Ramstein-Miesenbach RHEINPFALZ Plus Artikel Autor beschreibt die Flutnacht im Ahrtal

Bei seiner Lesung im Congress Center Ramstein warf Andy Neumann einen Blick zurück auf die Flutnacht im Ahrtal.
Bei seiner Lesung im Congress Center Ramstein warf Andy Neumann einen Blick zurück auf die Flutnacht im Ahrtal.

Ohne Vorwarnung kam die Flut über das Ahrtal. In der Nacht vom 14. auf den 15. Juli 2021 brach eine Katastrophe über die beschauliche Weinregion herein. Zurück blieben Schlamm, unfassbares Leid und viele Jahre harte Arbeit. Andy Neumann nahm am Mittwochabend im Congress Center (CCR) die Besucher seiner Lesung mitten hinein in die traumatische Situation der Flutnacht.

„Es war doch nur Regen?! Protokoll einer Katastrophe“, heißt sein Buch, das im Gmeiner Verlag erschienen ist. Hierin verdeutlicht er auf sehr persönliche Weise, welche Ängste und bis heute andauernden Kämpfe er und seine Familie sowie die Bewohner des Ahrtals durchstehen mussten und müssen. Sehr feinsinnig und auch durchaus mit viel Humor zeigt er sich von einem klaren Willen geprägt: weitermachen!

Für eine Evakuierung ist es längst zu spät

Andy Neumann macht sich keine Sorgen an diesem Abend. Niemand hat gewarnt, und er ist davon überzeugt, dass Warnungen erfolgen würden, wenn ernste Gefahr drohe. Ein folgenschwerer Irrtum, den er mit Stunden der Ungewissheit und der Angst bezahlt. Für eine Evakuierung ist es längst zu spät, als das Erdgeschoss seines Hauses in wenigen Minuten mit Wasser vollläuft. Nur noch fünf Treppenstufen trennen die Flut vom Obergeschoss, wohin er sich mit seiner Frau und zwei kleinen Kindern geflüchtet hat. Es bleibt nur Warten und Hoffen. Als der Wasserstand endlich fällt, beginnt Neumann am Morgen danach zu schreiben – zunächst als Selbsttherapie. Er schildert seine ganz persönlichen Erlebnisse während der Flutnacht und in den Wochen danach anhand von Facebook-Postings. Über die folgende Zeit hinweg verfasst er sein Protokoll einer Katastrophe. So entstand das Buch in nur sechs Wochen und landete sogar auf Platz eins der Spiegel Bestsellerliste „Sachbuch Taschenbuch“. Der komplette Erlös aus dem Verkauf des Buches geht an die Opfer der Flutkatastrophe, sagt Neumann.

Ehrlich, eindrücklich, emotional und mit der Fähigkeit, die Besucher der Lesung bei all dem Chaos und der Ernsthaftigkeit der Situation auch hin und wieder zum Lachen zu bringen, schildert der Autor sein Erleben. Mit seiner Gitarre und melodischer Stimme setzt Neumann während der zweistündigen Lesung ansprechende musikalische Akzente. Das Lied von Marius Müller-Westernhagen „Ich bin wieder hier“ hat er auf das Ahrtal umgetextet.

Deutliche Kritik an der Politik

Neumann spart auch nicht mit deutlicher Kritik am Politikbetrieb. Die Staatsanwaltschaft Koblenz ermittelte gegen den ehemaligen Landrat des Kreises Ahrweiler, Jürgen Pföhler (CDU). Der Verdacht: fahrlässige Tötung und Körperverletzung im Amt durch Unterlassen. Ende Oktober wird dieser nun in den Ruhestand versetzt. Neumann ist überzeugt, dass Pföhler „massivste Fehler begangen hat“. Der Autor vermisst „ein Minimum an Einsicht, damit Verbesserung möglich ist“.

Unter den Zuhörern befindet sich Matthias Prottung aus Kindsbach. Er findet die Lesung „sehr beeindruckend“. Dennoch teilt er nicht uneingeschränkt die Kritik Neumanns. „Es wusste doch keiner wirklich, was zu tun war“, meint Prottung. Doch Neumann wäre kein versierter Beamter beim Bundeskriminalamt (BKA), wenn er nicht mit einem derartigen Szenario, wie dem in der Flutnacht, vertraut wäre. „Das Katastrophenschutzzentrum für Deutschland befindet sich in Ahrweiler. Jeder hat dort schon geübt. Nur der Kreis Ahrweiler nicht.“ Er findet in seinem Buch „Vergiss mal nicht! Eine Denkschrift“ deutliche Worte und kritisiert den aktuellen Politikbetrieb. „Wir brauchen wieder eine nennenswerte politische Fehlerkultur“, ist Neumann überzeugt. „Dadurch verhindern wir, dass wir Menschen an Parteien verlieren, die eigentlich auf den Müllhaufen der Geschichte gehören.“

Der Autor

Andy Neumann wurde 1975 in Neuwied geboren. Er begann 1995 seine Ausbildung zum Kommissar beim Bundeskriminalamt und war anschließend neun Jahre lang als Ermittler im Terrorismusbereich tätig. Von 2008 bis 2010 absolvierte er das Masterstudium an der Deutschen Hochschule der Polizei in Münster. Im Rahmen seiner Vorstandstätigkeit für den Bund Deutscher Kriminalbeamter veröffentlichte er zahlreiche wortstarke Stellungnahmen und gab Interviews – unter anderem für Spiegel Online, die Welt und Bild online. In seiner Freizeit ist er leidenschaftlicher Musiker. Er ist verheiratet und Vater zweier Kinder. Neumann lebt mit seiner Familie im Ahrtal und will dies auch weiterhin tun.

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