Bruchmühlbach-Miesau RHEINPFALZ Plus Artikel Mahnende Worte vom Aussteiger aus der Neonazi-Szene

Manuel Bauer hat den Ausstieg aus der Neonazi-Szene geschafft. Am Montag erzählte er in der Adam-Müller-Schule von seinen Erfahr
Manuel Bauer hat den Ausstieg aus der Neonazi-Szene geschafft. Am Montag erzählte er in der Adam-Müller-Schule von seinen Erfahrungen.

Zwölf Jahre lang war Manuel Bauer in der Neonazi-Szene tief verwurzelt. Sein Leben war geprägt von Fremdenhass und Straftaten. Doch er hat den Absprung geschafft. Als Referent warnt er heute Schüler vor den Fängen der ultrarechten Ideologie.

Schwere Körperverletzung und Freiheitsberaubung: Was die meisten nur aus dem Strafgesetzbuch kennen, war für Manuel Bauer ein ständiger Begleiter. Doch nicht als Opfer, sondern als Täter kam er mit solchen Straftaten in Berührung. Stets geleitet von dem Hass auf das Fremde. Ihren Anfang nahm die kriminelle Karriere des Neonazi-Aussteigers in dem sächsischen Ort Polbitz. 1979 zu Hochzeiten der DDR geboren, hat er dort quasi sozialistische Strukturen von der Pike auf gelernt. Das Kollektiv nahm auch bei ihm eine immer größere Bedeutung ein. „Ich war seit meiner Kindheit ein Mitläufer“, beschreibt Bauer sein damaliges Ich vor den Schülern der neunten und zehnten Klassen der Realschule plus Adam-Müller-Schule in Bruchmühlbach-Miesau.

Einfluss des Umfeldes

Genau diese Eigenschaft war es, die ihn in zu einem zutiefst überzeugten Neonazi werden ließ. Durch einen Freund kam er im Alter von elf Jahren erstmals mit dem als „Rechtsrock“ bezeichneten Musikstil in Berührung. Es war der Einfluss seines Umfeldes, der den Weg in die Neonazi-Szene ebnen sollte. „Bei uns haben die meisten gesagt, sie seien rechts, also war ich fortan auch rechts.“ Schließlich habe es nur die Wahl zwischen links und rechts gegeben. Die ihn umgebende Gruppendynamik tat ihr Übriges. Schnell verwandelte sich der Schuppen auf dem elterlichen Grundstück, der fortan den Namen „Zur Glatze“ tragen sollte, zu einem Treffpunkt unter Gleichgesinnten. Nicht selten ertönte daraus mit neonazistischem Gedankengut gepaarte Rockmusik. Bauer fühlte sich wohl, denn man war dort gleich gestrickt. Seine Persönlichkeit war nun eine andere.

Auch die eigene Familie bekam dies zu spüren. Hatte er in seiner Jugend seinen mosambikanischen Onkel zunächst noch verehrt, attackierte er ihn später mit Molotow-Cocktails. Doch nicht nur er selbst, sondern auch andere Familienmitglieder waren in den ostdeutschen Neonazi-Kreisen aktiv. Sein Cousin brachte es darin sogar bis zur Führungspersönlichkeit. Selbst vor einem Überfall auf eine türkische Hochzeit machte man nicht halt. 14 Menschen wurden dabei mit Nägeln verletzt.

Systematisch geschult

All das war ein bis ins Detail durchgedachtes System. „Wir wurden systematisch geschult, wie wir bei solchen Verbrechen gefahrenlos fliehen konnten, ohne uns in Gefahr zu begeben“, schildert der ehemalige Neonazi. Doch die Liste der Straftaten reicht weiter. Moral und Reue waren ihm bis dorthin ein Fremdwort. Selbst eine hochschwangere Frau, die mit ihrem türkischen Freund und der fünfjährigen Tochter spazieren ging, wurde zu seinem Opfer. „Ohne Empathie und Hemmung war es mir egal, was mit ihnen passiert“, gibt Bauer Einblicke in seine damalige Gedankenwelt. Hatte er zuvor den Mann außer Gefecht gesetzt, brachte er die beiden anderen Opfer mit einem gezielten Tritt in den Rücken der Mutter zu Fall. Gemeinsam mit ihrer Tochter lag sie blutüberströmt am Boden. All das, weil sich niemand seiner Überzeugung in den Weg stellte. Daher mahnt er gerade mit Blick auf die sozialen Netzwerke die Schüler, wachsam zu sein und nicht zu schweigen: „Wer rechte Inhalte teilt, der unterstützt.“

Nach einer fast dreijährigen Haftstrafe schaffte Bauer mit Willenskraft und dem Kontakt zu der Beratungsorganisation Exit-Deutschland, die Aussteiger unterstützt, den Absprung. Und wie es der Zufall wollte, traf er im Juni 2020 seinen lange Zeit verhassten Onkel in Stuttgart auf der Straße, mit dem er 1993 aus ideologischen Gründen den Kontakt abgebrochen hatte. „Es war einer der schönsten Tage.“ Der Kontakt hält bis heute. Und die beiden haben noch viel vor: Gemeinsam wollen sie die mosambikanische Heimat des Onkels erkunden. Dafür lernt Bauer gerade Portugiesisch – die dortige Amtssprache.

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