Worms
Mit dem Smartphone ins Worms der Lutherzeit
Wo hat der Reformator übernachtet, bevor er im April 1521 auf dem Reichstag sprach? Wie sah der Bischofshof aus, der einst neben dem Dom stand und in dem Luther Rede und Antwort stehen musste zu seinen revolutionären Schriften? Und wie reagierte das Volk, als der Wittenberger Theologieprofessor die Stadt durch die Martinspforte betrat? All das will eine „Luther-App“ erlebbar machen, die ab Anfang April genutzt werden kann. Entwickelt wurde sie im Auftrag der Stadt Worms von der 2019 ins Leben gerufenen Forschungsgruppe „Interdisziplinäres Zentrum für digitales Erlebnisdesign“ der Hochschule Worms. Fachleute und Studierende der Informatik und der Wirtschaftswissenschaften, insbesondere aus dem Bereich Touristik, arbeiten darin fächerübergreifend zusammen. Entstanden sind so bereits zwei digitale Gästeführungen durch die Nibelungenstadt.
Figuren von Frankenthaler Comiczeichner
Neu ist nun, dass Gäste im Lutherjahr, 500 Jahre nach dem Reichstag zu Worms, die historischen Ereignisse vor Ort erleben können. Möglich macht das eine Technik, die sich „erweiterte Realität“ (englisch: augmented reality) nennt und die der Professor für Medieninformatik, Alexander Wiebel, „die Schnittstelle zwischen echter und virtueller Welt“ nennt. Gemeinsam mit drei studentischen Hilfskräften und zwei Bachelor-Studenten, die der Luther-App ihre Abschlussarbeit widmeten, haben der 42-Jährige und sein Kollege Jan Drengner, Professor für Dienstleistungsmarketing und -management, das Worms der Lutherzeit wieder zum Leben erweckt. „Viele historische Gebäude sind heute nicht mehr da“, erläutert Drengner. Deshalb habe man anhand historischer Zeichnungen Gebäude wie den Johanniterhof oder die Martinspforte dreidimensional und in voller Größe nachgebildet. Wer mit der App unterwegs ist, kann am historischen Standort um die Bauwerke laufen und sie zum Teil auch betreten. Anhand von Figuren, die der Frankenthaler Comiczeichner Dennis Hauck entworfen hat, soll Luthers Geschichte erzählt werden.
Sechs Stationen
Die Tour startet am Lutherdenkmal mit einer Einführung und führt über vier weitere Stationen zum Endpunkt an der Dreifaltigkeitskirche. Anders als beispielsweise bei dem Spiel Pokémon Go, bei dem Nutzer in ihrer Umgebung virtuelle Fantasiewesen fangen müssen und das eine gewisse örtliche Ungenauigkeit erlaube, müssen Nutzer der App tatsächlich an einem festen Punkt stehen, um die historischen Gebäude entstehen zu lassen, erläutert Wiebel. Deshalb nutze man vorhandene Informationstafeln in der Stadt, auf denen ein Foto abgescannt werden muss. Weil die Forscher den Standort der Stelen genau kennen, konnten sie so ihre Berechnungen exakt anwenden. Auch aufgrund einiger technischer Spielereien sei das Programmieren eine „durchaus größere Herausforderung“ gewesen. So müssen Gäste beispielsweise mit ihrem Smartphone eine Klopfbewegung machen, bevor sie Zugang zu den Räumen des Bischofshofs bekommen. Ungewohnt für die Experten: „Wir mussten das Programm immer wieder vor Ort testen“, sagt Wiebel in Anspielung auf das Klischee des Computernerds, der nur vor dem PC sitzt.
Virtuelle Produkte immer wichtiger für Tourismus
Die Entwicklungsarbeiten an der App haben im Herbst 2019 begonnen. Zusätzlich zum technischen Know-how hätten sich die Beteiligten ein umfangreiches historisches Wissen rund um den Reichstag von 1521 angeeignet. „Ein Profiteam wäre sicher schneller gewesen“, räumt Touristiker Drengner ein. Allerdings wolle man im Sinne einer „forschenden Lehre“ bewusst Studierende einbinden, um ihnen mögliche künftige Arbeitsfelder aufzuzeigen. „Virtuelle Produkte gewinnen auch im Tourismus immer mehr an Bedeutung“, sagt Drengner. Über das Budget wollen er und sein Kollege Wiebel keine Auskunft geben. Nur so viel: „Das ist für uns als Hochschule ganz sicher kein Businessmodell.“