Herxheim / Neustadt
Organspende-Tattoo: Südpfälzer unterstützen „Junge Helden“
Tattoos sind für viele ein Ausdruck von Ästhetik und ihrer Persönlichkeit. Der Herxheimer Florian Thirunavukkarasu und der Neustadter Steffen Gall haben auf ihren Körpern schon Tätowierungen. Vor wenigen Tagen ist bei beiden ein weiteres dazu gekommen – mit dem gleichen Motiv. Dieses von der Machart eher schlichte Tattoo ist eines, das eine besondere Botschaft ausdrückt: die Bereitschaft zur Organspende. Es zeigt einen Kreis, unter dem sich zwei Halbkreise befinden. Diese sollen symbolisieren, dass sie wieder zu einem Ganzen werden könnten. Gelesen werden können die Symbole auch als O und D: „Die geometrischen Formen bilden das Akronym für ,Organ Donor’... oder sogar für ,Organ-Spender*in’, wenn man hier großzügig ein Auge zudrückt“, schreibt der gemeinnützige Mainzer Verein „Junge Helden“, der hinter der sogenannten Optink-Aktion steckt.
Bei Instagram haben die „Jungen Helden“ bereits 21.000 Follower, knapp 600 Beiträge sind dort zu finden. Der Verein will darauf hinweisen, dass sich zu wenige Menschen dazu bereit erklären, Organe zu spenden. Bundesweit beteiligen sich bis dato rund 300 Tattoo-Studios an der zeitlich nicht begrenzten Initiative – Tendenz steigend. „Die Kampagne läuft überaus gut. Wir sind überwältigt von der positiven Resonanz sowohl von Menschen, die sich das Tattoo stechen lassen, als auch von Tattoo Studios und Artists, die es kostenlos anbieten“, sagt Anna Barbara Sum von den „Jungen Helden“. Der Tag der Organspende am heutigen Samstag, 3. Juni, dürfte einen weiteren Schub geben. Alle, die wollen, können sich dort kostenlos das Logo-Tattoo stechen lassen (nach Angaben des Vereins sind es bisher rund 2500 Menschen, die daran teilnahmen). Wird das Logo in ein bestehendes Werk integriert, können Kosten anfallen. Zuvor muss die Einverständniserklärung unterschrieben sein.
Auf einer digitalen Landkarte des Vereins lässt sich im Internet schnell herausfinden, welches Tattoo-Studio in der Nähe des Wohnorts mitmacht. Dabei ist auch das Tattoo und Piercing Studio in der Herxheimer Niederhohlstraße. Allzu viele haben dort von dem Angebot bisher noch nicht Gebrauch gemacht, aber das Studio geht davon aus, dass sich das in den nächsten Tagen und Wochen noch ändern wird. „Dass ich hier gelandet bin, war Zufall. Ich habe geschaut, wo ich die Tätowierung bekommen kann und dann habe ich das Studio in Herxheim entdeckt. Das ist ja nicht so weit von Neustadt weg“, sagt der 54-jährige Steffen Gall, der als Online-Redakteur seine Brötchen verdient und seit mehr als 20 Jahren einen Organspendeausweis hat. Die symbolische Tätowierung lässt er sich gut sichtbar auf die Innenseite seines rechten Unterarms stechen.
Er würde sich wünschen, dass sich mehr Menschen dazu entscheiden, potenzielle Organspender zu werden. „Das sollte man schon machen. Die Wartezeiten für Menschen, die ein neues Organ brauchen, sind sehr lang“, sagt er. „Der Bedarf ist groß.“ In seinem Familien- und Freundeskreis kennt er keine weiteren Leute, die einen Organspendeausweis haben. Auch seine Lebensgefährtin konnte er noch nicht überzeugen. „Ich frage sie ab und zu wie es aussieht, aber sie scheut sich noch.“
Ganz der Meinung von Steffen Gall ist auch der 34-jährige Florian Thirunavukkarasu aus Herxheim. Auffallend ist an seiner rechten Wade ein großes Tattoo der US-amerikanischen Zeichentrickserie Rick und Morty. „Die beste“, kommentiert er kurz. Für das symbolische Organspende-Tattoo hat er bewusst eine Stelle über dem rechten Knöchel ausgesucht. „Da kann man es gut von der Seite sehen. Ich trage oft kurze Hosen“, erzählt er. Es dauert etwa zehn Minuten, bis Tätowiererin Ecaterina Iordache das Tattoo fertig hat. Der Herxheimer, der beruflich in der Pflege tätig ist, begutachtet das Werk im Spiegel. Es gefällt ihm. Und warum hat er sich die Organspende-Tätowierung überhaupt stechen lassen? „Ich bin damals bei einer Ausbildung in einer Broschüre auf das Thema Organspende aufmerksam geworden. Seit 2012 habe ich einen entsprechenden Ausweis. Ich möchte meine Überzeugungen offen zeigen, deshalb die Tätowierung.“ Organe nach dem Tod nicht zu spenden, mache für ihn keinen Sinn.
Der Verein „Junge Helden“ weist darauf hin, dass in Deutschland rund 10.000 Menschen auf eine Organtransplantation warten. „Auch in diesem Jahr werden etwa 1000 Menschen ihr lebensrettendes Organ nicht rechtzeitig bekommen“, heißt es weiter. Die Tätowierung sei kein offizielles Dokument. Es sei jedoch eine Willenserklärung, damit die Angehörigen im Ernstfall von der Zustimmung zur Organspende wüssten.
Unabdingbare Voraussetzung für die Organspende ist nach aktuellem deutschen Recht die Einwilligung, teilt David B. Freichel, Pressesprecher des rheinland-pfälzischen Gesundheitsministeriums, auf Anfrage der RHEINPFALZ mit. Bestenfalls liege eine eindeutige Erklärung des Patienten zur Organspende vor, beispielsweise in Form eines Organspendeausweises oder einer Patientenverfügung. Habe der Patient nicht selbst eine Entscheidung für oder gegen eine Organspende (Paragraph 3 TPG) getroffen, so seien die nächsten Angehörigen angehalten im Sinne des Verstorbenen zu entscheiden, oder wenn dies nicht ermittelbar ist, nach eigenen Vorstellungen zu entscheiden.
Um die Angehörigen vor dieser schwierigen Entscheidung in einer emotional sehr belastenden Situation zu bewahren, sollte jeder Mensch sich zu Lebzeiten mit dem Thema Organspende auseinandersetzen und eine persönliche Entscheidung treffen. Die Willensbekundung sei bei einem Tattoo allerdings nicht vom Entscheider selbst niedergeschrieben worden, sondern von einem Dritten. Allein aufgrund eines Tattoos könne darüber hinaus nicht abgeschätzt werden, ob der zum Ausdruck kommende Wille überhaupt noch aktuell ist oder eine Meinungsänderung beim Verfügenden eingetreten ist, weil dieser es nicht selbst in der Hand habe, seine Willenserklärung selbst zu beseitigen. Die Errichtung eines Organspende-Tattoos habe demzufolge keine Rechtsverbindlichkeit, teilt Sprecher Freichel mit.
Ein bundesweites, zentrales Organspenderegister befindet sich derzeit im Aufbau. Zuletzt hieß es von Seiten des Bundesgesundheitsministeriums, dass dieses voraussichtlich Anfang 2024 an den Start gehen könnte.
Info
Weitere Informationen zu der Aktion gibt es unter www.jungehelden.de
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