Mannheim
Schauspielerin Barbara Nüsse mit „Maria Stuart“ bei den Schillertagen
Für sein Schiller-Projekt „Ode an die Freiheit“ hat Regisseur Antu Romero Nunes drei Schiller-Stücke einer Neubetrachtung unterzogen und diese dabei auf kompakte Miniaturen eingedampft. In „Wilhelm Tell“ wird der Apfel-Schuss zu einer Szene voller Missverständnisse zwischen einem überraschend liberalen Landvogt und einem sturen Tell. „Kabale und Liebe“ exerziert man als kleinbürgerliches Rollenspiel mit suizidalem Ende durch. Und aus der Begegnungsszene der beiden Königinnen in „Maria Stuart“ wird eine skurrile Picknick-Plauderei zweier Seniorinnen.
„Da sitzen zwei alte Tussen an der Bushaltestelle und vertreiben sich die Zeit“, bringt Barbara Nüsse die Sache auf den Punkt. Im Vorfeld ihres Gastspiels bei den Mannheimer Schillertagen hat sie sich Zeit genommen für ein Telefongespräch. Sie und Karin Neuhäuser seien die beiden ältesten Schauspielerinnen im Ensemble des Hamburger Thalia Theaters, erzählt sie, und wollten Schillers Stück unbedingt zusammen spielen. Der Wunsch wurde erfüllt: Nüsse spielt die Elisabeth, Neuhäuser die Maria Stuart. Altersbedingt wurde aus dem Schlagabtausch zweier machtbesessener Monarchinnen um die 50 allerdings ein Plausch zweier Rentnerinnen, die sich bei Sekt und Dosenbier den Zumutungen des Alters solidarisch entgegenstemmen, aber von ihrer ewigen Streitlust auch nicht lassen können.
Pandemie zwingt zum Probenabbruch
Als man im März 2020 mitten in den Endproben für dieses Schiller-Projekt war, mussten diese wegen der Corona-Pandemie abgebrochen werden. Nunes machte erst mal eine Streaming-Fassung aus den drei Teilen, die vor zwei Jahren auch bei den Mannheimer Schillertagen zu sehen war. Im August 2020 folgte schließlich in Hamburg die Premiere auf der Bühne, aber dann war schon wieder Schluss und die Theater erneut geschlossen. Weil einige der Darsteller der Produktion inzwischen Hamburg verlassen haben, ist von dem dreiteiligen Abend nur der „Maria Stuart“-Teil übrig geblieben, ergänzt durch ein paar Beckett-Texte.
Die Grundidee der Inszenierung entstand vor Corona, aber einige der Inszenierungseinfälle waren direkte Reaktionen auf die pandemiebedingten Beschränkungen. Um Kontakte zu minimieren, standen zum Beispiel keine Maskenbildnerinnen zur Verfügung, die beiden Schauspielerinnen mussten sich gegenseitig beim Aufsetzen der Perücken und Anziehen der Kleider behilflich sein. Das baute man dann einfach mit ein. Die Geschichte bekommt damit eine neue Wendung, man erlebt Nüsse und Neuhäuser nicht nur in ihren Rollen, sondern auch als Schauspielerinnen, die sich auf ihren Auftritt vorbereiten und dabei aufeinander angewiesen sind. Am Ende wird Nüsse zu Maria, Neuhäuser zu Elisabeth. „Die beiden Figuren sind sich so ähnlich, eigentlich kann man sie auch austauschen“, findet Barbara Nüsse.
Lust am Theaterspiel
Damit kommen wir zu einem Lieblingsthema dieser Schauspielerin, der Lust am Theaterspiel und die Neugier auf seine unendlichen Möglichkeiten. Auch wenn Barbara Nüsse dem gerade sehr angesagten postdramatischen Theater mit seinen Textüberschreibungen und Bühnenprojekten skeptisch gegenübersteht, hält sie auch nichts vom Festhalten am Gewohnten. „Lange Zeit wurden die Stücke einfach nacherzählt, das hat mich sehr gelangweilt.“ Den ganzen Text gnadenlos im Original wiederzugeben, wie es etwa Peter Stein mit dem „Faust“ gemacht hat, findet sie „furchtbar“. „Man kann nicht in der Vergangenheit festsitzen, die Welt verändert sich doch. Und eine andere Zeit muss man anders erzählen.“
Barbara Nüsse – in Essen geboren, an der Otto-Falkenberg-Schule in München ausgebildet, seit Ende der 1960er-Jahre an allen namhaften deutschen Schauspielhäusern engagiert – sagt immer deutlich, was sie denkt. „Ich finde es ziemlich platt zu glauben, dass wir politisch korrektes Theater machen sollen. Blackfacing muss erlaubt sein, man muss mit Theater alles behaupten können. Theater lebt vom Spiel, vom Widerspruch, dafür ist es da“, sagt sie. Ideologie auf die Bühne zu bringen sei immer schädlich, dafür sei die Zeitung oder das Seminar der bessere Ort. „Die Zuschauer wollen Theaterspiel sehen, wollen berührt werden, angeregt.“ Und dass Frauen Männerrollen spielen oder umgekehrt ist für sie kein politisches Statement, sondern eine Selbstverständlichkeit.
Frau in klassischer Männerrolle
Wie das geht, hat Barbara Nüsse mit ihrer großartigen Verkörperung des „Lear“ gezeigt, entstanden 2009 in Köln in der Regie von Karin Beier. Ganz ohne genderpolitische Geste hat sie sich die Rolle dieses altersdummen, selbstgewissen, am Ende wahnsinnigen Königs einverleibt. Zunehmend fasziniert schaut man einem Menschen zu, der erst seinen Realitätssinn, dann seinen Verstand verliert und damit ein Chaos aus Heuchelei, Lügen, Missgunst und Gewalt auslöst. Dass hier eine Frau diese klassische Männerrolle spielte, war nicht wichtig, dass es eine großartige Schauspielerin war, schon. Sehr zu Recht wurde Barbara Nüsse dafür mit dem Gertrud-Eysoldt-Ring ausgezeichnet. Den Theaterpreis „Der Faust“ für die beste darstellerische Leistung hat sie auch bekommen, da hat sie als Prospero im „Sturm“ die Jury begeistert. Noch ein Shakespeare-Stück und noch eine Männerrolle. An ihrem 80. Geburtstag hat sie übrigens auch auf der Bühne gestanden – als Pippi Langstrumpf.
Termin
„Maria Stuart und Elisabeth“ wird bei den Mannheimer Schillertagen gezeigt am Samstag, 24. Juni, 19 Uhr, im Alten Kino Franklin.