Contwig RHEINPFALZ Plus Artikel Grundschüler helfen Kröten sicher über die B10

Die letzte Kröte wandert in den sicheren Transporteimer. Dann folgt der Abmarsch zur Sumpfwiese.
Die letzte Kröte wandert in den sicheren Transporteimer. Dann folgt der Abmarsch zur Sumpfwiese.

Contwiger Grundschüler haben 82 Erdkröten aus versenkten Eimern am Krötenschutzzaun vor dem drohenden Tod auf der Bundesstraße 10 bewahrt.

Montagmorgen. Leichter Nieselregen herrscht gegen 7.45 Uhr am Krötenschutzzaun im Wiesenbereich unterhalb des bewaldeten Berghanges zwischen Stambach und Contwig. Ob sich die Erdkröten, Frösche und Molche bei diesem trüben Wetter und erst sieben Grad Celsius schon auf Wanderschaft begeben haben? Eigentlich sollten die Tiere heute ganz besonders zahlreich unterwegs sein. Denn sie bekommen Besuch von der dritten Klasse der Grundschule Contwig. Die Schulkinder wollen die Amphibien sicher über die vielbefahrene Bundesstraße 10 tragen.

Anfassen ist ausdrücklich erwünscht

Aufgeregt machen sich die Kinder von ihrer Schule aus auf den Weg. Die Anspannung wächst, als die Schüler den grünen Schutzzaun im Wiesenbereich entdecken. Beim Blick in den ersten der Eimer, die am Krötenzaun im Erdreich eingegraben sind, gibt es ein vielstimmiges Freudengeschrei. Tatsächlich krabbeln mehrere Frösche im Eimer umher. Aber wer ist schon so mutig und greift in den Behälter hinein, aus dem das Quaken und leisere Piepen deutlich vernehmbar ist? Die Frösche – beziehungsweise Kröten – sind auf den ersten Blick nicht sonderlich possierlich. Trotzdem muss man die Tiere anfassen: Denn nur so kann man sie aus ihrer vorübergehenden Schutz-Gefangenschaft befreien.

Die Kröten wollen trotz ihres schweren Rückenballasts die Sammeleimer verlassen.
Die Kröten wollen trotz ihres schweren Rückenballasts die Sammeleimer verlassen.

Klassenlehrerin Katharina Kaub und Schulleiter Peter Schmidt sind mit vor Ort. Sie erklären den Kindern, dass es sich im vorliegenden Fall um Erdkröten handelt. Das lässt sich an deren Oberseite mit der rauen, warziger Haut gut erkennen. Die Kröte ist von den Augen über den Rücken hinweg meist einfarbig. Die Färbung kann zwischen den Tieren jedoch sehr unterschiedlich sein. Von beigegrün über rotbraun bis fast schon schwarz. Die Augen haben eine goldorangene Iris mit quer-ovaler Pupille.

Ganz schön glitschig!

Die Erdkröte hat einen kräftigen, robusten Körperbau. Die Weibchen sind etwa ein Drittel größer als die Männchen, die sie teilweise huckepack zum Laichgewässer tragen. Für viele der Schüler ist dies unverständlich, da das Weibchen mit dem Laich doch schon schwer genug beladen ist.

Einige Mädchen finden, dass die Kröten ganz schön glitschig sind. Deshalb braucht es höchste Aufmerksamkeit, um die Kriechtiere ganz vorsichtig in den Transporteimer zu setzen. Der Großteil der Kinder hantiert sicherheitshalber mit Handschuhen, damit sie am Ende nicht noch eine Hautreizung vom Krötensekret bekommen. Alle sind sie mit Feuereifer dabei, den empfindlichen Lebewesen zu helfen. Am Rand der sumpfigen Tallage zum Schwarzbach hin lassen die Kinder die Kröten dann aus dem zur Seite gekippten Eimer krabbeln.

Verstärkte Amphibienwanderung zu erwarten

Lasse Graß, Jule Schlimmer und Finn Burgard haben die Amphibien in jedem Eimer ganz genau gezählt. Zu Beginn der Grundschul-Aktion am 14. März waren 28 Erdkröten und ein Bergmolch angewandert. Danach folgten drei Tage ohne Sammelerfolg, da es jeweils Nachtfrost gab. Bei solchen Temperaturen fallen die wechselwarmen Tiere in Bewegungsstarre. Bei einem leichten Hauch von Frühling zu Beginn der neuen Woche regte sich sofort wieder die Wanderlust. Für die kommenden Tage rechnet die Schule mit noch weiter verbesserten Wetterbedingungen – sprich, mit verstärkter Amphibienwanderung.

Viele helfende Hände der Contwiger Grundschüler werden am Krötenschutzzaun tätig.
Viele helfende Hände der Contwiger Grundschüler werden am Krötenschutzzaun tätig.

Erdkröten verbringen die meiste Zeit des Jahres in Wiesen und Wäldern. Im Frühling geht es zur Fortpflanzung zurück in die vertrauten Sümpfe, in denen sie einst geschlüpft sind. Ihr Instinkt sagt den ortsgebundenen Tieren, dass am Platz ihrer „Geburt“ die Lebens- und Wachstumsbedingungen am besten sind. Das Laichgewässer finden die Tiere mithilfe eines speziellen Organs im Gehirn und über ihren Geruchssinn. Sie legen dort ihre Eier, den Laich, ab. Aus diesem schlüpfen im sonnenerwärmten Wasser die Kaulquappen, die ihre erste Lebensphase ausschließlich im Wasser verbringen. Nach dem Umwandlungsprozess begeben sie sich an Land.

Todesfalle Landstraße

Die Anwanderung startet zu Beginn der Abenddämmerung: Dann sind die Kröten vor Fressfeinden besser geschützt. Etwa vor Enten, Kreuzottern, Weißstörchen, Katzen, Raben, Greifvögeln und Mardern. Gefahr droht auch von menschengemachten Umweltgiften, die den Lurchen über deren empfindliche Haut den Tod bringen. Die schlimmsten Todesfallen sind jedoch die Straßen und Wege, die es für die Lurche zu überqueren gilt. Die trägen Kröten und Frösche können den schnell rollenden Rädern nicht ausweichen. Zudem zerfetzt der Auto-Fahrtwind oft ihre Lungen, sodass die Tiere scheinbar unverletzt, aber reglos auf der Straße liegen bleiben. Und fassungslos macht es Naturschützer, wenn Grundstücksbesitzer Kröten und Frösche einfach mit Schaufeln plattklopfen. So etwas komme gar nicht so selten vor.

Hüpfend und kriechend würden die Amphibien fürs Überqueren der B10 etwa 20 Minuten benötigen. Da hätte kaum eine Kröte oder Molch die Chance, lebend rüberzukommen. Zumal sie auf dem warmen Asphalt gerne länger verweilen. Binnen 20 Minuten waren auf beiden Fahrspuren durch Contwig um diese Morgenzeit 65 Autos unterwegs. Das zeigt, dass der Zaun und dessen freiwillige Betreuer wahre Lebensretter sind. Die seit Jahren treuen Helfer kennen Tage, an denen sie nach der Leerung am Abend oder Morgen mehr als 200 Tiere über die Straße bringen.

Was macht das Stöckchen im Eimer?

In den letzten Jahren fehlen hier jedoch Grasfrösche, Berg-, Teich-, Faden- und Kammmolche sowie Salamander. In die Eimer geraten auch Würmer, Spinnen, Käfer und Mäuse. Deshalb ist in jedem Eimer ein kleiner Stock vorhanden, damit sich diese Lebewesen selbst befreien können.

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