Interview
Ein Jahr Krieg: Zerreißprobe für deutsch-ukrainische Familie
Herr Becker, wie haben Sie vor einem Jahr den Kriegsausbruch erlebt?
Ich war zutiefst schockiert. Wir hatten zwar damit gerechnet, dass es zum Krieg kommt. Aber wir hatten bis zuletzt gehofft, dass die Russen nicht angreifen werden. Ich bin am Abend des 23. Februar sorgenvoll ins Bett gegangen. Am Morgen wurde schon Mariupol bombardiert. Ab dem Zeitpunkt waren wir in tiefer Sorge um unsere Familie.
Wie stark hat der Krieg das Leben Ihrer Familie verändert?
Unsere Familie wurde zerrissen. Wir können seitdem nicht mehr hinfahren – und umgekehrt ist es genauso. Meine Schwiegereltern haben überlebt und wohnen weiterhin in Mariupol. Mein Schwager, der in einem Separatistengebiet in der Ostukraine lebte, ist wegen der Kämpfe nach Rostow am Don nach Russland geflüchtet. Ein Cousin ist mit seiner Familie nach Russland deportiert worden. Der Großcousin meiner Frau kämpft auf der ukrainischen Seite. Der Patenonkel meines Sohns ist auch bei der ukrainischen Armee und ist auf eine russische Mine getreten. Er wurde schwer verwundet. Das Leben unserer Familie hat sich dramatisch verändert.
Wie sieht es bei der Familie in Ludwigshafen aus?
Unsere beiden Söhne stehen eng an der Seite ihrer Eltern. Darauf bin stolz. Wir sind bekennende Deutsch-Ukrainer und unterstützen das Land. Meine Frau kümmert sich hier um Flüchtlinge aus der Ukraine.
Ihre Schwiegereltern haben in Mariupol die Belagerung und den Beschuss der Stadt überlebt. Wie geht es den beiden Senioren heute?
Mein Schwiegervater ist 77 Jahre alt und hatte gerade einen Schlaganfall. Er war eine Woche im Krankenhaus und ist jetzt wieder zu Hause. Er braucht Medikamente, die sind aber dreimal so teuer wie in Russland. Aus dem Westen kommt nichts mehr. Meine 72-jährige Schwiegermutter kümmert sich um ihn und versucht, über Beziehungen an bezahlbare Medikamente zu kommen.
Wie hat sich ihr Leben nach der Einnahme der Stadt durch die Russen verändert?
Beide sind jetzt zwangsweise russische Staatsbürger. Denn ohne den russischen Pass bekommen sie keine Rente oder sonstige Unterstützung. Durch die Umstellung der Währung auf Rubel sind sie materiell ein Stück weit enteignet worden. Das Haus wurde glücklicherweise nicht zerstört. Aber es gibt immer noch Ausfälle bei der Strom- und Gasversorgung. Im Vergleich zu den anderen Ukrainern, die den Krieg jetzt unmittelbar an der Front erleben, geht es ihnen relativ gut. Wir können wenigstens telefonisch Kontakt zu ihnen halten. Aber man muss sich sehr genau überlegen, was man am Telefon sagt.
Warum?
Wir gehen davon aus, dass mitgehört wird. Außerdem wissen wir, dass bei Kontrollen der Polizei regelmäßig im Handy nachgesehen wird, wer mit wem kommuniziert hat. Das ist meinem Schwager passiert. Meine Frau trägt deshalb auf ihrem WhatsApp-Bild keine pro-ukrainischen Symbole.
Wie ist denn die Lage in Mariupol mittlerweile?
Die zerstörten Gebäude werden abgetragen. Die Leichen, die in eingestürzten Hochhäusern oder in dem beschossenen Theater lagen, werden mit dem Schutt einfach entfernt. Die Bewohner müssen beim Wegräumen der Trümmer helfen und werden so von den Besatzern beschäftigt. Wer keinen russischen Pass hat, wird von der Polizei mitgenommen und befragt. Mein Schwager, der seinen ukrainischen Pass behalten wollte, saß deshalb mehrere Stunden bei der Polizei fest.
Was hören Sie von Ihren Verwandten, die nach Russland gebracht wurden?
Sie waren erleichtert, dass sie nicht mehr im Frontgebiet waren. Anfangs wurden sie relativ gut untergebracht. Dann wurden sie aber sich selbst überlassen. Sie mussten sich Arbeit suchen, die wesentlich schlechter bezahlt wurde als zuvor in Mariupol. Hoffnungen auf ein besseres Leben haben sich nicht erfüllt.
Nach einem Jahr hat sich ein gewisser Kriegsalltag verfestigt. Glauben Sie, dass der Konflikt in absehbarer Zeit gelöst werden kann?
Alle blicken gerade auf die russische Großoffensive, die nach meiner Meinung schon begonnen hat. Aber Russland hat wohl sein Potenzial verschossen. Die Ukraine ist nicht ausreichend gewappnet, um wieder in die Offensive zu kommen. Es ist eine brutale Pattsituation. Mich erinnert die Lage an die Schlacht von Verdun im Ersten Weltkrieg 1916. Auch jetzt verbluten zwei Völker in einem sinnlosen Konflikt. Wenn der Westen die Ukraine nicht so aufrüstet, dass sie die besetzten Gebiete befreien kann, dann könnte die militärische Lage stagnieren.
Ihre Frau kümmert sich um geflüchtete Ukrainer in Ludwigshafen. Wie ist hier die Lage für die Menschen?
Es sind zu 90 Prozent Frauen und Kinder, weil die Männer im Krieg sind. Die Willkommenskultur für diese Flüchtlinge ist in Ludwigshafen sehr groß. Ich merke das, wenn ich Behördengänge für geflüchtete Ukrainer mache. Da wird mir sehr freundlich und engagiert weitergeholfen. Das Signal einer Städtepartnerschaft zwischen Ludwigshafen und Swjahel kommt sehr gut an bei den Ukrainern. Es gibt auch viele Privatinitiativen. Die Rotarier haben über den Internationalen Bauorden Elektrogeneratoren in die Ukraine geliefert. Das ist existenzielle Hilfe.
Was hat sich in einem Jahr Krieg in der Ukraine geändert?
Früher war das Land zweisprachig. Man sprach Ukrainisch und Russisch. Jetzt reden alle nur noch Ukrainisch, weil sie nicht mehr die Sprache der Besatzer sprechen wollen. Man spürt auch, dass die Leute physisch völlig erschöpft sind nach diesem Winter. Es gab ständig Luftangriffe und Stromausfälle, Heizkraftwerke wurden zerstört. Jeder will, dass das endlich aufhört – aber das heißt nicht kapitulieren. Der Wille zum Durchhalten ist bemerkenswert. Das Land braucht aber Hilfe, denn die Infrastruktur ist zerstört. Präsident Selenski lenkt den Staat erstaunlich gut. Er versucht, im Krieg gegen Korruption vorzugehen und das Land an das westliche Europa anzubinden. Das macht er gut.
Wie nehmen Sie als deutsch-ukrainische Familie die Debatten über Waffenlieferungen in die Ukraine wahr?
Meine Frau und ich sehen das im Fernsehen und schütteln den Kopf. Natürlich muss man die Ukraine militärisch unterstützen, dass die Front gehalten werden kann und das Land sich verteidigen kann. Bei den sogenannten Friedensinitiativen kann einem nur angst und bange werden. Frieden kann die Ukraine nur für sich selbst definieren. Sie braucht keine Empfehlung von deutschen „Friedensengeln“ wie Alice Schwarzer oder Sahra Wagenknecht. Das sind Menschen, die keine Ahnung vom Thema und der Lage in der Ukraine haben.
Zum Jahrestag des Kriegs ist in Ludwigshafen einiges geplant.
Ja, ich bin selbstverständlich am Freitagmorgen ab 6 Uhr am Berliner Platz bei einer Mahnwache dabei. Vormittags halte ich einen Vortrag am Geschwister-Scholl-Gymnasium. Um 19.45 Uhr ist nach einem Friedensgebet eine Kundgebung auf dem Lutherplatz, bei der ich auch etwas als DGB-Stadtverbandsvorsitzender sagen werden.
Und was sagen Sie?
Ich werde an die Gründungsaussage des Deutschen Gewerkschaftsbunds erinnern: Wir wollen ohne Furcht leben nach einer Diktatur. Und das wünsche ich der Ukraine auch. Dass man dort wieder ohne Furcht vor russischen Raketen und einer Diktatur nach russischem Vorbild leben kann. Und ich werde um Solidarität mit der Ukraine bitten.
Sie sind Historiker – was werden künftige Historiker sagen, wenn sie auf diese sogenannte Zeitenwende zurückblicken?
Die Ära des Nachkriegseuropas ist zu Ende. Es gibt wieder Konflikte, Auseinandersetzungen und Nationalismus. Es ist eine Zeitenwende wie am Ende des Ersten Weltkriegs. Damals gab es die Erkenntnis, dass es keine militärische Lösung gibt, sondern einen zivilen Neubeginn braucht. Wir können nur hoffen, dass sich die Demokratie als Staatsform durchsetzt. Ich hoffe, dass auch die russische Zivilgesellschaft sich von dem reaktionären Putin-Regime befreien kann. Je mehr Opfer die russische Gesellschaft in Form gefallener Soldaten bringen muss, desto höher wird der Druck auf den Staatsapparat.
Wie lange wird der Krieg noch dauern?
Ich bin kein Prophet. Putin lässt erschreckenderweise wieder Statuen von Josef Stalin aufstellen und benutzt den Mythos vom Großen Vaterländischen Krieg – wie im Zweiten Weltkrieg. Er will einen Siegfrieden, auch wenn der Krieg noch mehrerer Jahre dauern sollte. Ich glaube aber nicht, dass dieses Kalkül aufgehen wird. Es wird eine russische Niederlage geben. Der Krieg wird noch länger dauern und damit dauert auch die Sorge um meine Familie an, die hinter diesem neuen Eisernen Vorhang leben muss.
Zur Person
Klaus-Jürgen Becker (59) ist Stadtarchivar, DGB-Stadtverbandsvorsitzender und mit einer Ukrainerin verheiratet. Das Paar hat zwei Söhne (17 und 21). Die Familie hat viele Freunde und Angehörige in der Ukraine und Russland.