Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel Skulptur Ludwina: Ausdruck von Stärke und Ausdauer

Die Arme zum Himmel: Ludwina in Ludwigshafen.
Die Arme zum Himmel: Ludwina in Ludwigshafen.

Mitten auf dem Ludwigsplatz sitzt eine nackte Frau. Aus Bronze ist die Skulptur des Bildhauers Erich Koch (1924 – 2014). Seit 1988 streckt Ludwina ihre Hände in Ludwigshafen-Mitte etwa 2,30 Meter in die Höhe. Und passt als Symbol der Hoffnung bestens zu der Stadt.

Ludwina soll den Frühling darstellen. Sie war ursprünglich ein Werk eines vierteiligen Jahreszeiten-Zyklus. Die Stadtsparkasse hat sie zu ihrem 100-jährigen Bestehen gestiftet. An den Sonnengruß, eine Yoga-Figur, erinnert die Haltung der schlanken Frauenskulptur, die ins Morgenlicht nach Osten schaut. Sehr lang und hochgereckt sind ihre Arme. Den Kopf hält sie etwas gesenkt. Konzentriert und ein bisschen traurig wirkt ihr Gesicht. Auf dem zarten Busen spiegelt sich die Sonne. Die Beine sind angewinkelt, aber nicht zum Schneidersitz verschränkt. Den Schritt verdecken Blütenblätter.

Yoga war 1988 noch nicht so modern wie heute. Vielleicht war Koch, der in München lebte und dort an der Akademie der Bildenden Künste lehrte, jedoch seiner Zeit voraus. 64 Jahre alt war Koch, der in Roßbach in der Pfalz geboren ist, bei der Einweihung der Skulptur. In diesem Jahr würde er seinen 100. Geburtstag feiern. Im Stadt- und Heimatmuseum Kusel läuft aus diesem Anlass eine Ausstellung mit einem Querschnitt seiner Werke.

Krieg und Gefangenschaft

Etwas Abgründiges, Dunkles schwingt bei seinen Figuren von Menschen und Tieren mit. So ist es auch bei der zwar lebensbejahenden und erotischen, aber auch traurigen Ludwina. Menschen und Tiere, denen Kopf oder Gliedmaßen fehlen, hat Koch immer wieder gestaltet. In zahlreichen Ausstellungen, in bedeutenden Sammlungen – etwa in der bayerischen Staatsgemäldesammlung, im Lehmbruck-Museum Duisburg, dem Von-der-Heydt-Museum Wuppertal, der Sammlung Burda Offenburg und in der Pfalzgalerie Kaiserslautern – und auch im öffentlichen Raum sind sie zu bewundern. „Der Gestürzte“, die Figur eines Wolfes, der elendiglich stirbt, ist auf der europäischen Skulpturenstraße des Friedens an der Wasserburg Reipoltskirchen zu sehen.

Krieg und Gefangenschaft haben über zehn Jahre von Kochs Leben geprägt. Mit 18, 1942, wurde er zur Wehrmacht eingezogen. Am Ende des Zweiten Weltkriegs geriet er in sowjetische Gefangenschaft. Erst im Jahr 1954 kam er wieder frei. Noch im gleichen Jahr begann er, Bildhauerei an der Akademie der Bildenden Künste in München zu studieren. Nach vier Jahren übernahm er dort die Leitung der Werkstätte für Metallbearbeitung in der Bronzegießerei. 1964 wurde er Lehrer für Erzguss. Von 1975 bis 1990 war Koch Professor für Bildhauerei an der Münchner Kunstakademie. Er lebte in Schwabing.

Arbeit mit Gipsschalen

„Von seiner Zeit in russischer Gefangenschaft erzählt er eine lustige, letztlich aber todtraurige Geschichte, in der es um Aufrichtigkeit und Vertrauen beim täglichen Kampf ums Überleben im Lager in Sibirien geht. „Aber davon schreiben Sie bitte nichts!“, wünscht er sich im Alter von 87 Jahren in einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“. Wie viele Menschen seiner Generation konnte und wollte er über seine Erlebnisse im Zweiten Weltkrieg und danach nicht reden. Stattdessen ließ er seine ausdrucksvollen, traurigen Werke sprechen.

Wie bei vielen anderen arbeitete er bei der Ludwina mit vorgefertigten Gipsschalen, was die Arbeit vereinfachte. „Aber gleichzeitig unterstreichen die aufgebrochenen Formen einen Schritt zur Abstraktion, der auch das Vorläufige seines Werks betont“ sagt Koch-Kenner und Historiker Herwig Buntz. Am Anfang seines Studiums wohnte Koch bei Buntz’ Familie, die wie er aus Roßbach stammte, in deren Haus in München. Zahlreiche deutsche Bildhauer, unter anderem Gernot Rumpf und Martin Schöneich aus der Pfalz, hat Kochs Schaffen und seine Lehre geprägt.

Ein lebensbejahendes Trotzdem

Stärke, Entschlossenheit und Mut, aber auch Ausdauer und Eleganz bedeutet der Name Ludwina. Er ist von lateinischen Ludovicus abgeleitet, auf Deutsch berühmter Krieger. Anders als zahlreiche griechische und römische Skulpturen feiern Kochs Werke nicht den Sieg über andere Völker. Ein trauriges, aber auch kräftiges und lebensbejahendes Trotzdem zeigen viele seiner Werke, so auch Ludwina in Ludwigshafen. Damit passt die Statue im Schatten des Rathaus-Centers, das gerade abgerissen wird, zur aktuellen Lage der Stadt. Es gibt Hoffnung auf bessere Zeiten.

Die Serie

Auf diese Kunst trifft man unvermittelt: Sie schmückt den park, sie konkurriert auf der Straße um die Aufmerksamkeit der Passanten. Kunst im öffentlichen Raum hat sich über die Epochen gewandelt, und in „Für Flaneure“ erzählen wir Wissenswertes zu einigen Werken in der Umgebung.

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