Landau / SÜW
„Kein harmloses Kinderschlafmittel“: Melatonin-Bärchen auch in Südpfälzer Familien
Eine Gute-Nacht-Geschichte gehört bei fast allen Familien dazu. Dann ein Küsschen und ab ins Bett. In der Hoffnung, dass die Kinder schnell und gut einschlafen. Allerdings ist das die Idealvorstellung vieler Eltern. Es kann auch mal länger dauern. Manchmal geht es sogar zurück ins Wohnzimmer. Dann wird abgewartet, bis die Kleinen todmüde ins Bett fallen. Um sich das Leben zu erleichtern, greifen daher manche Eltern auf andere Methoden zurück.
So hatte eine US-Schauspielerin berichtet, dass sie ihren Töchtern spezielle Bärchen verabreicht, um dem Glück auf die Sprünge zu helfen. „Es haut sie einfach schneller um und es geht ihnen gut“, sagte sie in einem Interview. Wieso? Sie verwendet Bärchen, die Melatonin enthalten. Ein Hormon, das der Körper normalerweise selbst bildet und das den Schlaf-Wach-Zyklus reguliert. Nach Angaben von Hans-Günter Weeß, den Leiter des Schlafzentrums am Pfalzklinikum in Klingenmünster, ist Melatonin dementsprechend kein Schlafmittel im eigentlichen Sinne. Es beeinflusse unsere innere Uhr und werde beispielsweise bei Erwachsenen bei Jetlag-Beschwerden wirksam eingesetzt.
Auch im Kreis SÜW im Umlauf
Aber was hat die US-Schauspielerin nun mit Südpfälzer Eltern gemein? Sie können es sich denken: Hierzulande nutzen Mütter und Väter den selben „Geheimtrick“. Jedenfalls hat das eine Umfrage innerhalb der Elternvertretung der Kreis-Kitas bestätigt. „Diese Bärchen sind bei einigen Eltern schon bekannt und werden auch verwendet“, so der Vorsitzende des Kreiselternausschusses, Christian Strecker, auf Anfrage der RHEINPFALZ.
Der Landauer Apotheker Markus Moser kennt die Produkte. Es gebe gelegentlich Eltern, die bei ihm in der Adler-Apotheke danach fragen würden. Allerdings gebe es eine große Dunkelziffer. Schließlich werden diese mit Melatonin zugesetzten Bärchen, Drops oder Sprays als Nahrungsergänzungs- und nicht als Arzneimittel geführt. Die Präparate sind somit frei verkäuflich, können also auch in Drogeriemärkten, im Internet oder Supermarkt erworben werden. „Aber nur weil sie als Nahrungsergänzungsmittel geführt werden, heißt es nicht, dass Nebenwirkungen ausgeschlossen sind“, warnt Moser.
„Kein harmloses Kinderschlafmittel“
Vermehrtes Einnässen, Kopfschmerzen, Schwindel, Durchfall und Ausschlag zählen unter anderem zu den möglichen Nebenwirkungen, auf die Tanja Pikhard hinweist. Sie ist Oberärztin und Leiterin der Tagesklinik für Kinder und Jugendliche in Pirmasens. Hans-Günther Weeß zählt unter andrem auch Schlafstörungen, Alpträume und einen Anstieg der Leberwerte als mögliche Nebenwirkungen auf.
Und trotzdem sind Melatonin-Produkte angesagt. Jedenfalls teilen in den sozialen Netzwerken Eltern ihre positiven Erfahrungen damit. Pikhard betont: „Wir haben von diesem Trend mitbekommen und stehen diesem äußerst kritisch gegenüber.“ Hans-Günter Weeß geht noch weiter: „Melatonin ist kein harmloses Kinderschlafmittel.“ In Deutschland seien Melatonin-Präparate nur zugelassen bei Kindern mit therapieresistenten Schlafstörungen, bei Autismusspektrumstörungen, dem sehr seltenen Smith-Magenis-Syndrom und bei Erwachsenen über 55 Jahre.
„Ein Schluck Fiebersaft und ab in die Kita“
Kritisch sieht das Thema auch Claudia Theobald vom Kita-Fachkräfteverband Rheinland-Pfalz. „Betroffene Eltern müssen sich die Frage stellen, warum ihr Kind Einschlafprobleme hat und nur schwer zur Ruhe kommt.“ Die Erzieherin und ihre Kollegen bekommen beispielsweise mit, dass Mädchen und Jungen „funktionieren müssen“, wenn Eltern unter Druck stehen. Etwa dann, wenn sie Beruf und Familie schwer unter einen Hut bekommen. „Kita-Kinder erzählen uns auch mal davon, dass sie am Morgen Fiebersaft geschluckt haben oder in der Nacht brechen mussten.“ Und doch stünden sie am darauffolgenden Morgen in der Kita.
Nach Angaben von Oberärztin Pikhard sollten Eltern die entwicklungsspezifischen Ängste und das individuelle Schlafbedürfnis ihrer Kinder berücksichtigen, damit es mit dem Einschlafen besser klappt. „Des Weiteren ist eine gute Schlafhygiene wichtig.“ Eltern sollten unter anderem auf regelmäßige Schlaf- und Essenszeiten achten, auf abendliche Rituale sowie einen „sicheren, dunklen, kühlen und ruhigen Raum“. Auch sollten äußere Reize vor dem Zubettgehen vermieden werden. Dazu zählen der Fernseher, das Smartphone oder andere elektronische Geräte.
Schlafmediziner Weeß betont: „Eine medikamentöse Behandlung von Schlafstörungen bei Kindern ist in der Regel nicht indiziert und sollte nur nach schlafmedizinischer Indikationsstellung erfolgen.“ Die Verabreichung von Melatonin-Präparaten, in welcher Form auch immer, ohne ärztliche Indikationsstellung an Kinder, sei weder sinnvoll noch vertretbar. „Inwieweit Langzeitfolgen auftreten, insbesondere bei unkontrollierter Melatoningabe im Kindesalter, bedarf weiterer Untersuchungen.“ In tierexperimentellen Untersuchungen habe sich gezeigt, dass unphysiologisch hohe Melatonindosen die Melatoninrezeptoren negativ beeinträchtigen können. „So ist völlig offen, ob zu hohe Melatonindosen auch bei Kindern Folgestörungen des Melatoninstoffwechsels verursachen können.“