Dirmstein
Nach 175 Jahren: Chor verstummt für immer
Überalterung und Umsatzeinbrüche: Das sind die Gründe, die aus Sicht der Vorsitzenden Carla Petermann zur Vereinsauflösung geführt haben. Vor zehn Jahren hatte der Liederkranz-Chor noch 270 Mitglieder, heute sind es 80, das Durchschnittsalter liegt bei 75,3 Jahren. Ein Zuwachs sei nicht abzusehen.
Die Auflösung wurde zeitweise heftig diskutiert. Mit Hinweis auf eine vergleichbare Krisensituation in den 1920er Jahren, die der Verein auch gemeistert habe, beantragten Manfred Zaun und Fritz Raudasch, die Vereinstätigkeit erstmal nur für zehn Jahre ruhen zu lassen. „Ältere Vereine sterben aus, diese Kultur ist vorbei“, meinte Carla Petermann in der Sitzung dazu. Im Hinblick auf Repertoire, künstlerisches Konzept und Arbeitsweise könne man mit den jungen Chören nicht mithalten. „Es ist kein Wunder in Sicht“, sagte sie. Die Ruheoption würde eine Satzungsänderung erfordern, was „ein bürokratischer Akt von großem Aufwand“ sei.
Anfänge im 19. Jahrhundert
Der Liederkranz wurde 1847 als Männergesangverein gegründet, ein Frauenchor kam 1996 hinzu. Für kurze Zeit hat es vorübergehend auch einen jungen Chor und einen Kinderchor gegeben. Seit 2015/16 firmierte der Liederkranz als gemischter Chor mit überwiegend Frauen- und lediglich drei Männerstimmen. Bedingt durch Corona hat der Liederkranz 1847 seine letzte Singstunde am 11. März 2020 abgehalten. Während der Pandemie habe es keine Singstunden, keine Konzerte und damit auch keine Einnahmen gegeben, die zusätzlich zu den sehr geringen Mitgliedsbeiträgen die Kasse hätten füllen können. Demgegenüber schlügen Finanzposten wie Raummiete, Energiekosten, Versicherungen und Verbandsbeiträge weiterhin zu Buche. Um Geld zu sparen, wurde der Honorarvertrag mit Dirigent Alwin Dinges (im Amt seit 2006) zu Beginn der Pandemie bereits aufgelöst.
Zwar seien seit kurzem wieder Singstunden möglich, doch hätten sich die Mitglieder aus Angst vor Covid-19-Ansteckungen abwartend verhalten, der Zuspruch sei ausgeblieben. In seiner Not im Stich gelassen fühle sich der Verein von seinen übergeordneten Verbänden. Eine Anfrage beim Pfälzer Sängerbund, was für eine Abwicklung zu tun sei, habe keine Hilfe erbracht. Ebenso wenig gebe es beim Deutschen Sängerbund „eine Blaupause für Vereinsauflösungen“.
Historische Relikte werden ausgestellt
Mit Beschluss vom 24. Mai soll der Verein nun binnen Jahresfrist aufgelöst werden. Auf einer außerordentlichen Mitgliederversammlung stimmten 19 der 21 anwesenden Mitglieder dafür. Um Mobiliar, Instrumente und Notenblätter zu veräußern, soll ein Flohmarkt am Wiegehäuschen stattfinden. Mitgliederbeiträge werden nicht mehr erhoben. Verbliebenes Geldvermögen geht an die Gemeinde und dürfe vom Empfänger nur für soziale Zwecke ausgegeben werden. Historische Relikte wie Vereinsfahnen und Jubiläumsschriften sollen der Gemeinde als Schaustücke geschenkt werden.
Die Liederkranz-Auflösung in Dirmstein hat auch bei Chören im Frankenthaler Umland Betroffenheit ausgelöst. „Das Chorsterben ist ein Zeichen der Zeit“, sagt Peter Weißmann. Er leitete die Geschicke des MGV Gerolsheim, bis dieser sich 2019 wegen Überalterung und fehlendem Nachwuchs auflöste. „Am Ende waren wir noch zehn Sänger, dann war Schluss.“ Seiner Beobachtung nach gebe es wenig Interesse, Traditionsvereine am Leben zu erhalten. Er selbst habe Leute persönlich angesprochen, um sie fürs Mitsingen im Chor zu gewinnen, ohne Erfolg. Viele hätten heutzutage wenig Lust, sich an einen Verein zu binden. Und bei Lehrermangel in Grundschulen werde zuerst der Musikunterricht gestrichen. Eine ganze Generation wachse so ohne Singen auf.
Konzepte neu erfinden
Dass Sänger wegsterben, hat auch Gerdi Schäfer erlebt. Sie leitet die Chorvereinigung Bobenheim-Roxheim, die 2017 aus dem Volkschor 1900 Roxheim und der Chorgemeinschaft 1844 Roxheim hervorgegangen ist. „Mit 25 Stimmen ist unser Männerchor derzeit nicht singfähig“, sagt Schäfer. Dennoch schreibt die Chorgemeinschaft seit Jahren gegen den Trend ihre eigene Erfolgsgeschichte mit drei spezifischen Abteilungen: Unterm Dach der Chorgemeinschaft singen neben dem Männerchor 1844 der Gospelchor voices@heaven und der Shantychor Die Landratten. Mit einer Tanzgruppe für Squaredance, Linedance und Folklore ist 2021 eine vierte Abteilung dazu gekommen. Im Aufnahmeverfahren befinde sich gerade eine siebenköpfige noch namenlose Band, die ab September proben will.
„Das Vereinssterben kann man nicht aufhalten“, meint Manfred Sippel, Vorsitzender der Männerchorgemeinschaft Beindersheim-Dirmstein-Heßheim, die 2016 aus GV Liederkranz Beindersheim, MGV Liederkranz Dirmstein und MGV Liederkranz Heßheim gegründet wurde. Der gesellschaftliche Aspekt, den Vereine als soziales Auffangbecken leisteten, werde oft unterschätzt. Projektchöre hätten oft nur eine kurze Lebensdauer von ein bis zwei Jahren. Brächen in Traditionsvereinen Sänger weg, dann seien es oft finanzielle Gründe, die einen Verein in Schieflage geraten ließen. Der Liederkranz Heßheim stehe mit einem eigenen Vereinsheim, einer von Sängern betriebenen Gastronomie sowie Mieteinnahmen finanziell recht gut da. Drei bis vier Großveranstaltungen pro Jahr spülen Geld in die Vereinskasse.
Chorprojekt für Vorderpfalz?
In jedem Ort eigenständige Männerchöre am Laufen zu halten ist laut Sippel schon lange nicht mehr möglich. Die Sänger seiner Männerchorgemeinschaft kämen mittlerweile aus einem Dutzend Ortschaften, darunter Frankenthal und Grünstadt. Auch einige Dirmsteiner Liederkranz-Sänger seien bereits dabei. Damit Chöre überleben, müsse man den Kreis größer ziehen. Sippel denkt dabei an ein auf die gesamte Vorderpfalz ausgerichtetes Chorprojekt.