Thallichtenberg RHEINPFALZ Plus Artikel Fulminant: das Wandelkonzert auf Burg Lichtenberg

Bei der „Waldmusik“ ging es auf dem Burggelände auf musikalische Entdeckungsreise.
Bei der »Waldmusik« ging es auf dem Burggelände auf musikalische Entdeckungsreise.

Neue Musik ganz anders: Das ist das Motto des „Wandelkonzertes“ [Ge(H)ör]Gänge am Sonntagabend auf Burg Lichtenberg – mit Improvisation, Klangkunst und einer fulminanten Videoinstallation.

Der Kuseler Schlagzeuger Achim Seyler hat zusammen mit seinem Kollegen Stefan Kohmann, Eva Zöllner am Akkorden, Pianistin Kathrin Isabelle Klein, Marc Boukouya an der Posaune, John Eckhardt am Kontrabass, dem Klangkünstler Bernd Bleffert, Bläsern aus der Region und Katrin Bethge Burg Lichtenberg vom Hufeisenturm bis zur Zehntscheune zu einer großen Klang-Raum-Installation werden lassen.

Teil einer Uraufführung: Bei der „Waldmusik“ von Bernd Thewes verteilten sich Musiker über das Burggelände.
Teil einer Uraufführung: Bei der »Waldmusik« von Bernd Thewes verteilten sich Musiker über das Burggelände.

Im Konzertsaal sitzen? Diese typische Erwartungshaltung von Konzertbesuchern erfüllte das „Wandelkonzert“ nur bedingt. Denn am Sonntagabend fanden verschiedene Hörerlebnisse quer über das weiträumige Gelände von Burg Lichtenberg verteilt statt, die Besucher folgten den Künstlern über verschiedene Stationen hinweg.

Zunächst gestalteten die Schlagzeuger Stefan Kohmann (links) und Achim Seyler im Hufeisenturm Alyssa Weinbergs „Table Talk“ aus
Zunächst gestalteten die Schlagzeuger Stefan Kohmann (links) und Achim Seyler im Hufeisenturm Alyssa Weinbergs »Table Talk« aus dem Jahr 2016.

Zunächst gestalteten die Schlagzeuger Stefan Kohmann und Achim Seyler im Hufeisenturm Alyssa Weinbergs „Table Talk“ aus dem Jahr 2016. Die Besucher standen dicht gedrängt, die Sitzplätze reichten bei weitem nicht. Aus den perkussiven Mustern mit ihren virtuos gespielten, sich überlagernden Rhythmen kristallisierten sich von Zeit zu Zeit Klänge heraus, die sowohl wie strukturbildende Fixpunkte wirkten als auch an Melodiefragmente erinnerten. Endend in leise nachhallenden, ersterbenden Klänge ließen die Musiker die Zuhörer mit vielen Fragen zurück.

Schlagzeuger Stefan Kohmann und Eva Zöllner spieletn dei komposition „Glimmer“.
Schlagzeuger Stefan Kohmann und Eva Zöllner spieletn dei komposition »Glimmer«.

Im folgenden „Glimmer“ spielt die Schweizer Komponistin Katharina Rosenberger, die auch als Professorin für Komposition an der Musikhochschule Lübeck tätig ist, mit Klängen und Klangereignissen. Eva Zöllner entlockte ihrem Akkordeon denn auch durch Anschlagen ungewohnte Geräusche. Stefan Kohmann ließ Klänge von Becken und präpariertem Vibraphon an- und abschwellen, so dass im Wechselspiel ein Dialog zwischen den beiden verschiedenartigen Geräuschereignissen entstand. Schließlich kristallisierte sich ein langer, bordunähnlicher Liegeton des Akkordeons voll dräuender Spannung heraus, den schnell-flirrende, bedrohlich sirrende Akzente des Schlagwerks überlagerten.

Bläser wie dieser stellten die „WaldmusiK“ von Bernd Thewes vor.
Bläser wie dieser stellten die »WaldmusiK« von Bernd Thewes vor.

Den Weg vom Burgeingang bis zur Kapelle und der Zehntscheune säumten Bläser, die über die ganze Strecke verteilt die „Waldmusik“ von Bernd Thewes vorstellten. Zu dieser Uraufführung steuerte Marc Boukouya an der Posaune Improvisationen bei. Für die Besucher wurde der weitere Weg so zu einer musikalischen Entdeckungsreise. Getragene Klänge fügten sich nahtlos in die umgebende Natur ein, ohne klaren Ursprung und ohne bestimmtes Ziel; andachtsvolle Momente in lautmalerischen Klangfarbenschattierungen entstanden so, die Burg wurde zu einer Natur-Kathedrale, in der diese Klänge zum Leben erwachten. Die Bläser mussten dabei ohne Dirigent spielen, sie reagierten aufeinander, mal wie ein Echo, ein anderes Mal wie eine Antwort.

„Das ist ein Konzept, das sich nicht vorher proben lässt. Das funktioniert dank genauer Zeitpläne“, erläuterte Komponist Bernd Thewes auf Nachfragen einiger Besucher und strahlte dabei über das ganze Gesicht, weil das Experiment so gut geklappt hat.

„Table Talk“ aus dem Jahr 2016 gestalteten die Schlagzeuger Stefan Kohmann (links, hier auch am Gesang) und Achim Seyler im Hufe
»Table Talk« aus dem Jahr 2016 gestalteten die Schlagzeuger Stefan Kohmann (links, hier auch am Gesang) und Achim Seyler im Hufeisenturm.

Im Kammermusiksaal der Zehntscheune erwartete das Publikum dann ein vertrautes Ambiente – Stühle vor einer Bühne, auf der links ein großer Konzertflügel mit Pianistin Kathrin Isabelle Klein stand. Doch das Schlagzeugarrangement von Achim Seyler und Stefan Kohmann war nicht typisch für ein Kammerkonzert, das alte Grammophon, das Eva Zöllner bediente, gehörte schon gar nicht zum klassischen Instrumentarium.

In Heiner Goebbels’ „Surrogate“ von 1994 setzte sich der Komponist mit dem Stadtleben auseinander, wie Stefan Kohmann erläuterte. Auf dunkles Rauschen reagierten perkussive Klangereignisse des Klaviers. Beide Klangwelten, die Kohmann als Rezitator kommentierte, fanden in rhythmischen Pattern zusammen, die immer mehr dem Geräuschmuster von Maschinen ähnelten und in überstürzender Hektik den Puls des Großstadtlebens evozierten.

John Cages „Credo in US“ (1942) mit (von links) Stefan Kohmann, Achim Seyler, Schlagzeug, und Eva Zöllner, Grammophon.
John Cages »Credo in US« (1942) mit (von links) Stefan Kohmann, Achim Seyler, Schlagzeug, und Eva Zöllner, Grammophon.

Bei „Credo in US“ von John Cage aus dem Jahr 1942 spielte Eva Zöllner immer wieder knisternde Fragmente aus Antonin Dvoraks „Symphonie aus der Neuen Welt“ ein, die wie aus dem Off in eine völlig andersartige Klangwelt einbrach. Klangschichten von perkussiven Klaviermotiven und Schlagzeugklängen überlagerten sich und erinnerten durch diese Re-Präsentation an die flüchtige Zeitlichkeit von Musik.

Auf dem Oberen Burghof im Westpalas fesselten die „Rheinischen Kirmestänze“ von Bernd Alois Zimmermann, die verfremdenden Dämpfer verliehen dem Werk eine antikisierende Patina.

Als Abschluss präsentierten John Eckhardt und Katrin Bethge unter dem Motto „Visual Bassic“ im Ostpalas eine Videoinstallation
Als Abschluss präsentierten John Eckhardt und Katrin Bethge unter dem Motto »Visual Bassic« im Ostpalas eine Videoinstallation

Als Abschluss eines fulminanten Konzerterlebens präsentierten John Eckhardt und Katrin Bethge unter dem Motto „Visual Bassic“ im Ostpalas eine umwerfende, ausschließlich mit analogen Mitteln wie Overheadprojektor, Folie und Wasserbehältnissen realisierte Videoinstallation zu immer wieder im Ausdruck wechselnden gegeneinander gesetzten Klangflächen.

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