Kindenheim / Quirnheim
Und plötzlich tat sich die Erde auf
„Und sie empörten sich wider Mose im Lager, wider Aaron, den Heiligen des Herrn. Die Erde tat sich auf und verschlang Dathan und deckte zu die Rotte Abirams, und Feuer ward unter ihrer Rotte angezündet, die Flamme verbrannte die Gottlosen.“
Ob diese biblischen Worte aus Psalm 16 in theologisch-interpretatorischer Weise auf das Ende Juni entdeckte Auftun der „Kinnremer“ Erde finden können? Wir wollen es nicht gänzlich ausschließen. Schließlich bietet die Bibel immensen Spielraum an allegorischen Deutungsmöglichkeiten solcher Naturphänomene. Unter der Erde jedoch – und das ist allen Religionen zu allen Zeiten gleich – erwartet den Menschen nichts Gutes. So werden in dem Psalm Dathan und Abiran von der Erde verschlungen, dort mit ihren Gefolgsleuten verbrannt: als Strafe für ihre Auflehnung gegen Gott und die von ihm eingesetzten Diener Mose und Aaron.
Unsere Nachfrage bei der Polizeiinspektion ergab jedoch, dass im gesamten Leininger Land keine Fälle gemeldet worden sind, in denen Gottlose von der Bildfläche verschwanden oder zumindest angekokelt wurden. Dies gilt übrigens auch für die „Kinnremer Käskuche“.
Kein Höllenhund zu sehen
Wer sich, wie der Käskuche Kurt Dinger, in der Geschichte seines Heimatdorfs etwas auskennt, weiß, dass – lange vor Psalm 16, weil vor Christi Geburt – der keltische Volksstamm der Mediomatriker im Kindsbachtal lebte, ehe er im letzten Jahrhundert vor Christi vom germanischen Volksstamm der Vangionen verdrängt wurde. In deren Mythologie befand sich unter der Erde das Totenreich der aus Asgard verbannten Göttin Hel. Der Eingang zum Totenreich Helheim wurde demnach schärfstens von Hund Garm bewacht. Bei einer Überprüfung vor Ort war jedoch weit und breit kein Höllenhund zu sehen. Nicht mal ein zahnloser Zwergpinscher. Der Erdrutsch bei Kindenheim ist also auch kein keltischer Höllenschlund. Ergo: Wir nähern uns dem Kinnremer Mysterium nicht mehr mythisch, sondern wissenschaftlich.
Wasser sucht seinen WegIm Zentrum aller physikalischen Erklärungsansätze für das Auftun der Erde steht Wasser. Genauer gesagt: Der Starkregen, der an den Tagen vor der Entdeckung der Einsturzstelle (auch) auf die Kindenheimer Felder niederging. Nicht nur die radelnde Erdloch-Entdeckerin Ruth Schumacher aus Quirnheim weiß von der enormen Kraft des Regens: Wasser sucht sich immer seinen Weg. So auch auf dem Kindenheimer Acker.
Doch nun lief es erstmals und urplötzlich in einem breiten Schwall in den schier unergründlichen Untergrund neben dem Talweg ab. Warum es nicht wie seit ewigen Zeiten über die Oberfläche an den Kinderbach gelangte, sondern den direkten Weg in die Tiefe genommen hat? Offensichtlich, weil es genau an der Stelle in der Tiefe auf geringeren Widerstand stieß als oben auf dem Acker. Aber was wurde da ausgeschwemmt, welcher Stein eventuell vom steten Tropfen ausgehöhlt? Vielleicht lohnt ein Blick in die Geschichte?
Ein versunkenes Dorf?
Wer die Kindenheimer Chronik von Dorfhistoriker Günther Flohn gelesen hat, weiß, dass im Erdloch-Gebiet – westlich von Kindenheim, Richtung Biedesheim – mal Gössesheim lag. Von einem Franken namens Gautzwin oder Gozwin um 500 nach Christus gegründet, sollte die Ansiedlung im Kinderbachtal in ihrer weiteren Geschichte mit dem später gegründeten eigentlichen Kindenheim eng verbunden sein. Jedenfalls bis Gössesheim Jahrhunderte später „versank“, wie Historiker die gewaltsame Zerstörung einer Siedlung nennen.
In einer kriegerischen Auseinandersetzung ums Erbe besiegte Kurfürst Ludwig I. von der Pfalz 1471 den Grafen Emich VII. von Leiningen: Kindenheim und Gössesheim sowie die umliegenden Höfe wurden geplündert, gebrandschatzt und fast vollständig zerstört. Bei der Frage des Wiederaufbaus entschied das Grafenhaus, Kindenheim zu einem befestigten Ort zu machen und Gössesheim aufzugeben.
Warum die Zeitreise: Weil sich die geschichtsbewusste Erdloch-Entdeckerin die – wegen des übereinstimmenden Standorts – berechtigte Frage stellte, ob das vor 650 Jahre versunkene Dorf Ursache für die aktuelle Erdspalte ist: „Eventuell ist das Wasser nach dem Starkregen ja in noch vorhandene Katakomben von Gössesheim geflossen, bevor es im Kinderbach landete?!“ Grund genug, um beim Experten nachzufragen.
Analyse des Geologen
Ein solcher Experte ist Dr. Thomas Dreher, Leiter der Abteilung Geologie vom Geologischen Landesamt Rheinland-Pfalz. Er kennt Erdabgang-Phänomene wie den bei Kindenheim aus seiner beruflichen Erfahrung. Für ihn ist auch klar, dass sich das Wasser nach den umfangreichen Regenfällen dort einen Weg in die Tiefe gesucht hat, weil sich hier etwas auftat.
Anhand der zugemailten Fotos allerdings „spricht die Form eindeutig für einen jungen, künstlichen Hohlraum“, analysiert Dreher. Vielleicht um einen Kanal-Einlauf oder ein Drainage-Rohr. Für eine genauere Diagnose müsste er die Einsturzstelle genauer untersuchen können, wollen oder sollen. Insbesondere bräuchte er dazu einen Auftrag. Und den hat er nicht und wird er garantiert auch nicht erhalten.
Denn die mysteriöse Erdspalte auf dem Gerstenfeld ist inzwischen längst wieder mit Erde verfüllt und stört nicht weiter. Die Ursachenforschung ist also zu Ende. Muss ja auch nicht das Schlechteste sein, wenn noch ein bisschen Raum für Spekulationen und Deutungen bleibt. Die Erdrutsch-Entdeckerin hatte in einem jedenfalls Recht: „Es ist (was für) ein Sommerloch.“
Leser-Theorien
Wer selbst eine (auch nicht ganz ernst gemeinte) Theorie zur Entstehung der Erdspalte bei Kindenheim hat, kann uns die zusenden, und zwar an die E-Mail-Adresse: redgru@rheinpfalz.de.