Kandel RHEINPFALZ Plus Artikel Im Sommer soll neue Grundschule im Wald öffnen

Das Klassenzimmer soll unter freiem Himmel sein. Zum Bauwagen des Waldkindergartens soll noch einer für die Naturschule hinzukom
Das Klassenzimmer soll unter freiem Himmel sein. Zum Bauwagen des Waldkindergartens soll noch einer für die Naturschule hinzukommen.

Mit einem achtsamen Pädagogikkonzept möchte der Verein Naturkindergarten Bienwald im kommenden Schuljahr eine neue private Grundschule starten. Für den Unterricht im Freien sind noch Erstklässler willkommen.

A wie Ast und B wie Blatt. Das Alphabet können Kinder im Wald wunderbar lernen. Wenn sie in der Natur, wo sie ohnehin gerne sind und spielen, die vertrauten Dinge mit Wörtern benennen und sich deren Anfangsbuchstaben vergegenwärtigen, dann „begreifen“ die jungen Menschen das alles auf ganz intensive Weise. Denn sie können die Dinge ja anfassen. Und wenn sie sie einsammeln, haben so sogar noch die nötige Portion Bewegung dabei. Da freut sich das Gehirn und bastelt fleißig neuronale Verschaltungen, die allesamt mit der emotionalen Erfahrung verknüpft sind, draußen im Wald die Welt kennenzulernen.

So oder so ähnlich ist das pädagogische Konzept angelegt, nach dem im September die neue private Naturschule Kandel eröffnen will. Mit großem Zuspruch hat der über 100 Mitglieder starke Verein Naturkindergarten Bienwald in den letzten Jahren den gleichnamigen Kindergarten betrieben. „Die Resonanz der Kinder und Eltern war so gut, dass wir gerne mit einer Schule den Weg weitergehen wollen“, sagt Vorstand Heinrich Reich. Der Verein wird deshalb Träger der neuen Schule, für die bereits ein paar Kinder angemeldet sind. Damit der erste Klassenjahrgang auf seine acht bis zwölf Kinder kommt, werden noch Interessierte gesucht, vor allem Eltern, die sich für das innovative Schulmodell begeistern.

Erst- bis Viertklässler sollen gemeinsam lernen

Der Wald taugt als Lernumgebung bestens, nicht nur für die Sachkunde, sondern vorrangig auch fürs Rechnen, Schreiben, Lesen. Davon ist der zukünftige Lehrer Johannes Heinz überzeugt: „Man kann im Wald alles lernen!“ Ihm ist das ganzheitliche Lernen wichtig und dass man als Lehrkraft möglichst sparsam mit Verboten umgeht und stattdessen auf die Impulse des jeweiligen Kindes eingeht. Dann sei die Aura fürs Lernen ideal. Die Lehr- und Erziehungsziele der freien Naturschule Kandel werden sich am Rahmenplan für Grundschulen in Rheinland-Pfalz orientieren. Unterrichtet wird in jahrgangsübergreifenden Lerngruppen für die Klassenstufen 1 bis 4, das heißt, langfristig werden vom Erst- bis Viertklässler alle in Gemeinschaft lernen. Ab und an vielleicht auch in einzelnen Gruppen. Johannes Heinz will es mit Achtsamkeit und pragmatisch angehen, wie gesagt: Auf die Impulse der Kinder kommt es ihm an.

Auch Heinrich Reich und Johannes Heinz haben ihren Impuls. Sie sind enttäuscht über „das Schulsystem“, das ihrer Meinung nach hinterherhinke, weil es viele seit Jahren bekannte Erkenntnisse der Erziehungswissenschaften nicht umgesetzt habe. Doch mit Schimpfereien halten sich beide zurück. Sie schauen lieber optimistisch aufs eigene Projekt. 250 Euro pro Monat müssen Eltern für ihre Sprösslinge bezahlen. „Wir erhalten erst nach drei Jahren staatliche Förderung und müssen bis dahin alles selbst finanzieren“, sagt Vereinsschatzmeisterin Daniela Frey.

Klassenzimmer unter freiem Himmel

Viele Außenstehende wiederum können sich das alles nicht so recht vorstellen: Es wird in der Naturschule kein Schulgebäude und keinen Klassenraum im herkömmlichen Sinne geben. Man wird viele Exkursionen im Bienwald unternehmen. Angedacht ist, eine Art Waldklassenzimmer unter freiem Himmel zu entwickeln. Ob die Kinder dort dann einen festen Sitzplatz an einem Schreibtisch haben werden, ist aber noch offen. Bei schlechter Witterung gibt es den Bauwagen; einen hat bereits der Kindergarten, ein weiterer soll angeschafft werden. Klar ist, dass die Naturschule für alle Beteiligte ein Abenteuer wird, auf das man sich neugierig einlassen muss. Das fängt dann auch mit der Frage an, was für ein passendes Ding im Wald sich denn für Buchstabe C finden lässt?

Gemeinschaftliches Lernen wollen die Verantwortlichen fördern, wie im Waldkindergarten.
Gemeinschaftliches Lernen wollen die Verantwortlichen fördern, wie im Waldkindergarten.
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