Kreis Kaiserslautern Wo das halbe Dorf einst Rüben hackte

Hier ließ sich die Mennoniten-Familie Würtz nach langer Suche eines neuen Zuhauses nieder: der Münchhof in Hochspeyer. Dorothee
Hier ließ sich die Mennoniten-Familie Würtz nach langer Suche eines neuen Zuhauses nieder: der Münchhof in Hochspeyer. Dorothee Fellmann und Sybilla Hege-Bettac enthüllen ein weiteres Täuferspuren-Schild.

Am Münchhof, dem ältesten Teil von Hochspeyer, wurde am Samstagmorgen das elfte Täuferspuren-Schild aufgehängt. Nachfahren der Mennonitenfamilie Würtz, die über viele Generationen das Gut betrieben hatte, sowie historisch Interessierte waren zu einer Feierstunde erschienen.

In Zürich kam es unter der Führung von Ulrich Zwingli in den 1520er Jahren zu einem reformatorischen Wandel, aus dem die sogenannte Täuferbewegung hervorgegangen ist. Die jahrhundertelange wechselvolle Geschichte dieser Bewegung, mit maßgeblicher Bedeutung auch für die Pfalz, wird seit einigen Monaten über das Täuferspuren-Projekt dokumentiert (die RHEINPFALZ berichtete). Der Münchhof hatte bereits über Jahrhunderte den Otterberger Mönchen gedient, bevor er als kurpfälzischer Erbbestand verpachtet und zum „Mennonitenhof“ der Familie Würtz wurde. Die in mennonitischer Geschichtsforschung engagierte Sybilla Hege-Bettac ist eine Nachfahrin der Familie Würtz. Sie berichtete über die Suche ihrer Vorfahren als Glaubensflüchtlinge nach einer neuen Heimat. Im Dreißigjährigen Krieg (1618 bis 1648) hatten marodierende Truppen Hochspeyer und den Münchhof für viele Jahre unbewohnbar hinterlassen. Doch auch an anderen Orten Europas, in der Schweiz, bangten die Bewohner um ihre Existenz. „Wir können hier nicht länger bleiben. Uns wird der Hof weggenommen und du landest im Gefängnis. Wovon sollen die Kinder und ich leben?“ So oder so ähnlich mag es sich zugetragen haben, als Elsbeth ihren Gatten Rudolf um 1660 beschwor, sich gemeinsam mit den beiden Söhnen auf den Weg in eine neue Heimat zu machen. Als Täufer oder Wiedertäufer, wie die Mennoniten damals genannt wurden, waren sie im schweizerischen Menziken, im Kanton Aargau, nicht mehr willkommen. Von der Obrigkeit forciert, sollten „die Querulanten verschwinden“. Bevor sich die Lage für die Täufer verschlimmern und Gefängnis, Repressalien oder Vertreibung unausweichlich würden, beschloss die Familie, den angestammten Hof zu verlassen und sich auf eine beschwerliche und gefährliche Reise in ein neues Dasein aufzumachen. Ein Ochsenkarren, voll bepackt mit Habseligkeiten, war alles, was die Familie mitnehmen konnte. Zu Fuß begaben sie sich auf den Weg über das Jura-Gebirge nach Norden. Ihr Wunsch und Ziel: Das Elsass oder die Kurpfalz, mit dem Versprechen auf freie Religionsausübung. Die Geschichte ihrer Flucht und Ankunft verliert sich über längere Zeit. Gewiss ist, dass sie vier Jahre auf dem Bärbelsteinerhof, beim Dorf Erlenbach in der Nähe von Dahn, gelebt haben. Elsbeth erlebte das Erreichen der neuen Heimat auf dem Münchhof nicht mehr. Sie fiel 1667 der in der Pfalz wütenden Pest zum Opfer. Im Dezember 1669 übernahmen Rudolf Würtz und seine zweite Ehefrau Anna, gemeinsam mit dem in Fischbach lebenden Georg Münch – daher der Name Münchhof – den Erbbestandshof. Zu dieser Zeit war das Gut bereits über 800 Jahre alt. „Die Neuankömmlinge fanden hier keine Idylle, sondern eine verlassene und verwilderte Gegend vor“, beschreibt Hege-Bettac den Zustand des Areals. Doch die beiden neuen Pächter erkannten wohl das Potenzial, das eine Neubewirtschaftung möglich machte. Quellen, Wiesen und bester Ackerboden bildeten gute Voraussetzungen. Dennoch lautete die Devise: „Wer hier anfangen will, muss jung, gesund und kräftig sein“, erzählt die Geschichtsforscherin. Nach neun Generationen Erbfolge wurde der Hof 1975 verkauft. Historiker Roland Paul half, geschichtliche Hintergründe aufzuklären und stellte fest, dass „die Pfalz schon immer Einwanderungsland war“. Astrid von Schlachta, Vorsitzende des mennonitischen Geschichtsvereins Bolanden-Weierhof, stellt zahlreiche Originaldokumente und Urkunden aus ihrem Archiv aus. Auch Ortsbürgermeister Norbert Anspach (SPD) freut sich über die Initiative des Geschichtsvereins. „Die Schilder sind für Besucher wichtig. Sie geben Auskunft über die historische Bedeutsamkeit der ältesten Siedlung in Hochspeyer.“ Gabriele Ruffert aus der Nachbarschaft verbindet ein Stück persönliche Erinnerung mit dem Hof. Sie berichtet, dass ihr Vater über Jahrzehnte für zwölf Mark im Jahr Felder von der Familie Würtz gepachtet hatte. „Halb Hochspeyer hat hier Rüben gehackt“, erinnert sich Hege-Bettac schmunzelnd an ihre Kindheit. Derzeit ist der Münchhof an Petra Schmidt-Nekes und ihren Mann Rainer vermietet. Sie genießen die idyllische Lage und „sind froh in einem Haus voller Geschichte zu leben“. Info Näheres zu Mennoniten und dem Täuferspuren-Projekt: Mennonitischer Geschichtsverein, Telefon 06352/ 700519, E-Mail: mennoforsch@t-online.de, Homepage: www.mennonitischer-geschichtsverein.de, www.facebook.com/taeuferspuren.rheinland.pfalz.
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