Bockenheim Vortrag über die Entstehungsgeschichte der Weinstraße

Ein Tor aus Pappmaschee wurde in Grünstadt auf der Asselheimer Straße im Oktober 1935 zur Eröffnung der Weinstraße aufgestellt.
Ein Tor aus Pappmaschee wurde in Grünstadt auf der Asselheimer Straße im Oktober 1935 zur Eröffnung der Weinstraße aufgestellt. In Schweigen gab es damals ein Pendant aus Holz. Das dortige Steintor wurde ein Jahr später gebaut.
Zeitzeuge: Willi (Wilhelm) Benß aus Bockenheim hat als Neunjähriger die Eröffnung miterlebt.
Zeitzeuge: Willi (Wilhelm) Benß aus Bockenheim hat als Neunjähriger die Eröffnung miterlebt.
Eberhard Dittus ist Referent des Abends.
Eberhard Dittus ist Referent des Abends.

Am 19. Oktober vor 85 Jahren wurde mit einem Festakt in Bad Dürkheim die Deutsche Weinstraße eröffnet. Ein Erfolgsprojekt, das auch eine dunkle Seite hat. Die Entstehungsgeschichte wird unter dem Titel „Der Coup des Gauleiters“ bei einer Veranstaltung in Bockenheim beleuchtet.

Referent des Abends am 29. Oktober im Haus der Deutschen Weinstraße (HdW) ist Eberhard Dittus, Vorsitzender des Fördervereins Gedenkstätte für NS-Opfer in Neustadt. Sein Ziel ist ein ehrlicher Umgang mit der Geschichte. Er will aufklären und aufzeigen, was hinter der Aktion von NS-Gauleiter Josef Bürckel stand und wie sie aus heutiger Sicht zu bewerten ist.

Fanatischer Judenhasser

In nur wenigen Monaten wurde 1935 die Weinstraße realisiert, um den Winzern zu helfen, die nach übergroßen Ernten und auch wegen der Ausschaltung jüdischer Weinhändler Absatzprobleme und daher große finanzielle Sorgen hatten.

Dittus zeigt zur Veranschaulichung den Film über die Historie der Deutschen Weinstraße der Wachenheimer Journalistin Julia Melan, den sie vor fünf Jahren zum 80. Jubiläum der Touristikroute für den Südwestrundfunk produziert hat und in dem bis dahin unveröffentlichtes Material verwendet wurde. Deutlich wird in dem Streifen auch herausgearbeitet, dass Bürckel ein fanatischer Judenhasser war.

Kenner der pfälzischen Geschichte kommen zu Wort, ordnen die Fakten ein, auch Dittus gehört dazu. Sogar ein Zeitzeuge berichtet in dem 30-Minuten-Film von der Eröffnung der Weinstraße: Der Winzer Wilhelm Benß aus Bockenheim lief am 20. Oktober 1935 als Neunjähriger mit, als an jenem Sonntag der Gauleiter und ein Tross aus 300 Kraftfahrzeugen durch Klein- und Großbockenheim fuhren und alle jubelten. Bürckel und seine Begleiter waren in Schweigen gestartet, und ihre Tour glich einer Triumphfahrt.

Zeitzeuge eingeladen

Der heute 94-jährige Benß ist für den 29. Oktober ins Weinstraßenhaus eingeladen, informiert Beatrix Kraml, Sprecherin der Gruppe Bockenheimer-Kultur-Auslese, die den Abend organisiert hat. Falls Benß sich an diesem Tag wohl fühle, werde er sicherlich kommen. Für Kraml ist die Veranstaltung ein weiterer Beitrag zur lebendigen Geschichte Bockenheims, zu der auch die jüdische Vergangenheit gehöre.

Das Brückenrestaurant des 1995 gebauten HdW, das als nördliches Ende der Route zum Thema passe, biete mehr Platz als das Blaue Rathaus, aus dessen Förderverein sich die Kultur-Gruppe gebildet hat. Bis zu 40 Personen habe das Ordnungsamt für den Abend zugelassen, bei dem selbstverständlich die Corona-Regeln eingehalten würden, betont Kraml.

Anmeldung erforderlich

Wer teilnehmen möchte, muss einen Platz reservieren lassen. Anmeldezettel für die Veranstaltung gibt es im Restaurant des HdW, das dienstags bis freitags ab 15 Uhr und am Wochenende ab 11 Uhr geöffnet hat. Eine Reservierung ist auch per E-Mail möglich an kulturauslese@blauesrathaus.de . Wenn sich deutlich mehr Interessenten anmelden als Plätze zur Verfügung stehen, soll es im Januar oder Februar eine Wiederholung geben, so Kraml.

Termin

„Der Coup des Gauleiters“, Vortrag und Film zur Entstehungsgeschichte der Deutschen Weinstraße, am Donnerstag, 29. Oktober, 19 Uhr, Brückenrestaurant im Haus der Deutschen Weinstraße, Bockenheim.

Zur Person

Der Referent des Abends ist Eberhard Dittus, Jahrgang 1954. Der Religionspädagoge und Diakon war 14 Jahre zuständig für die regionale Friedensarbeit der Evangelischen Landeskirche der Pfalz mit den Schwerpunkten Gedenk- und Erinnerungsarbeit sowie Engagement gegen Rechtsextremismus und Gewalt. Danach war er in der Öffentlichkeitsarbeit des Dekanats Neustadt tätig. Obwohl mittlerweile im Ruhestand, ist er weiterhin Beauftragter der Kirche für Gedenkstätten und Mitglied im Arbeitskreis Kirche und Judentum. Zudem gehört er seit mehr als 20 Jahren zum Sprecherkreis der Landesarbeitsgemeinschaft Gedenkarbeit in Rheinland-Pfalz und ist Vorsitzender der Gedenkstätte NS-Opfer in Neustadt.