Kreis Kaiserslautern
Turmfalken sind anpassungsfähige Kulturfolger
Im Frühjahr 2020 machten Nachbarn Vater Kronibus darauf aufmerksam, dass die Fensternische am Giebel auf der Südseite seines Hauses in Alsenborn des Öfteren von Turmfalken angeflogen werde. Der Senior erkannte sofort, dass das nur 20 Zentimeter dicke Fenstersims zu schmal war, um eine Falkenbrut aufzunehmen. Kurzerhand ließ er vom Schreiner nach einem selbst entworfenen Plan einen Zweikammern-Verschlag aus Spanplatten anfertigen, den er hinter der Giebelöffnung befestigte. Vom Speicher her gewährt eine Plexiglasscheibe Einblick in den mit Hobelspänen bestreuten Nistkasten. Mittels einer hinter der Scheibe angebrachten Kamera kann Micha Kronibus seither Fotos und Videos von dem Geschehen im Falkenhorst aufnehmen – eine sehr spannende Angelegenheit, wie der Junior lächelnd verrät.
Bereits im ersten Jahr seien eindrucksvolle Aufnahmen gelungen: Das aus vier braungefleckten Eiern bestehenden Gelege wurde bis Ende Mai überwiegend vom Weibchen allein ausgebrütet und die Küken danach noch einige Tage von der Mutter „gehudert“. In dieser Zeit schaffte das Männchen fleißig Nahrung – überwiegend Mäuse – herbei. Im darauffolgenden Jahr schlüpften aus sieben Eiern sechs Küken. Micha Kronibus fand es besonders beeindruckend, wie die Mutter dabei Geburtshilfe leistete: Zunächst habe sich das Weibchen rüttelnd auf ein einzelnes Ei gesetzt. Dann sei vom Küken die Schale von innen her aufgebrochen worden. Zuletzt habe die Mutter das Junge mit dem Schnabel herausgezogen. Derselbe Vorgang wiederholte sich, bis am dritten Tag auch das letzte Küken von der Schale befreit war. Später habe die Mutter die Eierschalen mit dem Schnabel klein gehackt. Die Jungtiere hätten bereits ab dem 13. Juni erste Flugversuche unternommen und seien nach dem Flüggewerden noch einige Zeit in unregelmäßigen Abständen in die Nisthöhle zurückgekommen.
Auch ein Taubenpärchen hat Interesse
Schon 2021 bemerkte Kronibus Junior, dass sich auch ein Taubenpärchen um den Nistkasten auf dem Dachboden bemühte, von den Falken aber verdrängt wurde. In diesem Jahr seien die Tauben schneller gewesen und hätten schon Ende Februar/Anfang März mit der Eiablage und Brut in der Box begonnen. Als in der Folgezeit die Falken ebenfalls zurück kamen, waren bereits zwei Taubenküken geschlüpft. Wenige Tage später seien sowohl die Taubeneltern als auch die Küken verschwunden gewesen. Am 14. Mai lag dann das erste Falkenei im Horst, fünf Tage später waren es vier; Klaus und Micha Kronibus freuen sich, dass die nächste Turmfalkengeneration wieder bei ihnen herangewachsen ist.
Turmfalkenpaare, die in der Regel ein Leben lang zusammen bleiben, beginnen Ende März/Anfang April mit der Balz. In dieser Zeit ist das typische „ti-ti-ti“ oder „ki-ki-ki“ besonders häufig zu hören. Das etwas kleinere Männchen ist an seinen graublauen Kopf- und Schwanzfedern gut vom oberseitig durchgehend braun gefärbten Weibchen zu unterscheiden. Die Aufforderung zur Paarung geht üblicherweise vom Weibchen aus. Nach vollzogener Begattung bietet das Männchen seiner Partnerin eine im Horst deponierte Beute, zumeist eine Maus, als Brautgeschenk an. Es darf davon ausgegangen werden, dass im Alsenborner Fall zwei Taubenküken als Hochzeitsmahl verspeist wurden.
Beute wird mit Nackenbiss getötet
Wie Alfred Klein von der Nabu-Gruppe Weilerbach berichtet, ist der Turmfalke nach dem Mäusebussard der am häufigsten in Mitteleuropa vorkommende Greifvogel. Der Bestand dieser Kurzstreckenzieher, die zum Teil in milderen Regionen Frankreichs überwintern, sei nicht gefährdet. Im Raum Kaiserslautern würden derzeit schätzungsweise 60 bis 100 Brutpaare nisten. Als Lebensraum bevorzuge diese ausgesprochen anpassungsfähige Art offene Landschaften mit Feldgehölzen und Waldrändern, wo geeignete Nistmöglichkeiten und ausreichend Beutetiere vorhanden sind. Wälder meide sie ebenso wie baumlose Steppen. Der Turmfalke ernähre sich hauptsächlich von Feldmäusen, die er beim „Rüttelflug“ aus zehn bis 20 Metern Höhe oder beim Ansitz auf Masten, Weidepfählen und Bäumen erspäht. Aber auch kleinere Singvögel, Eidechsen, Würmer, Heuschrecken und Käfer fänden sich in seinem Beutespektrum. Die mit den Krallen festgehaltene Beute werde durch einen Schnabelbiss in den Nacken getötet, erläutert Klein.
Turmfalken, die selbst keine Nester bauen, nisteten ursprünglich in Höhlen und Spalten von Felsen und alten Bäumen. Als Kulturfolger haben sie mittlerweile aber auch Dörfer und Städte als Lebensräume erobert. Zur Brut nutzen sie hier vorwiegend Öffnungen und Mauernischen in den oberen Etagen älterer Gebäude, an modernen Hochhäusern aber auch künstliche Nisthilfen. Nicht selten übernehmen sie verlassene Nester von Krähen, Elstern und Tauben. Obwohl im urbanen Bereich Kleinvögel nahezu 30 Prozent im Nahrungsmix der Turmfalken ausmachen, sind die kleinen Greife bei der Bevölkerung als „wilde Nachbarn“ außerordentlich gern gesehen, bekennt Klein.
Nur 50 Prozent der Jungvögel überleben erstes Jahr
Turmfalken können bis zu 18 Jahre alt werden. Die Sterberate ist in kalten Wintern am höchsten. 50 Prozent der Jungvögel überleben das erste Lebensjahr nicht. Als Hauptfeinde gelten Marder und Habicht; viele Turmfalken werden aber auch Opfer des Straßenverkehrs. Mitunter kommt es vor, dass Jungvögel aus dem Horst fallen. Zum Schutz vor Feinden, darunter Katzen, können diese laut Alfred Klein wieder in das Nest zurückgelegt werden, sofern das gefahrlos möglich ist.