Kreis Germersheim
Patienten stehen vor geschlossener Bereitschaftsdienstpraxis
Der Zugang zu den Kliniken ist wegen der Corona-Pandemie schon seit März beschränkt, selbst Angehörige können Patienten nur noch in absoluten Ausnahmefällen besuchen. Deshalb müsse sich Patienten anderer Praxen, zu denen auch die Bereitschaftsdienstzentrale zählt, am Empfang der Klinik anmelden. Dabei sei aufgefallen, dass einige Patienten in die BDZ Kandel wollten, teilte die Klinik mit. Doch diese ist seit Ostern geschlossen. „In diesen Fällen haben wir dann über die Nichtbesetzung informiert.“ Die Patienten mussten dann an die Standorte Germersheim oder Landau ausweichen.
Offiziell kommuniziert hatte die Kassenärztliche Vereinigung (KV) weder die Schließung der Bereitschaftsdienstzentrale in Kandel, noch die Einschränkung der Öffnungszeiten in Germersheim. Nun hat sich die KV gegenüber dem Parlamentarischen Staatssekretär Thomas Gebhart (CDU) auf dessen Anfrage hin zu den Hintergründen geäußert.
In dem Schreiben verweist die Kassenärztliche Vereinigung auf die derzeitigen Herausforderungen. Vor diesem Hintergrund seien in den vergangenen Wochen bislang rund 50 Corona-Ambulanzen im Land initiiert worden. Eine solche Ambulanz befindet sich zum Beispiel seit 30. März im Bürgerhaus Jockgrim.
Corona-Ambulanzen und Hausbesuche
Außerdem wurde ab 11. März von der KV landesweit ein Hausbesuchsdienst eingerichtet. Das bedeutet, dass Patienten, die als möglicher Corona-Verdachtsfall eingestuft wurden, aber nicht mobil sind, Besuch von Ärzten bekommen. Diese sind mit Schutzkleidung ausgestattet und führen zu Hause den Coronavirus-Test durch. Der Einzugsbereich der BDZ Kandel werde ebenfalls von diesem Fahrdienst abgedeckt, heißt es in dem Schreiben an Gebhart.
Die KV hat den Auftrag, auch in sprechstundenfreien Zeiten, die ärztliche Versorgung für gesetzlich Versicherte sicherzustellen. Der Bereitschaftsdienst ist auch der erste Ansprechpartner für Patienten, wenn die Arztpraxen geschlossen sind.
Doch die Schließung der Bereitschaftsdienstzentrale in Kandel habe „trotz größter Anstrengungen“ nicht abgewendet werden können. Die Erklärung der Kassenärztlichen Vereinigung: Am Standort Kandel sei, wie auch an anderen Standorten üblich, medizinisches Personal oft auf geringfügiger Basis beschäftigt. Dabei werde oft noch eine Tätigkeit bei einem Hauptarbeitgeber ausgeübt.
Mitarbeiter in Quarantäne
Nun hätten die Mitarbeiter nicht mehr in ausreichendem Maße zur Verfügung gestanden, zum Beispiel, weil sie sich wegen des Verdachts auf eine Infektion mit dem Coronavirus in häuslicher Quarantäne befanden. Oder weil der Hauptarbeitgeber nun selbst auf das Personal angewiesen war. Die so entstandenen Lücken im Dienstplan waren laut KV nicht mehr kompensierbar. Allerdings habe man „intensive Anstrengungen“ unternommen um sicherzustellen, dass die Bereitschaftspraxis in Germersheim die ganze Woche geöffnet bleibt.
Die Schließung der Praxis in Kandel sei „lediglich vorübergehender Natur und alleine den Auswirkungen der Covid-19-Pandemie geschuldet“, heißt es in dem Schreiben an den Staatssekretär. Die KV werde sich dafür einsetzen, kurzfristig medizinisches Personal für den Standort zu gewinnen.
Politik für Standort Kandel
Auch die Kandeler Kommunalpolitik wurde von der Schließung der Praxis überrascht. Stadtbürgermeister Michael Niedermeier (CDU) hatte über Umwege davon erfahren und sich schon in einem Schreiben an die KV für den Erhalt der Praxis eingesetzt. Auch Verbandsbürgermeister Volker Poß (SPD) war weder von der Kassenärztlichen Vereinigung, noch vom rheinland-pfälzischen Gesundheitsministerium informiert worden. Die Schließung war erst öffentlich geworden, als Gesundheitsministerin Sabine Bätzing-Lichtenthäler (SPD) in einem Brief Landräte und Oberbürgermeister über ein Telefonat mit der KV informiert hatte.
„Es ist gut, dass die Kassenärztliche Vereinigung sich klar für den Standort Kandel auch in der Zukunft ausgesprochen hat und ihn als wichtig erachtet“, schreiben Stadtbürgermeister Niedermeier und Staatssekretär Gebhart in einer gemeinsamen Pressemitteilung.
Verbandsbürgermeister Poß mahnt indes zur Wachsamkeit: Der Standort Kandel stand zuletzt 2012 auf der Kippe. Damals wäre die Bereitschaftsdienstzentrale fast geschlossen worden, es gab unter anderem eine Unterschriftenaktion für ihren Erhalt. „Das darf nur vorübergehend sein, die Bereitschaftsdienstzentrale muss wieder in Betrieb genommen werden“, sagt Poß.
Einwurf: Verantwortungslos
Ärzte und medizinisches Personal sind während der Corona-Pandemie bis zum Anschlag belastet. Deshalb hat wohl Jeder Verständnis dafür, wenn derzeit Dienste eingeschränkt werden müssen.
Hochgradig ärgerlich ist es jedoch, wenn eine Bereitschaftsdienstpraxis heimlich, still und leise geschlossen wird. Keine offizielle Mitteilung an Verwaltung, Politik oder Presse, selbst die Gesundheitsministerin muss nachfragen.
Die Kassenärztliche Vereinigung ist dafür verantwortlich, dass Kassenpatienten außerhalb der Sprechzeiten ärztlich versorgt sind. Dazu müssen die Patienten auch wissen, wo sie Hilfe bekommen. Vor diesem Hintergrund ist die Informationspolitik der KV hinsichtlich der Praxisschließung schlicht verantwortungslos.