Bobenheim-Roxheim RHEINPFALZ Plus Artikel Interview: Autor Arno Lücker über sein Buch „250 Komponistinnen“

Möchte mit seinem Buch auf die öffentlich nicht sehr weit bekannten Leistungen weiblicher Komponistinnen aufmerksam machen: Arno
Möchte mit seinem Buch auf die öffentlich nicht sehr weit bekannten Leistungen weiblicher Komponistinnen aufmerksam machen: Arno Lücker.

Sie sind unbekannt, aber nicht weniger talentiert: Komponistinnen der klassischen Musik. 250 davon hat der Berliner Musikwissenschaftler Arno Lücker in einem Buch vorgestellt, aus dem er am 19. März in Bobenheim-Roxheim liest. Warum es Frauen in dieser Musikszene schwer hatten, erklärt er im Gespräch mit Alexander Hogrefe.

Warum haben Sie sich entschieden, ein Buch über Komponistinnen zu schreiben?
Ursprünglich habe ich an einer Online-Serie zu diesem Thema für das „VAN“-Magazin gearbeitet. Von 2019 bis 2023 behandelten wir immer eine Komponistin pro Folge. Dass so viele Frauen der klassischen Musik unbekannt sind, gehört zu der nicht so schönen Seite dieser Musikszene, die ohnehin etwas rückständig ist und sehr männlich dominiert. Ich persönlich kannte vor der Arbeit an der Serie etwa 20 bis 30 Komponistinnen. Der Rest kam dann durch die Recherche.

Wie haben Sie die Künstlerinnen in Ihrem Buch dargestellt?
Ich habe zuerst geschaut, welche Musikstücke erhalten sind. Gab es für eine Person mehr Stücke zur Auswahl, habe ich eines ausgewählt und musikalisch eingeordnet. Bei der großen Anzahl an Komponistinnen war es nicht möglich, den ganzen Werkkatalog abzubilden. Ergänzt sind die Kapitel mit einem jeweiligen kurzen biografischen Abriss.

Anna Bon di Venezia wurde bereits als Fünfjährige von einer Schülerin Vivaldis in einer Waisenschule in Venedig ausgebildet.
Anna Bon di Venezia wurde bereits als Fünfjährige von einer Schülerin Vivaldis in einer Waisenschule in Venedig ausgebildet.

Viele der Komponistinnen sind Vertreter der „Ernsten Musik“, ein anderer Begriff für die klassische Musik. Haben Sie sich nur auf diese Musikrichtung beschränkt?
Nein. Wenn ich bei meinen Recherchen auf ein Stück gestoßen bin, dass ich erwähnenswert fand, dann habe ich das mit aufgenommen. Neben klassischen Stücken stammen Künstlerinnen auch aus der Aktionskunst, der Folklore oder der Weltmusik sowie aus dem Jazz.

Wer ist die älteste und jüngste Komponistin in Ihrer Sammlung?
Die älteste ist Kassia, die im 9. Jahrhundert in Konstantinopel gelebt hat. Sie war eine byzantinische Nonne und gilt als die frühste Komponistin des Abendlandes. Die jüngste ist die Internetmusikerin Laila Arafah, die 2004 in Großbritannien geboren wurde.

Warum haben Sie sich für die Anzahl von 250 entschieden?
Für mich war das eine kompakte, runde Zahl. Nur 100 Komponistinnen vorzustellen, wäre mir zu wenig gewesen. Ich wollte der Öffentlichkeit zeigen, dass es viele erwähnenswerte Namen gibt.

Aus welchen Ländern stammen die Frauen in Ihrem Buch?
Die meisten aus Deutschland und Österreich mit den USA auf Platz drei. Trotzdem habe ich versucht, viele verschiedene Gegenden und Kulturen mit aufzunehmen. Das war aber nicht immer leicht, da die Tradition des Notenschreibens nicht allen Kulturen zu eigen ist.

Hildegard von Bingen gilt als Universalgelehrte des Mittelalters. 77 Lieder sind von ihr überliefert.
Hildegard von Bingen gilt als Universalgelehrte des Mittelalters. 77 Lieder sind von ihr überliefert.

Wie lange haben Sie an dem Buch geschrieben?
Noch während die Serie für das Magazin lief, bin ich von einem Verlag angesprochen worden, ob ich darüber ein Buch machen möchte. Im Sommer 2023 habe ich dann begonnen, an dem Buch zu arbeiten. Bis zur Veröffentlichung im November verging also nur ein halbes Jahr.

War das Buchschreiben schwerer als das Erstellen der Serie?
Ja, besonders die Arbeit mit den Quellen. Die Monate Juli, August und September waren sehr arbeitsintensiv.

Sie schreiben, dass weibliche Musikerinnen oft ignoriert und beschimpft wurden. Warum war das so?
In der konservativen Musikwelt gilt das Erstellen eines musikalischen Stücks als Gipfel der Kunst. Wird ein Stück dann populär, ist das auch für den Künstler ein großer Triumph. Diesen Erfolg hat man Frauen lange nicht zugestanden. Darüber hinaus lebten viele Komponisten der vergangenen Jahrhunderte wie Beethoven sehr für sich. Viele reisten auch, um neue Musikstile kennenzulernen. Diese Möglichkeiten blieben Frauen verwehrt, da sie vorrangig für die Kindererziehung zuständig waren. Ich werde oft gefragt, ob Frauen anders als Männer komponieren. Das hat aber nichts mit dem Geschlecht zu tun, sondern mit den damaligen sozialen Umständen.

Welche der Komponistinnen hat Sie am meisten beeindruckt?
Begeistert haben mich die Klosterfrauen aus dem siebzehnten Jahrhundert wie Chiara Margarita Cozzolani aus Norditalien. Sie haben häufig Musik zu sakralen Themen geschrieben. Für viele blieb die Flucht ins Kloster die einzige Option, um ihren musikalischen Talenten nachgehen zu können.

Haben Sie ein Ziel, dass Sie mit diesem Buch verfolgen?
Es ist kein wissenschaftliches Buch, sondern ein Lese- und Entdeckungsbuch. Mein Wunsch wäre es, wenn mehr gerade die subventionierten Orchester auch Stücke spielen würden, die noch nicht so bekannt sind. Hört man ein Lied, das 200 Jahre alt und von einer Frau komponiert worden ist, hat das durchaus häufig etwas mit Leid zu tun, also im Hintergrund des Entstehungsprozesses. Gleichzeitig kann die Musik selbst bezaubern und hinreißen. Ich habe Lust, auf solche Erfahrungen. Denn wenn man aus seiner Filterblase ausbricht, fühlt man sich immer besser. Das ist wie eine Frischzellenkur, nur mit Musik!

Termin

Die musikalische Lesung mit Arno Lücker findet am Dienstag, 19. März, 19 Uhr, im Kurpfalztreff unter den Arkaden in Bobenheim-Roxheim statt. Die Veranstaltung wird von der Gleichstellungsstelle des Rhein-Pfalz-Kreises und der Gemeinde Bobenheim-Roxheim im Kontext des Weltfrauentages organisiert. Tickets zu zehn Euro gibt es bei der Gemeindeverwaltung oder an der Abendkasse.

Als Dichterin ist Annette von Droste-Hülshoff bekannt, ihre Musik wurde hingegen weitestgehend verdrängt.
Als Dichterin ist Annette von Droste-Hülshoff bekannt, ihre Musik wurde hingegen weitestgehend verdrängt.
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