulranzen, mal eiligen Schrittes mit Blick aufs Smartphone, oft aber auch gemächlich, mit wärmendem Papp-Kaffee und Backwerk aus der Tüte ausgestattet. Viele nehmen an diesem Morgen einen langen Fußmarsch auf sich. Eda aus Worms rechnet für ihren ungewöhnlichen Spaziergang zur Berufsschule mit 20 Minuten, hetzt sich aber nicht. „Wir haben von Kollegen davon erfahren und uns darauf eingestellt“, erklärt sie.
Home-Office oder Car-Sharing
Yildrim dagegen hat sich extra einen Caddy in Oggersheim gemietet. Sein Ziel: der Hauptbahnhof selbst, dort arbeitet er an der noch nicht ganz abgeschlossenen Sanierung. „Ich sehe ja jeden Morgen, was hier los ist. Heute ist es total leer“, verweist er darauf, dass viele Pendler wohl andere Lösungen gefunden haben und erst gar nicht in den Zug gestiegen sind. Home-Office, Mitfahrgelegenheit, Car-Sharing, Fahrrad, Ausgleichstag: Varianten gibt es viel. „Für uns Betroffene ist es natürlich ärgerlich. Ich habe ein Job-Ticket und eigentlich kein Auto. Dank meiner Firma konnte ich den Wagen mieten. Aber ich verstehe es auch, wenn man um eine bessere Bezahlung kämpft“, betont er.
Andere stehen am Freitagmorgen etwas ratlos da. Vor allem Fahrgäste, die der deutschen Sprache nicht so mächtig sind, warten zunächst vergebens auf das Eintrudeln der Bahn. Bis kurz vor 8 Uhr scheinen auch die Anzeigetafeln nichts vom Streik zu wissen. Als ob alles seinen gewohnten Gang nehme, leuchten die planmäßigen Fahrzeiten auf, versehen mit einem leicht zu überlesenen Streik-Lauftext. Erst gegen 8 Uhr erscheint der Hinweis, dass alle Bahnlinien aufgrund des Streiks entfallen. „Gibt es einen Ersatzverkehr?“, fragt ein Mann, der zum Klinikum muss. Als Lösung bleibt ihm nur ein langer Fußmarsch, ein Leihrad oder Scooter – oder das Taxi.
Leergefegter Taxistand
Der Taxistand am Willy-Brandt-Platz, wo sich sonst viele Chauffeure die Beine in den Bauch warten, ist um diese Zeit schon wie leergefegt. „Bereits seit Mittwoch wurde gefühlt bei jedem zweiten Anruf die Frage gestellt, ob man ein Taxi vorreservieren kann. Ab den frühen Morgenstunden kam es zu einer hohen Auslastung durch Berufstätige aus Mannheim und dem Umland“, erklärt Jürgen Schwarz, Geschäftsführer der Mannheimer Taxi-Zentrale. Bereits beim letzten Bus- und Bahn-Streik vor zwei Jahren sei der Ansturm groß und die Zentrale aufgrund Überlastung zeitweise nicht erreichbar gewesen.
Der Mannheimer Verkehr aber scheint dennoch nicht im Chaos zu versinken. „Es ist überraschend entspannt, teilweise sogar ruhiger als sonst“, teilt Polizeisprecher Patrick Knapp mit. Nicht nur Bahn-, auch Autofahrer scheinen sich auf den angekündigten Streik-Tag vorbereitet zu haben. Und doch lassen sich Stauketten nicht verhindern, wie auf der B44 von Ludwigshafen als auch aus Sandhofen kommend. Vor allem am Luisenring bildet sich aufgrund einer frisch eröffneten Baustelle für einen neuen Radweg eine Blechlawine, die sich vom Jungbusch bis weit über die Kurpfalzbrücke zieht. Auch dort wird der Streik-Tag für Gleisarbeiten genutzt.
Wie komme ich zum Adler-Spiel?
In den Planken und der Breiten Straßen wirkt das Fehlen der Straßenbahn fast surreal. Die Innenstadt ist leerer als sonst, doch ab Nachmittag rechnet nicht nur Jürgen Schwarz mit einer Kumulation. Die Adler laden zum Playoff-Spiel - und Eishockeyfans sind bekanntlich leidenschaftliche Bahnfahrer. Ihnen wird angeraten, mit der nicht vom Streik betroffenen S-Bahn gleich bis zur Haltestelle der SAP-Arena zu fahren. Hinzu kommt der typische Shoppingverkehr am Freitagnachmittag sowie die Demo von Fridays For Future. Das Thema: die Mobilitätswende. An diesem Freitag hat sie in Mannheim eine ungewöhnliche Wendung genommen.
Zur Sache: Wie die Streiks weitergehen
Für kommende Woche hat die Gewerkschaft Verdi Rhein-Neckar eine Ausweitung der Streikaktivitäten angekündigt. Am Montag ruft sie unter anderem Beschäftigten der Stadt, des Nationaltheaters und der Bundesagentur für Arbeit zu Arbeitsniederlegungen auf. In der Stadtverwaltung spricht sie am Montag insbesondere Mitarbeitende des Stadtraumservices und der Stadtentwässerung an. Ab 8.30 Uhr sollen zwei Demonstrationszüge zu einer Kundgebung auf dem Paradeplatz ziehen.
Für Mittwoch, 8. März, ruft Verdi den Sozial- und Erziehungsdienst zum Streik auf. Darunter fallen alle sozialpädagogischen Bereiche der Stadt Mannheim sowie die Heidelberger Werkstätten. Sie sind zu einer Kundgebung um 13.30 Uhr auf dem Alten Meßplatz aufgerufen, von wo aus ein Demonstrationszug in Richtung Gewerkschaftshaus aufbrechen will.
Den Arbeitsniederlegungen bei der RNV, die bis Betriebsbeginn am frühen Samstagmorgen dauern sollten, war am Donnerstag ein Jugendstreiktag mit (laut Verdi) 600 Teilnehmenden vorausgegangen.