Interview
Landauer Forscher erklärt, was an Impfmythen dran ist
Immer mehr Menschen bekommen eine Corona-Schutzimpfung. Wie viele Menschen werden denn in den kommenden zwei Jahren zu Autisten?
[lacht] Mindestens so viele wie jetzt.
Einer der bekanntesten Impfmythen ist, dass Impfungen Autismus verursachen. Stimmt das?
Es ist krass, wie lange sich Falschinformationen halten. Die Studie von Andrew Wakefield, auf der dieser Mythos basiert, ist 1998 erschienen und wurde bald darauf zurückgezogen. Es gab viele Gegenstudien – die Studie und Wakefields Schlussfolgerungen sind widerlegt. Danach hat ein Journalist aufgedeckt, dass Wakefield für die Studie Geld bekommen hat. Und trotzdem glauben viele Menschen immer noch Wakefields Interpretation.
Woran liegt es, dass so viele Menschen an diesen Mythos glauben?
Ich glaube, dass die Gesellschaftsstruktur so vielschichtig und komplex ist, dass es sehr schwierig ist, alles gedanklich zu durchdringen. Diese Komplexität löst einen Wunsch nach Einfachheit aus. Wenn etwas Schlimmes passiert, ist es einfacher, sich vorzustellen, dass es jemanden oder viele Leute gibt, die einem etwas Böses wollen – statt den Zufall zuzulassen.
Die Wakefield-Studie ist das Beispiel überhaupt für Impfmythen. Welche Mythen sind denn noch verbreitet?
Es gibt eine unglaublich große Palette von Mythen – auch in Kombination mit Verschwörungstheorien. Bis zu „die Nazis leben am Südpol und haben ein Anti-Krebs-Medikament erfunden, das uns vorenthalten wird“. Die Hauptmythen mit großem Widerhall in der Bevölkerung sind, dass schädliches Quecksilber, Formaldehyd und Aluminium in Impfungen ist. Dazu kommt momentan, dass wir durch die mRNA-Impfstoffe ein Gen-Experiment laufen hätten.
Quecksilber, Formaldehyd und Aluminium sind aber in Impfstoffen enthalten.
Korrekt. Aber eine Vielzahl von Studien haben nachgewiesen, dass die Stoffe in den verabreichten Konzentrationen nicht schädlich sind. Formaldehyd wird sogar vor Verabreichung wieder entfernt, es dient nur zur Inaktivierung des jeweiligen Erregers. Einige Stoffe wie Formaldehyd haben wir im körpereigenen Metabolismus. Die natürlichen Konzentrationen sind wesentlich höher als die Menge, die man durch den Impfstoff aufnimmt. Dazu kommt: Eine Impfung ist ein einmaliges Ereignis – keiner impft sich jede Woche mehrfach. Wenn ein kurzzeitiges Level erreicht würde, das über einen Schwellenwert ginge, dann heißt das immer noch nicht, dass es unbedingt negative Konsequenzen haben muss. Die Wissenschaft untersucht die Toxizität – also die Giftigkeit – eines Stoffes ständig.
Die Schwellenwerte werden wissenschaftlich festgelegt?
Ja. Damit setzen sich sehr viele Leute auseinander, die sehr viel Ahnung haben. Natürlich gibt es immer ein Restrisiko, das kann man nie ausschließen. Aber man versucht immer, das zu minimieren. Diese Werte werden auch ständig kritisch hinterfragt und in der Fachliteratur rege diskutiert.
Ein großer Mythos betrifft mRNA-Impfstoffe wie Corminaty von Biontech. Stichwort Gen-Experiment. Was ist denn mRNA?
mRNA ist transkribierte DNA. Viele Viren bestehen nicht aus DNA, sondern aus RNA. RNA codiert Proteine – sie ist der Bauplan für Proteine in unserem Körper. Diese Viren haben den Bauplan in sich und bringen Zellen dazu, weitere Viren zu bauen. Viren sind extrem faul, sie lassen andere für sich produzieren.
Und was machen mRNA-Impfstoffe?
mRNA-Impfstoffe nehmen sozusagen das minimale genetische Konstrukt des Virus – einen kleinen mRNA-Abschnitt. Und zwar nur den, der das Protein codiert, welches die Oberfläche darstellt. Beim Virus Sars-CoV-2 ist es das berühmte Spike-Protein. Man spritzt diese mRNA, sie wird vom Körper in Proteine umgewandelt. Dann merkt der Körper: „Da ist etwas mit einer komischen Oberfläche, das müsste ich abbauen.“ Dadurch lernt der Körper die Oberfläche des Virus zu erkennen und kann im Fall einer Infektion sofort reagieren, da er schon Antikörper hat. Deshalb ist eine heftige Reaktion auf eine Infektion sehr unwahrscheinlich.
mRNA verändert DNA nicht?
Nein. mRNA wird sehr schnell abgebaut. Sie ist instabil – im Gegensatz zur DNA mit ihrer Doppelhelix ist die mRNA meist einsträngig. Im Körper ist viel RNA unterwegs, wir brauchen sie, wenn wir Proteine brauchen. Wir haben viele Enzyme in uns, die RNA abbauen. Das große Problem bei mRNA war: „Wie kriege ich die mRNA so in den Körper, dass sie lange genug drinnen ist, damit sie transkribiert wird?“ Und: Die DNA ist im Zellkern, mRNA kommt nicht in den Zellkern rein. Die RNA schwimmt nur im Plasma der Zelle.
Wie können Medien und Wissenschaft gegen Fehlinformationen angehen?
Zu wenige Wissenschaftler treten in Medien auf. Herr Lesch, Frau Nguyen-Kim und ein paar Philosophen kennt man. Und die machen das klasse. Aber von den Professoren, die die akademische Arbeit leisten, sieht man sehr selten jemanden. Regelmäßige Wissenschaftsformate wären sinnvoll. Dort könnten Forscher vorstellen, was sie gemacht haben, wie sie es gemacht haben und vor allem die Methoden erklären. Kleine, einfach verständliche Faktenformate im Fernsehen hielte ich für fördernd. Sonst bleibt die Wissenschaft im Elfenbeinturm. Die wissenschaftliche Methode ist super: Forschung muss wasserfest sein, sonst wird sie von Kollegen in ihre Einzelteile zerlegt. Ein Forscher hat ein Ergebnis und muss es und das ganze Vorgehen ständig verteidigen. Diesen Prozess sollte man der Öffentlichkeit kommunizieren.
Die Fernseh-Professoren müssen das aber auch allgemeinverständlich herunterbrechen können.
Ja, müssen sie. Sonst lauert die Gefahr, dass beim Herunterbrechen der Inhalte falsche Schlussfolgerungen möglich sind. Eine falsche Schlussfolgerung führt zur nächsten und dann landen wir bei einer Alien-Invasion. Verschwörungsmythen haben oft einen wahren Kern.
Bei Quecksilber oder der Wakefield-Studie ist der wahre Kern des Mythos klar, aber wie sieht das bei mRNA-Impfstoffen aus?
Hier weiß die Öffentlichkeit noch nicht lange von dieser Technik. Das kam plötzlich auf und kein Mensch hatte davon gehört. Aber mRNA-Technik wird seit 40 Jahren erforscht. Es gibt zugelassene Medikamente auf Basis von mRNA. Bei Medikamenten gibt es aber eine andere Risikoabwägung. Medikamente gibt man Menschen mit Leiden, Impfstoffe kriegen Menschen ohne Leiden. Da muss man sehr sicher sein, dass man so gut wie keine negativen Folgen hat. Ein Medikament ist besser als die Krankheit, Impfstoffe sind es auch – aber der Mensch ist zum Zeitpunkt der Verabreichung gesund.
Impfschäden gibt es ja immer wieder.
Absolut. Impfschäden wird es auch immer geben, jedoch sprechen wir hier von sehr seltenen extremen Fällen. Wir haben seit 220 Jahren Impfstoffe in der Weltgeschichte. Es sind viele Fälle mit unerwünschten Folgen bekannt. Die sind wissenschaftlich aufgearbeitet worden, oft hat aber die öffentliche Aufarbeitung nicht so funktioniert. Manchmal ist es aber kompliziert: 2011 gab es nach Verabreichung eines Grippe-Vakzins Narkolepsiefälle – aber auch in China, wo der Impfstoff nicht eingesetzt wurde. Das definitiv auf den Impfstoff zurückzuführen, ist schwierig. Aber ich glaube, dass durch die mRNA-Technik Impfschäden seltener auftreten könnten.
Zur Person
Paul Löffler hat ein Jahr zum Thema Impfmythen geforscht. Seine Ergebnisse sind im Fachblatt „Frontiers in Immunology“ – einer renommierten wissenschaftlichen Fachpublikation zur Immunologie – veröffentlicht worden. Die Immunologie ist die Wissenschaft der biologischen und biochemischen Grundlagen der körperlichen Abwehr von Krankheitserregern wie Viren oder Bakterien. Der Beitrag des 25-jährigen Landauers wurde von niederländischen und norwegischen Wissenschaftlerinnen geprüft. Löffler hat seinen Master-Studiengang in Ökotoxikologie an der Landauer Uni fast abgeschlossen und strebt eine Promotion an.
