Frankenthal
AEG-Lehrer im Interview: „Große Lust, mit den jungen Leuten zu arbeiten“
Herr Ipsen, mit welchem Gefühl sind Sie nach dem Sommer und sechs Wochen Ferien wieder in die Schule zurückgekommen?
Motiviert. Ich habe einfach große Lust, wieder mit den jungen Leuten hier zu arbeiten. Und es ist natürlich eine ganz andere Sache, den Schülern im Klassensaal gegenüber zu stehen, nach Fern- und Wechselunterricht im vergangenen Schuljahr. Natürlich ist da immer noch ein bisschen Bammel davor, dass es unter bestimmten Umständen doch noch mal zum Lockdown kommen könnte. Denn eins ist doch klar: Den Jugendlichen sind als Folge der Pandemie ganz wichtige Erfahrungen und Erlebnisse weggebrochen, die Jahrgänge vor ihnen alle gemacht haben: Abschlussfahrten, Abiball ...
Und wie wirken die Schüler auf Sie?
Denen geht es ganz ähnlich. Die Haltung ist: Wir wollen gemeinsam das Beste daraus machen. Ich muss aber hinzufügen, dass ich vor allem in der Oberstufe unterrichte. Da sind doch inzwischen sehr viele gegen das Coronavirus geimpft – ich würde sagen, mehr als die Hälfte. Die Mehrzahl der Jungs und Mädchen sind sehr gelassen, weil die Chance auf einen schweren Verlauf in ihrem Alter ja doch ein gutes Stück geringer ist als bei Erwachsenen. Ich würde sagen, sie freuen sich auf ihr Leben. Trotzdem werden sich manche auch sorgen, vielleicht um ihre Großeltern. Und: Wir wissen nicht, wozu die Delta-Variante oder andere Mutationen noch führen.
Inwiefern war das Gefühl bei der Rückkehr in den Unterricht jetzt anders als im vergangenen Jahr?
Ich denke, die Schüler sehen, dass viele von ihnen jetzt gut geschützt sind. Auch wenn allen nach wie vor klar ist, dass es die Gefahr gibt. Wir alle wissen aber zum Zeitpunkt jetzt doch sehr viel mehr über diesen Erreger und was er anrichten kann als im Sommer 2020. Insofern ist die Angst berechtigterweise etwas geringer, finde ich.
Eine Erkenntnis ist sicher, dass es schwer ist, langfristig etwas zu planen. Wie gehen Sie und Ihre Kollegen am AEG damit um?
Wir sind mehr als 100 Lehrkräfte an der Schule, insofern weiß ich es nicht von jedem Einzelnen. Aber es gibt das gemeinsame positive Gefühl, dass wir das alles in allem gut hinkriegen. Und auch wenn wir noch nicht wissen, was uns in den nächsten Monaten erwartet, müssen wir natürlich schauen, welches Thema für die Abiturprüfungen wir auswählen. Und ganz klar: Wir bereiten auch Kursfahrten vor. Irgendwie habe ich mich daran gewöhnt zu planen, ohne planen zu können. Es ist in den zurückliegenden anderthalb Jahren oft genug passiert, dass Dinge nicht wie vorgesehen klappen. Deshalb haben wir Lehrer natürlich schon Material parat – für den Fall der Fälle. Das klingt jetzt pessimistischer, als es gemeint ist. Bei mir überwiegt die Zuversicht.
Ohne Spuren wird diese Pandemiezeit aber an niemandem von uns vorübergehen ...
In irgendeiner Art und Weise trifft das auf alle zu, das ist richtig. Bei den Schülern geht nicht nur Lernstoff verloren. Wie gesagt: Das sind vor allem die sozialen Kompetenzen und die Erlebnisse, die verlorengehen. Allerdings haben wir alle – Schüler und Lehrer – einiges an digitaler Kompetenz gewonnen. Die Arbeit mit Video- und Audiodateien ist total selbstverständlich geworden. Da profitiert Schule schon davon. Ich genieße trotzdem noch den Wert der Stille beim Lesen eines Buchs. (lacht)
Leicht gefallen ist der Unterricht per Videokonferenz bestimmt aber nicht jeder oder jedem, nehme ich an ...
Es gab da sicher auch schwierige Fälle - und damit die Frage: Wie kann ich diese Jugendlichen erreichen? Aber auch dafür gibt es Mittel und Wege. Ich habe diese Schüler einfach gebeten, noch ein paar Minuten im Videocall zu bleiben und mit mir persönlich zu sprechen – sozusagen unter vier Augen.
Bei unseren Videokonferenzen in der Redaktion hatten am Anfang alle Kollegen immer schön die Kamera an – erst ohne dann mit Hintergrundbild. Wie war das im Unterricht?
Das ist total typabhängig. Im Grunde stellt sich die Frage: Wie viel möchte ich von mir preisgeben? Als Lehrer ist man immer in einer Zwitterrolle. Ich stehe nicht allein als Pädagoge vor den Kindern, sondern immer als Person oder Persönlichkeit. Umgekehrt: Nur persönlich geht halt auch wieder nicht. Ich habe aber keine Probleme damit, wenn meine Schüler in dieser Situation etwas Privates mitbekommen.
Hand aufs Herz: Sind Sie der Typ für den verschwommenen Hintergrund oder das gut gefüllte Bücherregal?
In jedem Fall war der Fernunterricht ein guter Anlass, das Arbeitszimmer aufzuräumen. (lacht) Es ist auch durchaus vorgekommen, dass mein Junior reinmarschiert kam und um Hilfe bei den Matheaufgaben gefragt hat, während ich am Unterrichten war. Das ist ja aber nicht peinlich. Es gehört halt dazu.
Und wie hatte es sich angefühlt, im Winter und Frühjahr wieder in den Präsenzunterricht zu wechseln?
Angesichts der damaligen Infektionslage gab es schon einige Kollegen, die aus guten Gründen Angst um ihre Gesundheit hatten. Ich habe mir eben die FFP2-Maske angezogen und eine dicke Wolljacke gekauft. Ich persönlich habe das Risiko als nicht zu groß wahrgenommen. Wir alle hoffen einfach mit Blick auf die bevorstehende Zeit, dass die Schule weitergehen kann. Schule, Sport und Musik – das alles wieder genießen zu können, das wäre schon schön. Interview: Jörg Schmihing
Zur Person
Frank Ipsen (49) ist seit 2002 Lehrer am Albert-Einstein-Gymnasium. Über das AEG sagt er: „Ich bin ein großer Fan der Schule. Es fühlt sich gut an, hier arbeiten zu gehen.“ Der gebürtige Schleswig-Holsteiner wohnt mit seiner Frau und den beiden Kindern (neun und elf Jahre alt) in Bobenheim-Roxheim.