Kusel
Paul Bauer: Bergsteiger und Nationalsozialist
Paul Friedrich Peter Bauer kam am 29. Dezember 1896 als ältester Sohn eines Textilhändlers auf die Welt. Er lebte aber nur wenige Jahre in Kusel, denn als sein Vater 1902 starb, zog der Sechsjährige zu seinem Onkel nach Neuburg/Donau. Dort besuchte er die Schule und legte 1914 das Abitur ab. Beim Ausbruch des Ersten Weltkrieges meldete er sich freiwillig. Er geriet 1917 in englische Kriegsgefangenschaft. Nach seiner Entlassung 1919 schloss er sich dem Freikorps „Oberland“ an. Dieser Freiwilligenverband, der der rechtsextremen Thulegesellschaft in München nahestand, war an der Niederschlagung der Räterepublik in Bayern beteiligt. Bei dem brutalen Vorgehen des Freikorps wurden über 300 Zivilisten getötet.
Von 1919 an studierte Bauer in Würzburg, München und Königsberg Jura. Er schloss sein Studium mit Prädikatsexamen und Promotion ab und arbeitete von 1924 bis 1934 als Notar in Nabburg in der Oberpfalz.
Ziel: Kangchendzönga bezwingen
Schon als Student war Bauer ein begeisterter Bergsteiger und trat 1922 dem elitären „Akademischen Alpenverein München“ (AAVM) bei. In den nächsten Jahren unternahm er zahlreiche Klettertouren im Wettersteingebirge, in den Zillertaler Alpen und in der Berninagruppe, wo ihm und seinen Kameraden über ein Dutzend Erstbegehungen gelangen. 1928 folgte eine Erkundungstour im Kaukasus.
Von 1929 an organisierte Bauer mehrere Expeditionen im Himalaya. Während die englischen Bergsteiger sich die Besteigung des Mount Everest zum Ziel gesetzt hatten, wollte Bauer den 8586 Meter hohen Kangchendzönga bezwingen, den man damals für den zweithöchsten Berg der Welt hielt. Beim ersten Versuch erreichten die Bergsteiger eine Höhe von 7400 Metern. Auch die zweite Expedition zwei Jahre später kam nicht bis zum Gipfel.
Goldmedaille für Literatur
Bekannt wurde Bauer vor allem durch das Buch „Im Kampf um den Himalaya: Der erste deutsche Angriff auf den Kangchendzönga“, das 1931 erschien. Es erhielt 1932 bei den Olympischen Spielen in Los Angeles im „Wettbewerb der freien Künste“ die Goldmedaille für Literatur.
Auch in den nächsten Jahren war der Himalaya mehrmals Bauers Ziel. 1936 unternahm er eine Erkundungsfahrt nach Sikkim, bei der zum ersten Mal der Siniolchu (6888 Meter) bestiegen wurde. Als im folgenden Jahr eine deutsche Expedition auf den Nanga Parbat scheiterte und eine Lawine sieben Bergsteiger und neun Sherpas verschüttete, organisierte Bauer eine Expedition, um die Toten zu bergen. An einer zweiten Expedition im folgenden Jahr nahm er ebenfalls teil.
Bedingungsloser Gehorsam
Bauers Leistungen und Erfolge kann man in vielen Veröffentlichungen nachlesen, zum Beispiel in dem kurzen Text, der die Regionalgeschichte Kusels ergänzt, oder in dem „Lexikon Pfälzer Persönlichkeiten“ von Victor Carl (3. Auflage 2004). Das ist aber nur eine Seite von Bauers Persönlichkeit.
Er war geprägt durch seine Zeit als Soldat und wahrscheinlich auch durch seine Erfahrungen im Freikorps. Bergsteigen wurde für ihn eine Fortsetzung des Krieges. „Als wir damals [1918] das Gewehr aus der Hand geben mußten, tastete die verwaiste Hand nach dem Pickel“, schrieb er 1935. Der Kampf mit den Bergen habe den Deutschen das Bewusstsein der Ehre und Wehrhaftigkeit wiedergegeben. Seine Expeditionen waren nach militärischen Grundsätzen organisiert und er verlangte von den Teilnehmern bedingungslosen Gehorsam gegenüber dem Führer und unbedingte Kameradschaft.
„Dienst am deutschen Volk“
Gleichzeitig war Bauer ein überzeugter Nationalist und stand sehr früh dem Nationalsozialismus nahe. Für ihn sei Hitler seit 1923 der Mann gewesen, „den wir nicht antasten ließen“, schrieb er später in einem Brief. Deshalb habe er im AAVM „konsequent einen nationalen und nationalsozialistischen Kurs verfolgt“. Seine Bergtouren sollten keine individuelle sportliche Leistung sein, sondern ein „Dienst am deutschen Volk“, um die Größe Deutschlands wiederherzustellen.
Diese ideologische Ausrichtung Bauers hat man früher eher verschwiegen. Aber in den jüngst vergangenen Jahren sind Dokumente aufgetaucht, aus denen seine politischen Ziele deutlich werden. Für sein Buch „Der Eispapst“ (2019) hat Reinhold Messner die „Akte Welzenbach“, eine Sammlung von Urkunden und Briefen, ausgewertet und die Ergebnisse veröffentlicht. Sie stammen von Wilhelm („Willo“) Welzenbach (1899-1934), einem der besten Bergsteiger seiner Zeit, der auch mit Bauer mehrere Klettertouren gemacht hatte.
Brutale Drohung gegen anderen Bergsteiger
Als er 1928/29 eine Expedition zur Besteigung des Nanga Parbat plante, versuchte Bauer mit allen Mitteln, diese Unternehmung zu verhindern. Er charakterisierte Welzenbach als „Bergsteigerkanone“, der nur Rekorde anstrebe und für den nur der alpine Erfolg zähle. Außerdem sei er nicht geeignet, eine Expedition zu leiten. Wenn er von seinem Vorhaben nicht zurücktrete, werde Bauer ihn „an die Wand quetschen“.
Der Grund für dieses Verhalten war vor allem, dass Bauer seine eigenen Himalaya-Pläne verwirklichen wollte. Außerdem gönnte er seinem ehemaligen Bergkameraden keinen Erfolg, der seinen Ruhm geschmälert hätte. Daneben gab es politische Gegensätze, denn Welzenbach war Katholik und stand der bayerischen Volkspartei nahe. Er konnte erst 1934 die Nanga-Parbat-Expedition durchführen, bei der er ums Leben kam.
Noch eine Intrige
Auch Bauers Intrigen gegen Hermann Hoerlin (1903-1983) wurden vor einigen Jahren bekannt durch seine Tochter Bettina Hoerlin. Sie hatte 500 Briefe aus dem Nachlass ihrer Eltern gefunden und das Buch „Steps of Courage“ (2011, in deutsch 2014) veröffentlicht. Hoerlin war 1930 Teilnehmer an der internationalen Expedition zum Kangchendzönga, die der in der Schweiz lebende Geologe Günter Oskar Dyhrenfurth leitete. Dabei hatten er und der Tiroler Erwin Schneider erstmals den Jongsang Ri (7462 Meter) bestiegen.
Bauer neidete ihnen den Erfolg. Er kritisierte, dass sie mit dem „Judenstämmling“ Dyhrenfurth unterwegs waren und auf dem Gipfel nicht den Mut hatten, die deutsche Flagge zu hissen, sondern stattdessen die schwäbische und Tiroler Fahne ihrer Heimat gezeigt hatten. Gegen Schneider und einen anderen Bergsteiger, der 1934 am Nanga Parbat überlebt hatte, strengte Bauer auch ein Ehrengerichtsverfahren wegen Verletzung der Beistandspflicht an. Die beiden wurden freigesprochen, aber Bauer beschimpfte sie als „ehrlose Deserteure“.
Entnazifizierung: Ein Mitläufer
Nach der Machtergreifung wurde Bauer im Mai 1933 Mitglied der NSDAP. Im Sommer 1934 ernannte Hans von Tschammer und Osten, der Reichssportführer der gleichgeschalteten Sportvereine, ihn zum Leiter des „Fachamtes für Bergsteigen und Wandern im Deutschen Reichsbund für Leibesübungen“. Auch in der 1936 gegründeten „Himalaya-Stiftung“, die Expeditionen mit Informationen und Geld unterstützen sollte, hatte er eine führende Position. Beide Ämter nutzte er für die nationalsozialistische Propaganda, die auf den kommenden Krieg vorbereiten sollte.
1938 legte Bauer seine Ämter in den verschiedenen Vereinen nieder. Bei Kriegsbeginn wurde er als Major Kommandant des Hochgebirgsjägerbataillon 2, das 1942 im Kaukasus stationiert war, und später Leiter der Heeres-Hochgebirgsschule in Fulpmes (Tirol). Die Entnazifizierung stufte ihn als „Mitläufer“ ein, so dass er seinen Beruf als Notar bald wieder in München ausüben konnte.
Keine Abkehr
Bauer war weiterhin ein geschätztes Mitglied in mehreren Alpenvereinen und in der Himalaya-Stiftung. Auch wenn er sich politisch zurückhielt, scheint er seine Einstellung nicht grundlegend geändert zu haben. Er war im Kameradenkreis der Gebirgstruppe aktiv, dessen Ziele der Alpenverein als „revisionistisch“ bewertet. Zur umstrittenen Traditionspflege dieses Kreises gehörte auch die Errichtung eines Ehrenmales auf dem Hohen Brendten bei Mittenwald.
In der Rede, die Bauer bei der Einweihung im Juni 1957 hielt, erklärte er: „Wir werden diese Stätte hüten und hegen in Treue zu unseren Gefallenen und stolz als ein Bekenntnis unseres Glaubens an den ewigen Wert ihres soldatischen Opfers.“ Weder Inhalt noch Sprache lassen eine Abgrenzung zur NS-Zeit erkennen. Bauer starb im Alter von 94 Jahren in München und wurde auf dem Friedhof in Unterbiberg beerdigt.