SÜDPFALZ
Laubbläser stören Igel und Insekten beim Winterschlaf
Drei Arbeiter sind im Landauer Horstring unterwegs. Der erste hat einen Rechen in der Hand, der zweite einen Eimer und der dritte einen Laubbläser. Drei Stunden sind sie dort über die Mittagszeit zu Gange, blasen das Laub unter den Bäumen und Hecken heraus, sammeln es in Eimern, kippen es auf einen Laster und fahren es weg. So beschreibt Naturschutzberater Peter Keller von Natura Palatina eine Situation, die er beobachtet hat und die ihm zu denken gibt: „Offensichtlich hat man aus der Vergangenheit nichts gelernt und weiß heutzutage noch nicht überall, dass liegengebliebenes Laub einen idealen Lebensraum für überwinternde Insekten und Igel darstellt.“
Doch warum ist das so? Was findet der Igel so interessant an den runtergefallenen Herbstblättern? „Wenn Laub sich im Bereich von Hecken, Bäumen oder in Ecken sammelt, ist es für die Tiere wie ein isolierter Bereich, in den die Kälte von außen nicht so extrem eindringt. Außerdem bleiben Laubhaufen für lange Zeit frostfrei“, sagt Keller. Die Stacheltierchen würden deshalb gerne in die Laubhaufen kriechen, sich einkringeln und ihren Winterschlaf verbringen. Aber auch Insekten und wirbellose Tiere wie Würmer, Tausendfüßler oder Spinnen genießen in der Regel die natürlich beheizten Wohnräume.
Zu wenig Energie für den Winterschlaf
Haben es sich Sonic, Meckie und Co. erstmal gemütlich gemacht, möchten sie ungern gestört werden. Klingt plausibel, denn wer möchte schon mitten im Schlaf die Decke oder gar das ganze Bett entrissen bekommen. Passiert das doch, wacht der Igel auf und muss sich ein neues Plätzchen suchen. Und anders als im Märchen „Der Hase und der Igel“ der Brüder Grimm, muss das Stachelgetier in der Natur weit mehr Aufwand betreiben, um an sein Ziel zu kommen.
Der Weg zum neuen Schlafplatz koste den Igel nämlich Energie, die er eigentlich für den Winterschlaf gebraucht hätte und ohne die sie vielleicht nicht durch den Winter kommen, sagt Keller. „Wenn er keinen neuen Schlafplatz findet, hungert er und magert ab. Wenn ihn dann jemand findet, muss er mit viel Aufwand wieder aufgepäppelt werden.“ Außerdem könne es vorkommen, dass auf dem Weg zum neuen Schlafgemach eine Straße überquert werden muss und die Vierbeiner unter die Räder kommen.
„Ordnungsliebe geht zu weit“
Keller plädiert deshalb dafür, die „übertriebene Ordnungsliebe“ zu minimieren. Sowohl auf Privatgrundstücken, als auch im öffentlichen Raum. „Klar ein bisschen Ordnung muss ja auch zur Verkehrssicherung sein. Ich bin aber seit 40 Jahren im Naturschutz unterwegs und die Ordnungsliebe ist in dieser Zeit ein bisschen zu weit gegangen“, sagt er. „Man kann viel tun, indem man wenig tut.“
Das denkt sich wohl auch der Entsorgungs- und Wirtschaftsbetrieb Landau (EWL). „Unsere Laubbläser werden eigentlich nur im Bereich vollversiegelter Flächen oder dort, wo es für die Verkehrssicherheit unbedingt erforderlich ist, eingesetzt“, erläutert Vorstandsmitglied Falk Pfersdorf in einer Pressemitteilung. So setzt das Bauhof-Team des EWL Laubbläser zum Beispiel in der Innenstadt ein, wenn dort Autos parken und die Kehrmaschine die Rinne nicht befahren kann. Oder auf Wegen, wo feuchtes Laub zur Rutschpartie für Fußgänger und Radfahrer werden kann.
Akku-Bläser und Mähmaschinen
Zudem setze der EWL fast ausschließlich auf akkubetriebene Bläser. „Diese Geräte sind wesentlich leiser und emittieren weder Kohlendioxid noch andere Abgase“, sagt Bürgermeister und EWL-Verwaltungsvorsitzender Maximilian Ingenthron. Seit dem Frühjahr habe der EWL auch eine Mähmaschine, die nasses Laub von ebenen Flächen aufsaugen kann.
Auf Privatgrundstücken sei manuelles Laubentfernen die eindeutig bessere Alternative, sagt der Bundesverband Deutscher Gartenfreunde. Die Arbeit mit Rechen und Besen sei fast genauso schnell, dabei umweltschonender. Laut Keller könne jeder, egal wie groß der Garten ist, zwei bis drei Quadratmeter für Insekten, Igel und Co. übrig lassen.
Ein bisschen Farbe und etwas fürs Auge
Der Mut zu Unordnung hat laut Keller viele unbemerkte Vorteile. Zum einen könne durch weniger Laubentsorgung Aufwand und Geld gespart werden. Zum anderen zersetze sich das Laub langsam, diene der Natur so als natürlicher Kompost und den Tieren als Futter. „Es is ein natürlicher Kreislauf, den man so belassen sollte und der sich auch auf den Sommer auswirkt“, betont er. So würden zum Beispiel Wurzeln Nährstoffe aus zersetzten Blättern aufnehmen und im Frühjahr bei der Blüte helfen. Das freut dann wiederum Schmetterlinge, Bienen und Heuschrecken.
Und wer sich im Winter an die Unordnung gewöhnt hat, der kann damit im Sommer gleich weitermachen. „Viele Leute kratzen alles aus Rinnsteinen weg. Im Sommer kommen da aber Gräser, Samen und Körner. Spatzen und Grünfinken futtern die gerne“, sagt Keller. Durch das Stehenlassen des ein oder anderen Grashalms würden auch Blütenpflanzen durchkommen, die wiederum Käfer, Bienen und Schmetterlinge anlocken. „Dann gibt’s im Garten auch ein kleines bisschen Farbe und etwas fürs Auge“, sagt Keller.