Thallichtenberg
Umstrittener Volkskundler Hermann Wirth beschäftigt posthum Rats-Gemüter
Es sind wohl nur die etwas älteren Zeitgenossen, die sich an die Causa Wirth, den „nimmermüden Feuergeist“ (so wurde er einmal in der RHEINPFALZ genannt) erinnern, für dessen Sammlung vor- und frühgeschichtlicher Funde der Landkreis Kusel Anfang der 1980er Jahre beinahe ein „Ur-Europa-Museum“ auf der Burg Lichtenberg eingerichtet hätte.
Wenige Jahre zuvor war Wirth von Marburg, wo sich die Museum-Pläne des Privatgelehrten nicht hatten realisieren lassen, nach Thallichtenberg umgezogen. Sein Vater, der Germanist Ludwig Wirth (1847-1925), kam wohl aus der Region, während seine Mutter Sophia Gijsberta Roeper Bosch (1851-1891) einer streng calvinistischen Familie aus Utrecht entstammte, wo Herman Wirth und seine Geschwister geboren wurden und aufgewachsen sind.
In Thallichtenberg ein „Institut“ unterhalten
Auch in der pfälzischen Umgebung untersuchte er Höhlen auf symbolische Felsritzungen und hielt Vorträge. In seinem „Institut“ in Thallichtenberg arrangierte er Ausstellungen seiner Funde.
Kommunalpolitiker, allen voran Landrat Gustav Adolf Held (1920-2008), waren von dem Charisma des niederländisch-deutschen Ahnenforschers angetan. Dass dessen Werk von antisemitischem, esoterischem, okkultem und völkischem Gedankengut durchzogen ist, fiel wohl zunächst nicht auf. Beherbergen sollte die „einzigartige Sammlung“ die historische Zehntscheune auf der Burg, die für diesen Zweck nach dem Willen der Kreisspitze wiederaufgebaut werden sollte. Für dieses Vorhaben stellten Bund, Land und Kreis damals rund 1,5 Millionen Mark bereit.
Nach „Spiegel“-Bericht Reißleine gezogen
Der Wiederaufbau war schon weit fortgeschritten und bis zur Eröffnung der Zehntscheune im Sommer 1981 fehlten nur noch wenige Monate, als bezüglich der Wirth-Euphorie die Reißleine gezogen wurde. Auslöser war eine Veröffentlichung des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ im September 1980. Dieser brachte Wirths braune Vergangenheit und Verstrickungen während der NS-Zeit ans Licht: Wirth war unter anderem NSDAP-Mitglied und erster Leiter der 1935 vom Reichsführer SS, Heinrich Himmler, und Reichsbauernführer Richard Walther Darré gegründeten Forschungsstelle „Deutsches Ahnenerbe“, die eine angebliche Überlegenheit der „arischen Rasse“ nachweisen sollte.
Kreispolitiker wie der damalige SPD-Fraktionschef im Kreistag, Detlef Bojak, nahmen nunmehr Wirths krude Thesen über eine Urkultur, Urreligion und eine germanisch-nordische Urmutter genauer unter die Lupe und traten auf die Bremse. Im Oktober wurden die Pläne für das Ur-Europa-Museum gestoppt, im Februar 1981 dann endgültig gekippt.
Ruhezeit im Jahr 2011 verlängert
Im selben Monat starb Wirth im Alter von 95 Jahren nach einem Schlaganfall. Beigesetzt wurde er auf dem Friedhof in Thallichtenberg. Zum 25. Todestag des selbsternannten Prähistorikers ließ der Verein Ur-Europa eine Plakette am Grabstein anbringen, um seine Verehrung für „Prof. Dr. Herman Wirth-Roeper-Bosch. Begründer der symbolhistorischen Methode zur Entschlüsselung urgeschichtlicher Überlieferungen“ zum Ausdruck zu bringen. Drei Jahrzehnte nach Wirths Tod stimmte die Ortsgemeinde 2011 dem Begehren zu, die Ruhezeit um zehn Jahre zu verlängern.
Im Februar erreichte die Ortsgemeinde abermals ein Ersuchen des Vereins, die Ruhezeit erneut zu verlängern. Der Ortsgemeinderat lehnte dies ab, wie Ortsbürgermeisterin Annika Süssel mitteilte. Die 2014 neu gefasste Friedhofssatzung lasse dies nicht zu. Und eine „Ehrengrabstätte“ käme nicht in Betracht, da Wirth für Thallichtenberg keine herausragende Persönlichkeit sei und auch keinen Bezug zum Ort gehabt habe. Nur ein älteres Ratsmitglied habe mit dem Namen Wirth überhaupt noch etwas anfangen können, berichtete Süssel weiter.
Verein beschäftigt pfälzische Gerichte
Über die Verbandsgemeinde wurde Ur-Europa e.V. informiert, dass die Grabstätte nunmehr zu räumen sei. Die stellvertretende Vorsitzende Hildegard Ostler-Konrad aus Waal im Allgäu teilte auf Anfrage mit, dies werde der Verein veranlassen. Weiter wollte sie sich nicht äußern. Der Verein, der auch „Gemeinnützige Gesellschaft für europäische Urgeschichte“ als Bezeichnung führt und als Gründungsdatum 1928 angibt, zählt eigenen Angaben zufolge 140 Mitglieder.
In den vergangenen beiden Jahren beschäftigte die Vereinigung, die als satzungsmäßigen Sitz Thallichtenberg nennt, mehrfach pfälzische Gerichte. So hat das Oberlandesgericht Zweibrücken am 1. September 2021 festgestellt, dass die 2020 erfolgte Neuwahl des Vereinsvorstandes gültig ist. Diese Neuwahl hatte der vorherige Vorsitzende, der Arzt Joachim Bennien aus dem Ostseebad Dierhagen, angefochten.
Ex-Vorsitzender klagt vergeblich
Eine Klage Benniens gegen die Eintragung des neuen Vorstandes in das Vereinsregister blieb ebenfalls ohne Erfolg. Sie wurde vom Landgericht Kaiserslautern im März abgewiesen. Anfang März wurde Medienberichten zufolge gegen den Arzt, der als Gegner des Impfens gilt, auch Anklage erhoben. Neben falschen Maskenbefreiungen soll er auch falsche Masern-Impfnachweise ausgestellt haben.
