Grünstadt RHEINPFALZ Plus Artikel „Für die Patienten bleibt oft kaum Zeit“: Hebammen beklagen Arbeitsbedingungen

Sibylle Koopmann, Hebamme am Kreiskrankenhaus, spricht vor Kollegen aus der Pflege.
Sibylle Koopmann, Hebamme am Kreiskrankenhaus, spricht vor Kollegen aus der Pflege.

Die Hebammen am Kreiskrankenhaus haben die „Tour der Pflege“ unterstützt, mit der bessere Arbeitsbedingungen für Pflegepersonal in Kliniken eingefordert wird. Am Mittwoch machte die Protesttour einen Stopp in Grünstadt. Dabei ging es darum, auf Missstände hinzuweisen.

Auf die Radler wartet selbst gebackener „Mutterkuchen“ und eigens angerührtes „Fruchtwasser“ – da sage noch einer, Hebammen könnten nicht über ihren Job lachen. Und dabei gibt es für sie und die meisten Beschäftigten in der Pflege wenig zu lachen, wie aus den Beschreibungen des Arbeitsalltags in den Ansprachen schnell klar wurde. Problem bei allem, was Pflegekräfte und Hebammen gemeinsam bemängeln ist: In deutschen Kliniken gelten Patienten als Fälle, die mit Fallpauschalen abgerechnet werden. Das bedeute für die Kliniken: Immer auf das Geld achten, möglichst keine Zusatzkosten verursachen. Für die Patienten bleibe da oft keine Zeit, keine Chance, dem Pflegeauftrag voll gerecht zu werden.

„Hohe Fallpauschalen nur für schwere Fälle“

Wie weit dies auch die Arbeit in der Klinik pervertiert, machte die Vorsitzende des Hebammen-Landesverbands Rheinland-Pfalz, Ingrid Mollnar, deutlich. „Wenn wir in Kliniken Sätze hören wie: Zwei Frühchen und wir erreichen in der Geburtshilfe eine Kostendeckung, dann können wir ermessen, unter welchem Kostendruck alle stehen, die so etwas äußern“, sagt sie. Niemand wünsche sich Frühchen oder riskante Schwangerschaften. Aber wenn nur noch hohe Fallpauschalen für schwerwiegende Fälle mit möglicherweise ungünstigen Ausgängen den Klinikbetrieb sichern, dann sei das ein deutliches Zeiten dafür, dass im Gesundheitswesen vieles nicht stimme.

Ähnlich äußerte sich Michael Quetting von der Gewerkschaft Verdi, die derzeit den „Pflegeaufstand“ probt und mit verschiedenen Aktionen, wie jetzt auch der Tour der Pflege, auf die Probleme im Arbeitsalltag von Klinikpersonal hinweisen will. „Klar wünschen wir mehr Geld für das Pflegepersonal, aber wir wüschen auch mehr Planungssicherheit für die Mitarbeiter. Montags nicht zu wissen, ob es ein Wochenende für einen selbst gibt, das ist eines der Probleme, das vor allem Berufsanfänger in der Pflege schnell wieder an einen Ausstieg denken lässt“, sagt der Gewerkschafter.

Sibylle Koopmann machte zunächst für die ihre Berufsgruppe geltend, dass Hebammen ein Teil der Pflege sind, was aber gerne vergessen werde. Jeder Gebärenden stünde theoretisch eine Eins-zu-Eins-Betreuung zu, doch selbst von einer Eins-zu-Zwei Betreuung seien die meisten Kliniken weit entfernt. „Bei den Personalberechnungen für Hebammen müssten nicht nur die Geburten berechnet werden, sondern auch die Nebentätigkeiten, die von den Hebammen geleistet werden. Es kann unter Umständen Tage dauern, bis ein Kinde geboren wird und niemand denkt dabei daran, dass wir mindestens zwei Patienten haben, die Mutter und das Kind, oft auch noch den Vater, den wir mitbetreuen“, so Koopmann. Viele Hebammen gingen in fast jedem Dienst an ihre Belastungsgrenzen, kämpfen mit dem Burnout und kehren deshalb ihrem Traumberuf den Rücken zu.

Ausdrücklich nahm die Hebamme dabei das Grünstadter Kreiskrankenhaus aus und bescheinigte ihrem Arbeitgeber, dass die Klinikleitung „sehr guten Willen“ zeige. Das lasse sich auch an den steigenden Zahlen von Geburten in Grünstadt ablesen. Sei früher die Zahl von 500 jährlichen Geburten üblich gewesen, könne in diesem Jahr mit 800 Geburten gerechnet werden, die Zahl von 400 sei bereits vor der Jahreshälfte erreicht worden. Lob hatte Koopmann auch für die Personalsituation in Grünstadt, die im Normalfall eine Betreuung mit 1,5 Hebammen sicherstelle. Es dürfe aber nicht sein, dass Grünstadt die Ausnahme bilde und die personelle Ausstattung am guten Willen der Klinik-Leitung hängt.

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