Ludwigshafener Geschichte(n)
Entschiedener Gegner der Todesstrafe
Wagner war einer der wichtigsten deutschen Bundespolitiker der Nachkriegszeit und einer der 65 „Väter des Grundgesetzes“. Er kämpfte mit Mut im Parlamentarischen Rat 1949 für die Abschaffung der umstrittenen Todesstrafe, setzte regional- und kommunalpolitische Akzente und hütete als ranghoher Jurist den „Geist“ der deutschen Verfassung – und dennoch kennt ihn heute kaum noch einer in seiner Ludwigshafener Heimat: Friedrich Wilhelm Wagner (SPD), an den ein bescheidener Platz in der Innenstadt erinnert. 13 Jahre lang war er von 1949 bis 1962 direkt gewählter SPD-Abgeordneter des Wahlkreises Ludwigshafen im Bundestag – die politische Konkurrenz biss sich an ihm in vier Bundestagswahlen zwischen 1949 und 1961 die Zähne aus.
Als Wagner am 28. Februar 1894 in Ludwigshafen als Sohn eines Arbeiters geboren wurde, war es ihm nicht in die Wiege gelegt worden, einmal einer der wichtigsten Juristen Deutschlands zu werden. Doch sein Lebensweg führte ihn zunächst steil nach oben: Nach dem Jura-Studium in Tübingen, München, Heidelberg und Berlin eröffnete er 1922 in Ludwigshafen eine Kanzlei als Rechtsanwalt. Parallel dazu startete er eine politische Karriere, nachdem er 1917 Mitglied der SPD geworden war. Zwei Jahre später war er schon SPD-Ortsvorsitzender, 1921 gehörte der eloquente Jung-Politiker bereits der pfälzischen Bezirksleitung der Partei an, die ihn 1927 zum stellvertretenden Pfalz-Vorsitzenden wählte.
Im Gericht verhaftet
1930 dann der erste überregionale Karriereschritt: Wagner wurde Mitglied des Deutschen Reichstages – das „Basiswissen“ dafür holte er sich ab 1931 als Ludwigshafener Stadtrat. Doch dann war alles aus, als der Anwalt nach der NS-Machtübernahme mitten in einer Gerichtsverhandlung am 10. März 1933 verhaftet wurde. Über Frankreich, Spanien und Portugal konnte er in die USA flüchten, wo er sich als Bibliothekar durchschlug.
Als er im November 1946 in die Heimat zurückkehrte, fing er gewissermaßen von vorne an: Wiedereröffnung der Anwaltskanzlei, Neubeginn 1947 bei der SPD mit Wahl in den Stadtrat bis 1961 und Einzug in den rheinland-pfälzischen Landtag, der ihn 1948 neben Adolf Süsterhenn und Albert Finck (beide CDU) in den 65-köpfigen Parlamentarischen Rat entsandte, der die Aufgabe hatte, eine Verfassung für die Bundesrepublik Deutschland auszuarbeiten.
Von Adenauer respektiert
Dort profilierte sich der Ludwigshafener Jurist als Gegner der Todesstrafe. „Der Staat, der das Leben nicht gibt, kann es auch nicht nehmen – er hat keine Verfügungsgewalt über das menschliche Leben“, war eine von ihm verfochtene Maxime. Das verschaffte ihm den Respekt bedeutender Politiker der Nachkriegszeit wie Konrad Adenauer (CDU), Erich Ollenhauer, Carlo Schmid, Georg-August Zinn (alle SPD), Theodor Heuss oder Thomas Dehler (beide FDP), die ebenfalls dem aus Landespolitikern bestehenden Rat angehörten.
Zwölf Jahre später – die Todesstrafe war auf Wagners engagierte Initiative hin per Artikel 102 des Grundgesetzes mit 35 zu 30 Stimmen abgeschafft worden – sollte sich Wagners hartnäckiges und auch von der politischen Konkurrenz vielbeachtetes Engagement auszahlen: Der Ludwigshafener wurde im Dezember 1961 als Nachfolger von Rudolf Katz (Plön) zum Vizepräsidenten des Bundesverfassungsgerichtes in Karlsruhe berufen. Wagner war im Zenit seines politischen und beruflichen Weges angekommen und gab als Verfassungsrichter seine politischen Ämter auf. Für die Ludwigshafener SPD ein herber Schlag.
Mit Kohl gestritten
Bis dahin gab es für Wagner zahlreiche vielbeachtete erfolgreiche Stationen. In der Kommunalpolitik in Ludwigshafen „fetzte“ er sich bis zum Ende seiner parteipolitischen Laufbahn 1961 mit dem ehrgeizigen CDU-Jungstar Helmut Kohl und hielt die SPD auf Erfolgskurs. Als Jurist war er an der Aufarbeitung der NS-Zeit beteiligt und vertrat in den IG-Farben-Prozessen den späteren BASF-Chef Carl Wurster – der wurde in einem fragwürdigen Urteil freigesprochen.
Von 1961 bis 1967 war Wagner, der in der Rubensstraße im Stadtteil Süd wohnte, im Bundesverfassungsgericht Vorsitzender des zweiten Senats und Vizepräsident. In Ludwigshafen nannte man ihn respektvoll hinter vorgehaltener Hand „Seiden- oder Nelken-Willi“ – denn er trug bei seinen regelmäßigen Spaziergängen in der Innenstadt auf dem Aufschlag seiner eleganten dunklen Anzüge stets eine rote Blume, meist eine Nelke.
Die Kommunalpolitik holte Friedrich Wilhelm Wagner dann noch einmal ein: An seinem 70. Geburtstag am 28. Februar 1964 verlieh ihm der Stadtrat einstimmig die Würde des Ehrenbürgers. Gleichzeitig erhielt er das Bundesverdienstkreuz in seiner höchsten Gestaltung. Wagner starb im Alter von 77 Jahren am 17. März 1971 in Ludwigshafen. Sein Grab befindet sich auf dem Hauptfriedhof.