Breitensport RHEINPFALZ Plus Artikel Im Tippelschritt zum Fußballplatz

Einlaufen in der Abendsonne: Rainer Schanné (rechts) erklärt Maria Huber, worauf sie beim langsamen Laufen achten sollte.
Einlaufen in der Abendsonne: Rainer Schanné (rechts) erklärt Maria Huber, worauf sie beim langsamen Laufen achten sollte.

Ausprobiert: Slow Jogging? Was ist das? Langsam Joggen im Seniorentempo? Das kriege ich hin. Dürfte in etwa das Tempo sein, das ich auch sonst laufe, dachte sich RHEINPFALZ-Redakteurin Maria Huber, meldete sich an zum Schnuppertraining beim VfB Reichenbach und merkte schnell, dass sie sich böse getäuscht hatte. Sie lernte einen neuen Laufstil, Laufen nach Takt, mittendrin in einer Gruppe, in der alle Spaß haben und zumindest für Anfänger der Muskelkater gratis ist.

Hab ich den Mund zu voll genommen? Ein wenig Bammel hab ich schon, als ich an jenem Abend im Auto sitze und nach Steegen fahre. Aber aus der Nummer komme ich jetzt nicht mehr raus. Mark Rheinheimer vom Vorstand des VfB Reichenbach hatte sich gemeldet, nachdem er in der RHEINPFALZ am Sonntag einen Bericht über Slow Jogging gelesen hatte, hatte erklärt, dass es das bei seinem Verein schon lange gäbe und hat mich eingeladen, das Angebot mal vorzustellen. Ich nahm Kontakt mit Rainer Schanné auf, dem Übungsleiter, der sich in Lehrgängen in dem Bereich weitergebildet hat und regelmäßig mit einer Gruppe des VfB slow joggt. „Ich laufe da mal mit“, hatte ich großspurig angekündigt. „Wir laufen etwa sieben Kilometer, brauchen dafür eine knappe Stunde“, hatte er erklärt und sofort angeboten, mich mitzunehmen und mir ein bisschen was über den Sport zu erzählen.

Sieben Kilometer, eine Stunde, rechne ich im Kopf durch. So langsam klingt das nicht. Und eine Stunde am Stück war ich schon länger nicht mehr Joggen. Bei mir ist momentan nach einer knappen halben Stunde schon die Luft raus. Hoffentlich halte ich das durch in einem Tempo, das auf jeden Fall schneller als Wandern ist.

Einweisung am Parkplatz

Es ist 17.15 Uhr, 15 Minuten, bevor das Training losgeht. Schanné hat mich gebeten, etwas früher zu kommen, damit er mir noch ein bisschen was erklären kann. Er sieht fit aus, wie er da in der engen Laufhose und mit Leuchtjacke auf dem Parkplatz am Raiffeisenturm in Steegen steht und sich schon mal dehnt. Er begrüßt mich freundlich und holt ein paar Karteikärtchen und Zeichnungen aus dem Auto. „Damit ich nichts vergesse“, murmelt er erklärend. Und begrüßt eine zweite neue Mitläuferin, Pia, die eigentlich zur Runninggruppe gehört, aber mal reinschnuppern will. Dass der Laufstil beim Slow Jogging ein ganz anderer ist und wie er aussieht, ist auch für sie neu.

Der Übungsleiter erklärt, was das Besondere ist: „Mittelfußlauf, das ist für viele eine Umgewöhnung.“ Der Läufer landet auf dem Mittelfuß, dem Vorder- und Mittelteil des Fußes, „nicht mit der Ferse, wie wir es sonst tun. Das geht auf die Achillesferse, wenn man es nicht gewohnt ist“, warnt er und fährt fort mit seinen Erklärungen: „Die Körperhaltung ist aufrecht, das Kinn ist leicht nach oben gerichtet, der Blick geht Richtung Horizont. Der Atem fließt natürlich.“

180er Pace

Und dann ist da noch die Sache mit dem Laufrhythmus. „Wir laufen mit 180er Pace“, sagt Rainer Schanné, und ich verstehe nur Bahnhof. Er aktiviert eine App auf seinem Handy und aus dem Lautsprecher kommt ein regelmäßiges Klacken. Es gibt den Rhythmus vor, mit dem wir die Füße aufsetzen sollen, erklärt er. Und langsam verstehe ich: Der Taktgeber ist eine Art Metronom, BPM heißt Beat per Minute, also Schlag pro Minute, und Pace ist die Geschwindigkeit, mit der wir laufen. Rainer Schanné macht vor, wie’s geht, fordert uns auf, mitzumachen. Pia und ich tippeln auf der Stelle. Und ich stelle fest: Der Rhythmus ist richtig schnell. Weil unser Lauftempo aber langsam sein soll, heißt das, wir machen ganz viele Tippelschritte in hohem Tempo. Klingt anstrengend.

Inzwischen hat sich der Parkplatz mit Läufern gefüllt, die mit ihren engen Laufhosen alle fitter und trainierter aussehen als ich mit meiner Schlabberjogginghose.

Start am Turm

20 Leute gehören zur Gruppe, die regelmäßig vom Turm in Steegen aus ihre Runden dreht. Die Truppe ist bunt gemischt, ehemalige Fußballer sind ebenso dabei wie Sportler mit Knieproblemen und andere, die sich einfach fit halten wollen. Um die zehn sind regelmäßig da, treffen sich zweimal pro Woche zum gemeinsamen Slow Jogging, erzählt der Übungsleiter. Manche gehen zusätzlich in den Lauftreff, der sonntagmorgens um 9.30 Uhr startet. Die Hobbyläufer dort kommen in einer Stunde auf zehn Kilometer. Ausreden zählen in keiner der beiden Gruppen. Gelaufen wird auch im Winter, bei Regen und wenn’s schon dunkel ist mit Stirnlampe.

Die Strecke der Slow Jogger ist immer dieselbe. Am Radweg entlang bis zum Fußballplatz und wieder zurück. „Hat den Vorteil, das Gelände ist eben, der Boden fest, da kann man sich auf den Rhythmus und die Fußhaltung konzentrieren“, zählt Schanné auf. Er blickt sich um, lässt den Blick über seine Schäfchen schweifen, dann gibt er das Kommando. Ich laufe mit ihm vorne, damit er meinen Laufstil begutachten und korrigieren kann und damit das Tempo nicht zu schnell wird.

Die Wade zwickt

Aus dem Handy in seiner Hand ertönt der Beat. Der Übungsleiter mustert meine Beine und Füße. „Sieht nicht so schlecht aus“, meint er. Richtig schnell der Rhythmus, denke ich mir. Das Aufsetzen auf dem Mittelfuß ist richtig ungewohnt – und es geht brutal auf die Waden. „Wie soll ich das nur eine Stunde durchhalten?“, rätsle ich leicht verzweifelt vor mich hin. Die Wade spannt. „Du darfst schon hinten absetzen, musst nicht auf den Zehenspitzen laufen“, korrigiert der Übungsleiter. Ich rolle den Fuß nach hinten ab und bin erleichtert. Fühlt sich viel besser an und viel weniger anstrengend. Langsam läuft’s. Ich plaudere mit Pia, die früher wie ich mal Fußball gespielt hat und mit Rainers Frau, die eigentlich lieber walkt, weil das nicht so anstrengend sei wie Slow Jogging, die aber trotzdem gern dabei ist und weiß, dass keine Ausrede zählt, um das Training ausfallen zu lassen. „Nur Eis, Krankheit oder Gewitter“, betet sie runter, was für ihren Man und die übrigen Läufer Gesetz ist.

Rechts und links gleiten Felder vorbei, dann führt der Teerweg durch den Wald. Ein paar Radfahrer kommen entgegen. Ich bin froh, dass ich nicht alleine laufe, weil der Laufstil mit den vielen schnellen Tippelschritten schon sehr ungewöhnlich ist. Viel Wirbel, und man kommt nicht wirklich vorwärts, fühlt sich aber anstrengend an. Die Radfahrer grüßen fröhlich. In Steegen kennt jeder jeden, und über die Slow Jogger scheint sich da keiner mehr zu wundern.

Technische Pause

Einer der Läufer biegt kurz nach links ab hinter einen Busch – technische Pause. Und ich muss stehenbleiben: Mein Schuhband ist aufgegangen. Ich mache einen Knoten über die Schleife und jogge wieder an mein Grüppchen ran.

„Was ist denn der Unterschied zum Walken, tempomäßig?“, frage ich den Übungsleiter. „Versuch mal zu gehen“, fordert er mich auf. Ich setze die Füße ab, gehe und kann es kaum glauben: Wenn ich schnell gehe, komme ich tatsächlich an das Tempo ran, das wir slow joggen.

Spätestens jetzt wird mir klar: Slow Joggen ist nicht einfach mal nur langsam laufen, sondern richtiger Sport, bei dem man sich anstrengen muss, um eine Strecke zu bewältigen, die man mit weniger Aufwand auch einfacher zurücklegen könnte. Aber die neue Laufart hat was, macht riesig Spaß in der Gruppe – und man merkt dabei tatsächlich nicht allzu sehr, wie sehr man sich anstrengt.

Wir sind am Fußballplatz gedreht und längst auf dem Rückweg. Der Turm ist schon in Sichtweite und ich wundere mich: Ist tatsächlich schon eine Stunde um? „1:05“, verkündet Rainer Schanné. Ich bin beeindruckt und hab dieses herrliche Gefühl, mir und meinem Körper was Gutes getan zu haben. Am nächsten Tag, als es an ganz ungewöhnlichen Stellen zieht, bereue ich es mal, aber nur kurz. Und erwische mich dabei, wie ich nachdenke: „Wenn es nicht so weit nach Steegen wäre, würde ich da tatsächlich öfter mitlaufen. Hat Spaß gemacht.“

Kontakt

Wenn Sie Slow Jogging einmal ausprobieren wollen, nehmen Sie am besten Kontakt mit dem Vorsitzenden des VfB Reichenbach-Steegen, Rainer Schanné, auf, Telefon 0172 6185389, E-Mail info@vfbreichenbach.de. Zweimal pro Woche machen sich die Slow Jogger unter seiner Regie auf den Weg, starten am Raiffeisenturm in Steegen und drehen ihre etwa einstündige Runde. Für Anfänger gibt es eine ausführliche Einführung. Sie können langsam einsteigen, früher aussteigen und jederzeit Gehpausen machen. Schanné hilft ihnen mit Videos, die er beim Laufen dreht, den richtigen Laufstil zu erlernen und sich gelenkschonend, aber effektiv fortzubewegen.

x