Leichtathletik RHEINPFALZ Plus Artikel Borutta geht mit Zuversicht in die EM

Samantha Borutta will am Dienstag mit einer guten Leistung ins EM-Finale einziehen.
Samantha Borutta will am Dienstag mit einer guten Leistung ins EM-Finale einziehen.

Leichtathletik: Hammerwerferin Samantha Borutta ist derzeit noch im Pre-Camp des Deutschen Leichtathletik-Verbandes in Erding. Ihrem ersten Auftritt bei der EM in München hat die 22-Jährige aus Mutterstadt in der Qualifikation am Dienstag .

„Es läuft alles sehr gut, den Hammerwurfring hier haben sie neu gemacht“, sagt Samantha Borutta, die zusammen mit ihrem erfahrenen Coach Michael Deyhle zum vereinbarten Gespräch im Sepp-Brenninger-Stadion in Erding gekommen ist. Die beiden ohne Maske, der Reporter war gebeten worden, eine aufzusetzen. Verständlicherweise. Samantha Borutta wurde noch immer nicht vom Coronavirus erwischt, mied in den letzten zweieinhalb Jahren viele Kontakte, war überversichert, gerade auch in diesen Wochen.

„Keiner steckt sich vor zwei wichtigen Großereignissen gerne an, oder?“, sagt sie, klopft drei Mal auf den Tisch – „toi, toi, toi“. Sie wirkt gelöst, kann ihre innere Anspannung sehr gut verstecken, strahlt Zuversicht aus – und Vorfreude. „Eigentlich ist die Weltmeisterschaft, rein sportlich gesehen, sehr viel wichtiger, ist ja immerhin eine WM, aber diese Europameisterschaft hat für ich einen sehr hohen Stellenwert“, sagt die Hammerwerferin aus Mutterstadt, die am Sonntag vor einer Woche Sonntag 22 Jahre alt wurde.

WM in Eugene ist abgehakt

Es ist nicht nur dieser besondere Status einer Heim-EM, den alle Athleten nicht müde werden zu betonen, mit dem Rückenwind von Familie und Freunden im Stadion und dem medialen Fokus, für Samantha Borutta geht es auch um etwas anderes. „Jetzt habe ich noch mal die Chance zu zeigen, was ich kann und hoffe sehr, es abrufen zu können“, nimmt sie indirekt Bezug auf die Weltmeisterschaften vor vier Wochen in Eugene. Dort nämlich lief eben nicht alles sehr gut. Technisch hat’s überhaupt nicht hingehauen. „Ich hab Eugene abgehakt“, sagt sie kurz und bündig. Mit 67,48 Metern war sie in der Qualifikation gescheitert, belegte bei ihrer WM-Premiere Platz 25. Das war unter ihren Erwartungen, auch wenn sie betont, dass die Weite für ihre schlechte Technik „sogar noch ganz gut“ war.

Sie hätte schon gerne die 70 vor dem Komma gesehen, was nachvollziehbar ist. Ihre Bestleistung, die sie Anfang Juni in Fränkisch-Crumbach warf, dem Wohnort ihres Trainers im Odenwald, steht bei 72,14 Metern. „Hat halt nicht geklappt“, sagt sie lapidar, was wirklich nach Abhaken klingt. „Abhaken ist letztlich das Vernünftigste, auch wenn es ein gigantischer Schmerz war, weil sie ja mit einer Erwartungshaltung hingeflogen ist. Aber es steht ja das nächste Event vor der Tür und die nächste Erwartungshaltung, die ja ganz, ganz groß ist“, sagt Michael Deyhle.

Seit fast einem Jahr arbeitet der 70-jährige Hammerwurf-Experte, der Betty Heidler 2007 zum WM-Titel führte, mit Samantha Borutta zusammen. Er weilte noch in China, wo er seit 2016 sein Know-how im Hammerwurf vermittelte, als er von Samanthas Eltern einen Anruf bekam. „Sie fragten mich, ob ich mir vorstellen könne, mit Samantha zusammenzuarbeiten“, erinnert sich Deyhle, der im November nach Deutschland zurückkam und wieder bei Eintracht Frankfurt den Dienst aufnahm.

„Samantha ist für mich eine Herausforderung gewesen, weil sie vom Athletentyp vollkommen anders ist als Betty Heidler oder Kathrin Klaas es waren. Sie ist wesentlich ruhiger, dementsprechend muss ich mich ein bisschen mehr einbringen, aber ich habe mittlerweile gelernt, das umzusetzen und zu kommunizieren. Wir müssen beide noch lernen, es wird immer besser“, sagt Deyhle und betont: „Ich habe es nicht bereut.“

Wenn man so will, hat er seinen Anteil an Boruttas Leistung in Eugene, auch wenn er unschuldig in die unangenehme Situation geriet. Aufgrund einer gerade überstandenen Coronaerkrankung konnte er nicht rechtzeitig abfliegen. Er war zwar symptomfrei, aber noch positiv. „Meine verspätete Ankunft hat dazu beigetragen, dass Samantha suboptimal vorbereitet war. Ohne Trainer oder mit Ersatztrainer vor einem wichtigen Wettkampf zu arbeiten, das kann eigentlich nicht gut gehen“ , erklärte Deyhle, der betont, wie wichtig die Symbiose zwischen Athletin und Trainer ist. Eugene habe das gezeigt. Außerdem sei das dortige Stadion insofern ein besonderes aus seiner Sicht, weil dort die Trainer kaum Einfluss auf die Athleten und Athletinnen nehmen können. „Ich konnte sie nur von der Seite sehen, habe dementsprechend den Eingang nicht so beobachten können, wie wir es gewohnt sind. So gab es Fehler, die ich von meiner Position aus nicht wahrnehmen konnte. Dann ging es kreuz und quer“, hob Michael Deyhle die Problematik hervor, die eine junge, unerfahrene Athletin dann noch mal viel härter trifft.

In Europa auf Platz zwölf

Nach Olympia in Tokio und WM in Eugene feiert die U23-Europameisterin von 2021 nun bei den Großen ihre EM-Premiere. Borutta steht derzeit in Europa auf Platz zwölf, aber, so sagt sie, „in diesem Jahr hat noch keine gezeigt, wer die Nummer eins ist. Die Medaillen sind noch nicht vergeben, es ist alles offen“. Am Dienstag ist die Qualifikation für das Finale am Mittwoch angesetzt. „Wenn ich abrufe, was ich kann, dann ist ein gutes Ergebnis drin. Ich will aus der Qualifikation ein gutes Gefühl mit ins Finale nehmen und dort alles aus mir herausholen.“ Dann werden auch Annette und Peter, ihre Eltern, dabei sein und von außen die Daumen drücken.

Deyhle betrachtet das Münchner Olympiastadion als „eins der schönsten, das ich je besuchen durfte. Ich denke, es wird eine spezielle Atmosphäre dort herrschen“. Intuitiv wird das auch Borutta aufsaugen können, aber in den Tagen davor sei es ihr egal, wie das Stadion aussieht: „Ich will nur wissen, da ist mein Ring, da laufe ich hin, den Rest außen herum nehme ich nicht wahr.“ Was ihr Trainer als gute Einstellung ansieht: „Wenn man in der Lage ist, sich zu fokussieren aufs Wesentliche und das ist nun mal der Wettkampf, dann ist das perfekt.“

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